Hilfe zum Verstehen der selektiven Wahrnehmung, Bottom-Up und Top-Down

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Psychotic_Black_Rabbit
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Hilfe zum Verstehen der selektiven Wahrnehmung, Bottom-Up und Top-Down

Beitrag von Psychotic_Black_Rabbit » 21. September 2014 23:11

Grüßt euch.
Ich habe hier ein paar Auszüge eines recht interessanten Artikel,
der mir persönlich geholfen hat besser zu verstehen wo meine ganze Aufmerksamkeit denn überhaupt bleibt.
Ins besondere wenn ich mal wieder mit jemandem oder gar mehreren Personen beisammen Sitze und mir einfach nicht einfallen will was es denn zu sagen gäbe, weil ich mehr mit inneren Anspannungen beschäftigt bin.
Kommt sicher dem ein oder anderen bekannt vor.
An Hand der selektiven Wahrnehmung wird erklärt, wie unsere Aufmerksamkeit über Bottom-Up und Top-Down aufgeteilt wird
und wie das eine dem anderen unsere geistigen Kapazitäten rauben kann,
was dazu führt dass man beispielsweise nicht wirklich dazu in der Lage ist dem gegenüber effizient zu folgen und damit auch nichts zu sagen hat.


____________________________________________________________________________


Was wir lernen, wie gut und wie ausdauernd
wir arbeiten können, hängt davon ab,
welchen Reizen wir Aufmerksamkeit
schenken und welchen nicht.
Aufmerksamkeit entscheidet darüber, wie wir mit
unseren Nächsten umgehen, in Familie
und Partnerschaft, wie wir unsere Lebenswelt gestalten,
wie genau wir Informationen unseres Körpers und unserer
Seele registrieren,
was in unser Langzeitgedächtnis eingeht und damit letztlich
unsere Lebensgeschichte konstituiert.
Unablässiges Starren auf
kleine Monitore
Aufmerksamkeit entsteht durch das
Zusammenspiel verschiedener Gehirnregionen.
Einige entscheiden darüber,
welche Bereiche unsere Aufmerksamkeit
fast automatisch auf sich ziehen, andere
wiederum (die „höheren Funktionen“) befähigen uns,
willentlich den Suchscheinwerfer unserer Aufmerksamkeit
zu betätigen und uns selbst wichtige oder
lohnende Ziele zu suchen, auf die wir
den Fokus richten wollen.
Aufmerksamkeit ist mit vielen anderen mentalen
„Tools“ oder Funktionen verknüpft:
verstehen, erinnern, lernen, Muster erkennen,
Gefühle und Gefühlssignale bei
sich selbst und anderen lesen können
und vieles mehr.
Je besser wir die Funktionsweisen der
Aufmerksamkeitsreaktion und -steuerung verstehen
und je besser wir sie beeinflussen können,
desto stärker können wir die „Produkte“ der Aufmerksamkeit
erkennen und bewerten:
Ist das eine gute oder schlechte Idee?
War das eben ein spöttisches oder ein freundliches Lächeln?
Riecht es hier nach Kaffee oder nach etwas anderem?
Wird der Fahrer auf der rechten Fahrbahn gleich nach
links ausscheren ohne zu blinken? Habe ich diese Mail vorhin schon einmal
gelesen?
Wir navigieren mithilfe des
Richtstrahls namens Aufmerksamkeit
durch unser Leben. Was wir in seinem
Licht erkennen, wahrnehmen, für wichtig halten,
in unserem Gedächtnis speichern – alles, worauf wir reagieren,
definiert und begrenzt gleichzeitig unsere
Wahrnehmung und unsere subjektive
Welt, in der jeder Mensch lebt und die
einzigartig ist.




Drei Teilwelten gilt es dabei im Blick
zu behalten:

– die innere Welt der Intuitionen, der
Werte und der höheren Verstandestätigkeit,

– die äußere Welt, die uns durch eine
zunehmende Zahl von Reizen und Ablenkungen immer mehr Fokussierung
und Auswahl abverlangt,

– die soziale Welt, in der wir uns auf
Menschen, auf ihre Sprache, ihre Ideen,
ihre Mimik und Gestik konzentrieren.
Wie wir in diesen drei Sphären Aufmerksamkeit lenken,
wie viel Zeit und Fokus wir investieren, wie wir überhaupt
die Investitionsentscheidungen treffen,
das hängt nicht zuletzt davon ab, wie
gut wir die Basisfähigkeit gelernt haben:
Konzentration.










