Präfrontaler Cortex

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zoraya
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Präfrontaler Cortex

Beitragvon zoraya » 30. Juni 2018 19:57

Hi
Ich hatte gelesen, dass der Präfrontale Cortex aktiv wird, wenn Mensch wütend ist. Es wird abgewogen, welche Impulse Mensch nachgeben kann, damit nicht die Soziale Bindung zu den anderen gefährdet wird (Bevor der Mensch etwas tut). Die Wut ist aber wichtig, um den anderen in der Gruppe mitzuteilen, dass etwas nicht gut ist.

Das wäre also bei normalen Menschen so.

Bei ADHS'lern scheint ja nun das nicht zu funktionieren, oder nicht richtig. Also, die Wut kommt dann ungefiltert raus.
Kann mir das jemand bestätigen?
Ich werd auch noch den Psychologen danach fragen.
LG Zoraya
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Re: Präfrontaler Cortex

Beitragvon ULBRE » 1. Juli 2018 12:26

Hi,

der präfrontale Cortex (PFC) ist eigentlich fast immer aktiv.
Der PFC ist entwicklungshistorisch das jüngste Gehirnteil, er ermöglicht das bewusste, logische, analytische denken.

Der PFC hat unter anderem eine wichtige Rolle in der Kontrolle von Emotionen und auch der Impulskontrolle.
Leichter Stress (leicht erhöhtes Noradrenalin und Dopamin im PFC) erhöht die Leistungsfähigkeit des PFC, starker Stress (stark erhöhtes Norardenalin) schaltet den PFC aus und verlagert die Verhaltenskontrolle in ältere Gehirnregionen. Bei Kampf oder Flucht (den ultimativen Stressreaktionen) braucht es keine kognitive (langsame) Analyse, sondern instinktives (schnelles) reflexartiges Handeln.

Der PFC hat zwar die Hauptkontrolle, die weiteren Systeme sind aber nicht rein hierarchisch untergeordnet, sondern alle sind untereinander in beide Richtungen vernetzt.

In meinem Bild von AD(H)S sind die Stresssysteme (Autonomes Nervensystem und HPA-Achse) samt deren Vernetzungen zum PFC überreagibel (schalten zu schnell an, vor allem ADS) oder schalten nicht mehr ab (vor allem ADHS).

Geht das in die Richtung was Du wissen wolltest ?

Viele Grüsse

UlBre
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Re: Präfrontaler Cortex

Beitragvon zoraya » 16. Juli 2018 21:33

ULBRE hat geschrieben:Hi

In meinem Bild von AD(H)S sind die Stresssysteme (Autonomes Nervensystem und HPA-Achse) samt deren Vernetzungen zum PFC überreagibel (schalten zu schnell an, vor allem ADS) oder schalten nicht mehr ab (vor allem ADHS).

Geht das in die Richtung was Du wissen wolltest ?

Viele Grüsse

UlBre


Ja, das war das. Aber was meinst du genau mit dem letzten Abschnitt, das verstehe ich noch nicht.
Sorry übrigens, hatte den Beitrag erst jetzt gesehen.
Lg Zoraya
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Re: Präfrontaler Cortex

Beitragvon zoraya » 16. Juli 2018 21:42

Wieso meinst du denn, dass ein Unterschied zwischen dem ADHS und dem ADS ist? Meinst du, dass der hibbelige Typ hibbelig ist, weil er unter Stress steht?
Was passiert denn mit dem ADS Typ wenn der Stress aktiviert worden ist? Der geht ja nicht weg?
Hab glaub zuwenig Biologie Wissen... Lg
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Re: Präfrontaler Cortex

Beitragvon ULBRE » 18. Juli 2018 09:42

Hallo zoraya,

der Stress ist für ADHS und ADS identisch. Es gibt keinerlei genetische Unterschiede zwischen ADHS und ADS, es ist reiner Zufall.
ADHS und ADS sind nach meinem Verständnis unterschiedliche Arten, mit Stress umzugehen. ADHS externalisieren ihre Stressreaktionen, ADS internalisieren sie.

Dass das so zufällig ist hat mE einen Nutzen:
Bis vor einigen tausend Jahren lebten wir als Nomaden in kleinen Gruppen von vielleicht 50 bis maximal 100 Menschen. Je unterschiedlicher die Mitglieder der Gruppe, desto besser waren ihre Überlebenschancen.
Weiss man heute in der Arbeitspsychologie über Teams: je unterschiedlicher die Einzelnen, desto besser die Ergebnisse.

ADHS und ADS haben den selben zu niedrigen basalen Cortisolspiegel (basal = Grundlevel über den Tag).
Externalisierer (ADHS) haben eine abgeflachte Cortisolantwort auf einen akuten Stressor, Internalisierer (ADS) eine überhöhte. Das ist ein ganz typisches Muster und bei allen externalisierenden / internalisierenden psychischen Störungen zu beobachten.