Aufmerksamkeit kann auf zwei Arten verlorengehen.
Die sensorischen Ablenkungen wirken relativ simpel und direkt
– das Aufheulen einer Alarmsirene in
der Nachbarschaft, der drückende
Schuh, das Jucken in der Ohrmuschel,
während Sie diesen Text lesen. Zu allen
Zeiten musste unser Gehirn eine endlose Kette von Reizen aussortieren,
bevor sie unser Bewusstsein erreichen.
Noch schwieriger ist es, die vielen Ablenkungen abzuwehren,
die aus emotionalen Reizen bestehen. Emotionalen
Aufmerksamkeitswert hat im Grunde
alles, was uns als Person betrifft. Wir
hören auf einer lebhaften Party durch
all das Stimmengewirr und Gläserklingen hindurch,
wie jemand in der anderen Ecke des Raumes unseren Namen
ausspricht: Da hören wir hin, da muss
unser momentaner Gesprächspartner
eine Weile auf uns verzichten. Äh, wo
waren wir stehengeblieben?
Besonders enervierend sind emotionale Ablenkungen,
die aus dem ganz normalen inneren Chaos und
Kuddelmuddel unseres Innenlebens stammen:
quälende Gedanken über unerledigte
Probleme, schwelende Konf likte,
beunruhigende Erinnerungen, Ängste,
Hoffnungen, alles, was uns plötzlich grübeln
oder in langes Nachdenken versinken
lässt – und uns aus einer fokussierten
Lektüre, einer spannenden Tätigkeit
oder einem Gespräch herausreißen kann.
Wenn der Tunnelblick verlorengeht
Sensorische und emotionale Ablenkungen lassen uns den Fokus verlieren.
Der Elfmeterschütze, der kurz vor dem Anlaufen noch einmal daran denkt,
wie er den letzten Elfmeter verschossen hat,
oder der die Schreie der gegnerischen
Fans nicht überhören kann, verliert
schlagartig seinen „Tunnelblick“, der im
Sport als das ideale Maß an Konzentration gilt:
Er bekommt weiche Knie.
Fokussierung ist selektive Wahrnehmung.
Diese Verengung leistet der präfrontale
Kortex, der für die Verstärkung oder
Dämpfung von eingehenden Signalen
und Reizen verantwortlich ist.
Im Zustand des Konzentriertseins
funktioniert unser Gehirn optimal: Es
synchronisiert alle neuronalen Systeme,
die für Aufmerksamkeit, Problembewältigung und
Fokussierung wichtig sind.
Ablenkungen können diese Synchronizität empfindlich stören, und die
Leistungsfähigkeit nimmt stark ab.
Das ist beispielsweise das Problem von Menschen mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-
Syndrom – sie können eindringende
Reize schwer ausblenden, nicht synchron und effizient bei der Sache bleiben,
ihre Aufmerksamkeit und ihre Leistung verschlechtert sich dramatisch.
Aber der Kampf mit Ablenkungen
wird auch von konzentrationsfähigen
und gut balancierten Menschen nicht
immer erfolgreich geführt.











Arbeitsgedächtnis:
Die magischen Sieben
Denn zu all den Ablenkungen und konkurrierenden Reizen,
die unsere Konzentration stören, kommt die banale
Tatsache hinzu, dass unsere Aufmerksamkeitskapazität ohnehin begrenzt ist.
Der Psychologe George Miller hat bereits
in den 1950er Jahren das Maß so definiert:
Sieben (plus oder minus zwei) „Stücke“ (chunks) von Information
sind das obere Limit der Aufnahme- und
Verarbeitungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses.
Neuere Forschungsergebnisse gehen sogar nur von vier chunks aus.
Soll heißen: Nur vier Sinn
einheiten,
vier Passagen eines Textes, vier Aspekte einer Idee
können wir in einer zeitlichen Sequenz aufmerksam aufnehmen.
Spätestens dann sinkt die Konzentrationsleistung eine Zeitlang ab.
Wenn wir „bei der Sache bleiben“, kann dann die
nächste Sequenz gelesen werden. Es sei
denn, wir lassen den Geist abschweifen
oder uns von einem anderen Reiz unterbrechen.
Was dann noch nicht fest in unser Arbeitsgedächtnis aufgenommen wurde,
hat kaum eine Chance, ins Langzeitgedächtnis überführt und
behalten zu werden.






Viel zu häufig „falscher Alarm“
für die Aufmerksamkeit
Eine der umstrittensten Gehirnfunktionen des modernen Menschen ist das
sogenannte Multitasking, also die Fähigkeit,
zwei oder mehr Aufmerksamkeit erfordernde kognitive Tätigkeiten
gleichzeitig auszuüben. Es gibt jedoch
ganz eindeutig keine „parallelen Aufmerksamkeiten“,
wir können lediglich zwischen zwei Konzentrationsobjekten
hin und her wechseln. Das ist erstens
anstrengend und zweitens schon nach
kurzer Zeit ineffektiv, wichtige Informationspartikel gehen verloren,
die Energie, die für konzentriertes Lesen
oder Arbeiten nötig ist, ist schnell erschöpft









Wie lässt sich die Aufmerksamkeit
erhöhen, wie können wir selbst dazu
beitragen, dass wir fokussiert und konzentriert all das tun,
was wir im Grunde für wichtig und notwendig halten?
Warum lassen wir uns ständig ablenken,
obwohl doch der Flow-Effekt tiefer Konzentration
so viel befriedigender wäre?
Um Antworten auf diese Fragen zu
finden, muss man zunächst wissen, wie
unser Gehirn arbeitet.

Es kann Aufmerksamkeit mit zwei weitgehend voneinander
unabhängigen Systemen herstellen und managen:

Das
Bottom-up-System

funktioniert „aufwärts“:
Die unten im Gehirn liegenden subkortikalen und älteren Hirnstrukturen entscheiden,
welche Reize zugelassen undbeachtet werden.

Das
Top-down-System

(„von oben
nach unten“) ist Sache des Neokortex,
der unser bewusstes Handeln und Denken organisiert und dafür die höheren
Verstandesfähigkeiten wie Reflexion
und Selbstkontrolle einsetzt.
Beide Systeme konkurrieren miteinander,
sie können einander unterbrechen,
beeinflussen, auch überwältigen.

Das
Bottom-up-System
operiert
sehr schnell und quasi instinktiv.
Es umfasst unsere Intuition, unsere
Impulse und Emotionen, gleichzeitig
verfügt es auch über das Repertoire von
Gewohnheiten, Automatismen und eingeübten Reflexen.
Außerdem ist das Bottom-up-System
auch eine gut geölte Maschine, die dafür
sorgt, dass wir vieles automatisch und
ohne volle Konzentration tun können:
Auto fahren, die Geschirrspülmaschine
ausräumen und leider auch essen oder
andere „Routinetätigkeiten“. Viele Impulse,
die uns in der modernen Welt in
Schwierigkeiten bringen können, gehen
vom Bottom-up-System aus: Wir essen
zu gierig und gedankenlos, wir drängeln
uns vor an der Ladenkasse, wir fahren
zu schnell und trinken zu viel,
wir reagieren schnell panisch bei jeder Bedrohung,
wir schmelzen dahin bei Bildern
von süßen Kindern oder Tieren und
kaufen Produkte, deren Produzenten
genau auf diesen Effekt kalkuliert haben.
Das automatische Bottom-up-System,
das uns über große Strecken dirigiert, bringt uns häufig in Schwierigkeiten.
Gerade weil es von Emotionen und Motiven angetrieben ist,
ist es anfällig für „falschen Alarm“,
für aufdringliche und potenziell schädliche Signale.

Angst kann das Bottom-up-System kapern und
die Aufmerksamkeit im eisernen Griff halten.
Wer sich beispielsweise vor Zurückweisung fürchtet oder sich
nicht akzeptiert fühlt, konzentriert sich
auf die Signale, die dieses Gefühl bestätigen könnten:
ein Hochziehen der Augenbrauen, ein spöttisches Lächeln, der
gereizte oder ablehnende Ton in der
Stimme des Gegenübers. Wenn unsere
Konzentration auf diese Aufgabe gerichtet ist,
können wir nicht gleichzeitig auf den Inhalt
eines Gespräches achten oder
auf andere Informationen, die vielleicht
sehr viel wichtiger oder wertvoller für
uns sind.