Dann hatte ich mir überlegt:
Cortisol ist als eines der wichtigsten Stresshormone auch dasjenige, das die HPA-Achse (eines der beiden wichtigsten Stresssysteme neben dem Autonomen Nervensystem (Sympathikus/Parasympathikus)) am Ende wieder abschaltet, weil das ja Notreaktionen sind, die nicht für Dauerbetrieb geeignet sind.
Meine Überlegung war: wenn ADHS eine zu schwache Cortisolantwort hat, wird bei ADHS die HPA-Achse vielleicht nicht wieder richtig abgeschaltet und bei ADS wird die HPA-Achse sogar zu häufig runtergefahren.
Meine Messungen der Herzratenvariabilität (einem Stressmesswert, wenn auch eher für das ANS) deuten an, dass das bei ADHS passen könnte. Hat ein ADHS-ler mal richtig extremen akuten Stress, sind die Stresswerte die Tage danach deutlich niedriger. Normaler Tagesstress reicht dafür aber nicht aus.
Meine Messungen bei ADS deuten aber darauf hin, dass diese - entgegen meiner Überlegungen - genau so reagieren wir ADHSler, dass also kein ständiges An-Aus der Stresssysteme vorliegt, sondern eine zu seltene Abschaltung.
Muss dazu sagen: meine "Messungen" genügen in keiner Weise wissenschaftlichen Ansprüchen, weder von der Probandenzahl noch von der Versuchsanordnung her.

Falls jemand seine Stresswerte selbst beobachten will:
Es gibt (nach meiner Kenntnis) eine einzige Sportuhr, die HRV musst, die Garmin Vivosmart 3. Kostet zwischen 60 und 100 Euro...
Achtung, es gibt da ein paar sehr ähnlich klingende Uhren von Garmin.

Falls Du mehr dazu wissen magst, kann ich Dir gerne die Links dazu schicken, wo ich das ausführlicher runtergeschrieben habe.

Viel Grüsse

UlBre
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Re: Präfrontaler Cortex

Beitragvon Falschparker » 18. Juli 2018 18:25

zoraya hat geschrieben:Hi
Ich hatte gelesen, dass der Präfrontale Cortex aktiv wird, wenn Mensch wütend ist. Es wird abgewogen, welche Impulse Mensch nachgeben kann, damit nicht die Soziale Bindung zu den anderen gefährdet wird (Bevor der Mensch etwas tut). Die Wut ist aber wichtig, um den anderen in der Gruppe mitzuteilen, dass etwas nicht gut ist.

Das wäre also bei normalen Menschen so.


Na ich musste etwas schmunzeln. Abgewogene Wut ist denke ich auch bei normalen Menschen keine Wut mehr. Wer abwägt, kann auch mit weniger Wut seinen Mitmenschen mitteilen (durchaus etwas lauter, aber eben nicht mehr richtig wütend), dass er etwas nicht gut findet.

Aber du hast schon recht, Nicht-ADHS-ler können sich etwas besser bremsen. Aber auch ADHS-ler übrigens differenzieren. Viele schaffen es, sich auf der Arbeit im Griff zu haben, aber nicht gegenüber Kindern oder Partnern.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die folgende Bibelstelle:
Und er (Jesus) fand im Tempel die Verkäufer von Rindern und Schafen und Tauben und die Wechsler, die dasaßen. Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus, samt den Schafen und Rindern, und den Wechslern verschüttete er das Geld und stieß die Tische um; und zu den Taubenverkäufern sprach er: Schafft das weg von hier! Macht nicht das Haus meines Vaters zu einem Kaufhaus!

Johannes 2, 14-16

Jesus hat niemals gesündigt, d. h. er handelte nicht aus Impulsivität. Man vergleiche, wie er sich weder vom Teufel (Lukas 4) noch von seinen Anklägern, die ihn verspotten und bespucken (u. a. Markus 14), aus der Ruhe bringen lässt. Dennoch wäre es zutreffend, sein Handeln im Tempel aufbrausend zu nennen.

Es muss also tatsächlich auch eine sozusagen "gute Wut" geben, wie du auch oben andeutest.
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Re: Präfrontaler Cortex

Beitragvon zoraya » 18. Juli 2018 18:38

Hier die Bibel zu zitieren, wo wissenschaftliche Hintergrundinformationen gesucht werden, ist ziemlich fehl am Platz.
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Re: Präfrontaler Cortex

Beitragvon Falschparker » 18. Juli 2018 19:42

Hier speziell ging es mir nicht um wissenschaftliche Information, sondern um die sprachliche Unterscheidung von "guter" oder "schlechter" Wut.

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