Das
Top-down-System
dagegen unterliegt unserem bewussten Willen, es
artikuliert unsere Absichten und Ziele.
Wenn es zum Zuge kommt, kann es die
Automatismen und unbewussten oder
emotionalen Impulse aus dem anderen
System kontrollieren und bändigen.
Wenn wir uns also bewusst auf etwas
konzentrieren, uns etwas vornehmen
und mit Willen und Absicht durchführen,
regiert das Top-down-System.

Das Top-down-System muss willentlich und
mit einer gewissen Anstrengung in Gang gesetzt werden.
Das Gehirn ist jedoch ein sehr energiesparendes
Organ, es geht sehr häufig den Weg des
geringsten Widerstandes, folgt den Anweisungen des Bottom-up-Systems.
Immer wieder kann dieses System gewollte und konzentrierte Aktivitäten durchbrechen,
und es ist besonders mächtig, wenn wir ohnehin abgelenkt,
zerstreut oder müde sind.
Wenn wir unsere Konzentrationsfähigkeit steigern wollen,
dann müssen wir uns also aus den
Klammern des Bottom-up-Systems befreien.
Die Lenkung unserer Aufmerksamkeit ist der Schlüssel zum gelingenden Selbstmanagement.
Indem wir uns ermächtigen, unsere Konzentration auf
bestimmte Dinge zu richten und andere zu ignorieren,
emanzipieren wir uns allmählich von unseren primitiveren
Impulsen, Begierden, wir werden nicht
mehr leichte Beute unserer Emotionen.









p
erformance,
p
rozess,
p
räsenz,
p
roduktivität,
p
ausen
Wie lässt sich der Einfluss des Bottom-
up-Systems verringern? Meditation und
Achtsamkeitstraining sind die klassischen Methoden der Wahl,
wenn es darum geht, die Konzentrationsfähigkeit
zu steigern. Aber daneben gibt es auch
ganz simple Hilfsmittel, die uns helfen,
fokussiert zu bleiben:
Entmüllen Sie Ihren Kopf.
So vieles ist
zu erledigen, zu merken, zu bedenken!
Wie soll ich mich da konzentrieren – vor
allem: worauf zuerst? Priorisieren Sie
Ihre Aufgaben und Projekte. Lernen Sie
in einer Art Triage, die wichtigen, die
später wichtigen und die völlig unwichtigen Dinge zu sortieren,
und blenden Sie die beiden Letzteren aus, sobald Sie
sich eine wichtige Sache vorgenommen
haben.
Schaffen Sie sich eine kreative,
konzentrationsfördernde Umgebung.
Überladene Schreibtische und zugemüllte
Arbeitszimmer sind angeblich der Ausweis von Genialität – in Wirklichkeit
bieten sie nur Ablenkungen und erschweren die Fokussierung.
Räumen Sie alles Überf lüssige ab. Dazu gehören
natürlich auch „Hintergrundmusik“ und Zweitmonitore. Simplify!
Bleiben Sie Herr der Technologie.
Die schöne neue Medienwelt
will unsere Aufmerksamkeit permanent: Sie blinkt und vibriert und klingelt
und unterbricht uns – wenn wir es zulassen. Für bestimmte Aufgaben und in
bestimmten Zeiten gilt deshalb: Abschalten, stumm stellen, ignorieren.
Konzentrieren Sie sich auf fünf Punkte!







Performance
: Unter welchen Bedingungen haben Sie die besten Ergebnisse oder
Leistungen erzielt? Sorgen Sie dafür,
dass Sie diese Bedingungen vorfinden.

Prozess
: Was brauchen Sie noch, um eine Aufgabe optimal und ohne Unterbrechungen erledigen zu können?
Sorgen sie dafür, dass Sie einen Flow-Zustand erreichen und aufrechterhalten können.

Präsenz
: Konzentrieren Sie sich
ganz auf das Hier und Jetzt, denken Sie
nicht daran, was passieren könnte oder
was früher passiert ist.

Produktivität
: Nur das, was unmittelbar mit der Aufgabe oder dem Projekt zu tun hat, wird
beachtet. Sie wollen dieses Buch jetzt lesen,
diese Maschine bis fünf Uhr reparieren – nicht gleichzeitig Kaffee trinken
oder Musik hören oder mit jemandem plaudern.

Pausen:
Konzentriertes
Arbeiten, Lesen, Üben verbraucht viel
Energie und macht müde. Deshalb sind
richtig gesetzte Pausen wichtig. Wenn
die Konzentrationsfähigkeit spürbar
nachlässt – unterbrechen: spazieren gehen, Luft schnappen, eine halbe
Stunde aufs Sofa. Und in den Pausen
sind Ablenkungen nicht nur erlaubt, sondern sogar sinnvoll!
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Re: Hilfe zum Verstehen der selektiven Wahrnehmung, Bottom-Up und Top-Down

Beitrag von No User » 21. September 2014 23:59

Zunächst klingt das alles ja völlig plausibel. Eine Erklärung von Aufmerksamkeit, Konzentration und Ablenkung aus einer biologistischen Perspektive, gezeichnet mit pseudo-neurologischen Begrifflichkeiten.

Könnte sogar von anerkannten ADHS-Experten stammen, gefällt mir aber trotzdem nicht. M.E. gleitet das stellenweise doch etwas ins esoterische ab.

Und dann erst die daraus abgeleiteten Ratschläge: Nichts anderes als eine aufgeblasene Langform von "Jetzt konzentriere dich doch endlich mal!"

Alles tausendfach erfolglos versucht oder zum Teil tatsächlich erfolgversprechend, nur in der real existierenden Arbeitswelt unrealistisch. Und viel zu pauschal, viel zu wenig Respekt vor individuell abweichenden Erfahrungen, die auch bewusst wahrgenommen und verwendet werden könnten.

Ganz ehrlich, Martin: Hat dir dieser Artikel je wirklich geholfen, dein Aufmerksamkeitsproblem in den Griff zu bekommen? Dann erst wäre ein Indiz gegeben, dass du richtig verstanden hast, wo deine Aufmerksamkeit blieb und wie du sie wieder zurückholst.

LG
Steffchen
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Re: Hilfe zum Verstehen der selektiven Wahrnehmung, Bottom-Up und Top-Down

Beitrag von Psychotic_Black_Rabbit » 22. September 2014 00:56

Nunja.
Erstmal war dieser Artikel nicht ausschließlich an AD(H)S Patienten gerichtet,
sondern griff die Problematiken um die selektive Wahrnehmung auf, die jedem begegnen können.
Weswegen du möglicher Weise den Artikel für ein wenig grob gegenüber ADSlern hältst.

Bevor man etwas lernen kann, muss man verstehen wo das Problem liegt.
Das hatte ich nicht und das ist warum ich diesen Artikel für interessant hielt. (bin bestimmt nicht der einzige dumme)
Das Menschliche Hirn ist nicht unbedingt leicht zu verstehen.
Ich habe diesen Artikel geteilt weil die Versinnbildlichungen mir geholfen haben zu verstehen,
warum ich ständig nur apathisch mit blackout da sitze,
wenn ich doch eigentlich gerade jemanden besuche mit dem ich vor hatte soziale Interaktion zu pflegen.
Während ich mit nem aufgesetzten lächeln und nicken meinen peinlichen (nicht)Beitrag zu verschleiern versuche.
Die Beispiele und das zur Versinnbildlichung genutzte System,
hat mir erst einmal klar gemacht wie viel ich mit meiner Aufmerksamkeit in meinem inneren bin,
wie limitiert unsere Aufmerksamkeit eigentlich ist und dass ich oft gar nicht genügend eingehende Aufmerksamkeits Kapazität für den Gegenüber übrig haben kann um den Dialog weiter als bis zum Zweiten Satz zu tragen.

Ich habe bereits eine Menge Firlefanz aus dem Artikel entfernt und hätte sicher auch noch mehr entfernen können.
Des erweiterten Kontext wegens und im Falle des Interesses habe ich dann aber doch etwas mehr drin gelassen.

Nun wollte ich aber auch nicht behaupten, dass ich durch diesen Artikel die Erleuchtung gefunden habe oder ähnliches.
Ein Artikel der Menschen durch lesen plötzlich ihre kognitiven Störungen nimmt?
Das will ich sehen, der muss wohl mit Adams Rippe auf Jesus Lederhaut geschrieben worden sein  :breitgrinse1:
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Re: Hilfe zum Verstehen der selektiven Wahrnehmung, Bottom-Up und Top-Down

Beitrag von No User » 22. September 2014 10:04

Nein, ich teile die Welt nicht in ADHS'ler und Nicht-ADHS'ler ein, von diesen Kategorien entferne ich mich zunehmend, da sie mir in der Praxis nicht weiterhelfen.

Ansprechen soll der Artikel aber doch wohl Menschen, die warum-auch-immer mit ihrer Aufmerksamkeitsregulation ein Problem haben. Doch für solche - auch jenseits von ADHS - macht mir der Artikel wenig Hoffnung. Wobei es meine Zweifel an dieser Theorie schon zerstreuen könnte, wenn sie sich in der Praxis bewähren würde. Das ist für mich das, worauf es ankommt.

Wenn ich das richtig deute, hat dich dieses Verständnis noch nicht in die Lage versetzt, in Gruppen angemessen zu kommunizieren. An dieser Stelle könnte ich mir vorstellen, dass du dir auch in Jahren noch einbildest, anhand dieser Theorie dein Problem zu verstehen, ohne es gelöst zu bekommen. Was ggf. auch damit zu tun haben könnte, dass die Theorie einfach falsch ist.

Ich weiß auch, dass es zur Lösung eines so vielschichtigen und individuell auch unterschiedlich ausgeprägten Problems kein allgemeingültiges Patentrezept gibt. Und doch gibt es Strategien, Methoden, Tricks, die wirken, auch wenn sie mühsam sehr individuell entwickelt werden müssen und schwer von einer auf die andere Person zu übertragen sind.

Falsche Theorien können nicht nur nicht, sondern unter Umständen sogar kontraproduktiv wirken. Dazu greife ich mal zum Sinnbild des Rezepts: Ein solches kann z.B. einen leckeren Kuchen als Ergebnis versprechen, kann dabei sehr gut aussehen, plausibel erscheinen, da nur hochwertige, frische Zutaten verwendet werden und kreatives Backhandwerk. Nur: Wenn das Rezept nicht funktioniert, ist es wertlos. Vielleicht wurde es nie erprobt, vielleicht wurde etwas vergessen, eine Beobachtung falsch interpretiert,... Das muss nicht gleich jemanden vergiften, aber die teuren Zutaten, die Arbeitszeit, all das wurde verschwendet. Im schlimmsten Fall probiert man das dann wieder und wieder und redet sich glaubhaft ein, selbst schuld zu sein, das Rezept nicht richtig umzusetzen.

Was mich ganz konkret an dem Artikel stört: Man kann ja diese Systematik aufbauen und diverse Hirnfunktionen zu Bottom-up und Top-down kategorisieren. Diese beiden, nur im Zusammenspiel sinnvoll funktionierenden Systeme dann aber quasi moralisch zu bewerten, hat nichts mehr damit zu tun, komplizierte Vorgänge stark vereinfacht darzustellen. Da wird einfach Ideologie über Halbwissen gestülpt, wenn auch durchmischt mit altbekannten Tipps, die sich teilweise tatsächlich bewähren (wozu es aber diese Theorie nicht bräuchte).

Um es etwas zugespitzt zu sagen, wird das Bottom-up-System mit seinen Reflexen, Routinen, Automatismen, Impulsen, Begierden, Emotionen nach sehr knapper Einführung seines Sinns ausführlich für alles Schlechte verantwortlich gemacht: Schwierigkeiten, in die es uns bringt, Fressattacken, schlechtes Benehmen, Saufen, zu schnelles Fahren, unangemessene Angst und Panik, Manipulierbarkeit durch Werbung, Anfälligkeit für aufdringliche und schädliche Signale...

Diesem "Bösen" wird quasi als "das Gute" die bewusste Vernunft, das "Verkopfte", der Wille, die Anstrengung entgegengesetzt. Genau das scheint mir aber eher dein Problem zu beschreiben als deine Lösung.

Die dort geäußerten Ansichten widersprechen dem aktuellen Kenntnisstand der Neurologie, dem heutigen Wissen zum "freien Willen" sowie der positiven Erfahrung vieler Menschen, die auf ihr Bauchgefühl, ihre Intuition hören und damit im Vergleich zu scheinbaren Verunftsentscheidungen meist besser fahren.

Apropos fahren: Ich greife mal das Beispiel Autofahren aus dem Artikel auf: Das wird ja mit seinem zwingend notwendigen Multitasking überhaupt erst möglich durch Automatismen und antrainierte Reflexe. So können wir zeitgleich Gas wegnehmen, Kuppeln, schalten und lenken, vielleicht noch blinken (damit wären wir aber etwas spät dran) und abblenden (da uns hinter der Kurve jemand entgegenkommt), während wir konzentriert die Verkehrssituation beachten und der Neokortex noch immer Reserven hat, um sich mit unserem Beifahrer zu unterhalten.

Wenn wir da nun zu schnell fahren, dann nicht, weil das Bottom-up-System uns in diese Schwierigkeiten bringt, sondern weil wir das Anpassen der Geschwindigkeit nicht ausreichend oder mit der falschen Zielsetzung automatisiert haben. Passen wir die Geschwindigkeit dagegen nur bewusst und willentlich Top-down an, werden wir früher oder später, wo es darauf ankommt gerade nicht daran denken.

Das merkt man so schön beim Blinken: Diejenigen, die von sich behaupten, bewusst nur dann zu blinken, wenn es andere Verkehrsteilnehmer interessieren könnte, blinken z.B. im Kreisverkehr praktisch nie. Entweder hat man dieses Blinken im Finger bzw. im Rückenmark automatisiert (oder zumindest in subkortikalen Hirnstrukturen) oder es wird nichts.

Konkrete, schlichte Einzelentscheidungen trifft unser Bottom-up-System nachweislich unbewusst, bevor es dem Top-down-System vorgaukelt, dies wäre seine freie und bewusste Entscheidung. Aber keine Panik, das ist nicht der Untergang unseres freien Willens. Denn mit diesem programmieren wir unser Bottom-up-System, setzen mit Haltungen, Werten, Einstellungen und Zielen Vorgaben, anhand derer wir es trainieren.

Für viele Entscheidungen ist es absolut vernünftig, sie schnell und effizient zu treffen, anstatt mit der bewussten Vernunft, die sich dann auch nur wieder vor eine Gleichung mit viel zu vielen Unbekannten gestellt sieht, sodass sie sich am Ende eher einreden muss, eine vernünftige Entscheidung getroffen zu haben. Das ist ja dann die einzige Alternative zum grüblerischen Hinterfragen bereits getroffener Entscheidungen, das in den meisten Fällen ziemlich ungesund ist.

Ansonsten enthält der Text schon durchaus passende Bilder, interessant und streitbar ist das Thema sowieso, ich vermisse nur zielführendere Schlussfolgerungen daraus. Dass dir jetzt die Limitierung deiner Aufmerksamkeit bekannt ist, setzt dich vielleicht noch mehr unter Druck. Wenn du versuchst, sie von deinem Inneren abzuziehen, bist du vielleicht erst recht mit deiner Aufmerksamkeit in deinem Inneren.

LG
Steffchen
Zuletzt geändert von No User am 22. September 2014 10:08, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Hilfe zum Verstehen der selektiven Wahrnehmung, Bottom-Up und Top-Down

Beitrag von Psychotic_Black_Rabbit » 22. September 2014 15:33

Mh, danke ich glaube das hat mein Verständnis um die Begrifflichkeiten noch ein wenig erweitert und korrigiert.
Freier Wille ist zwar wohl ein Thema das man besser nicht anschneiden sollte, da es leicht ausufert, aber nach dem was du schreibst scheinst du ein Vertreter der Meinung zu sein dass freier Wille existiert. Ich kenne einige Vertreter der gegenteiligen Meinung. Für gewöhnlich halte ich mich da besser raus aber ich bin interessiert was dich überzeugt das freier Wille keine Illusion ist.
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