Auf der Suche nach dem Kick

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ohlala
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Auf der Suche nach dem Kick

Beitrag von ohlala » 17. Januar 2014 18:53

Hallo zusammen,
habe seit kurzem die Diagnose ADS, es wurde MPH verordnet was auch gut zu wirken scheint. Ich merke unter anderem, dass ich viel ausgeglichener bin. Wollte mal fragen ob ihr das von euch auch kennt?
Ich habe mich mit meinen bisher 21 Lebensjahren schon oft in problematische Situationen gebracht, da ich immer auf der Suche nach einem "Kick" bin, den mir eigentlich nur extreme Ereignisse geben können... Was genau ich damit meine ist weiter unten beschrieben. Seit ich das MPH nehme scheint dieser "Drang" ziemlich zurück gegangen zu sein. Könnte das mit dem ausgeglichenen Dopamin-Haushalt zusammenhängen?

Hier mal ein paar Beispiele...
Vorneweg: Ich lebe in einer intakten Familie, habe ein stabiles Umfeld, soziale Kontakte, usw... Kurz: Man würde mir meine Probleme nie sofort ansehen oder zutrauen.

Ich leide aber schon seit schätzungsweise 4 bis 5 Jahren an einer Art "Lebensunlust". Klingt zunächst nach Depression oder eventuell sogar Borderline... Ich war vor zwei Jahren deswegen schon mal beim Psychiater, der verschrieb mir verschiedene Antidepressiva, die aber alle keinerlei Wirkung außer einigen unschönen Nebenwirkungen zeigten.
Auf jeden Fall habe ich in den vergangenen Jahren immer nach einem Weg gesucht, aus dieser gigantischen Langeweile und Gefühlstaubheit auszubrechen. Das führte dazu, dass ich mich immer wieder (praktisch gezwungenermaßen) in Situationen versetze, die mich aus dieser Lethargie rauskatapultieren, mir aber auch meist in irgendeiner Art schadeten.
Ich nutz(t)e die verschiedensten Möglichkeiten, um mir einen Kick zu verschaffen. Hier mal eine kleine Übersicht: Legale Drogen , Illegale Drogen (keine harten), Exzessiver Sport, Geld verprassen, Schlaf vernachlässigen (habe ohnehin ziemliche Schlafstörungen), bewusstes Überschreiten von Regeln und Gesetzen (Graffiti, Autoraserei), Provozieren von Autoritäten... um mal die üblichsten zu nennen.
Diese Sachen mache ich aber fast ausschließlich allein. Ich gelte in meinem Freundeskreis fast schon als zu braver Abstinenzler!
Es ist, als würde ich ein Doppelleben führen. Auf der einen Seite ein scheinbar funktionierender junger Mensch, auf der anderen ein emotional Verkrüppelter auf der Suche nach einer Ausflucht.
Das seltsame dabei ist: Ich betrachte mich in gewisser Weise durchaus als süchtig, allerdings nicht nach einer bestimmten Substanz oder Sache, sondern vielmehr nach dem Kick im Allgemeinen.
Es ist mir relativ egal, zu welchem Mittel ich greife, um diesen Kick zu erzeugen, wichtig ist nur, dass irgendetwas passiert, was meine Lethargie durchbricht. Ich wechsle praktisch zwischen allen mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten hin und her, je nachdem, was mir zur Verfügung steht und wie stark der Drang ist.
Es gibt Zeiten, da versteife ich mich ein paar Wochen auf den Sport und verliere dann von einem Tag auf den nächsten das Interesse. Es gibt Tage, da möchte ich mich in einen Rausch versetzen und wenn ich an die eine Droge nicht rankomme dann greif ich zur anderen. Dann folgen auch gelegentlich Zeiträume in denen ich ohne das alles gut klarkomme (mal sind es zwei Tage, mal auch zwei Monate). Früher oder später suche ich aber wieder irgendeine Form von Kick. Diese Gier nach Extremen fällt mir manchmal auch erst während dem jeweiligen "Exzess" oder sogar danach auf. Treibe dann zum Ausgleich beispielsweise auch viel Sport und merke erst, das 140 Kilometer auf dem Rad einfach zu viel sind, wenn ich zitternd vom Rad absteige und die Treppe fast nicht mehr hochlaufen kann.
Mein Verhalten hat mir schon einiges an Ärger (vor allem mit meinen Eltern) eingebracht und ich würde es in Zukunft gerne in den Griff kriegen, weiß aber nicht, wo ich anpacken soll und was ich dagegen tun kann. Es ist schwer steuerbar und verselbständigt sich leicht. Auf Dauer kann ich aber mit dieser "Exzess-Sucht" nicht weiter leben.

Über Meinungen und Ratschläge würde ich mich freuen,
Danke und Grüße
nixe
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Re: Auf der Suche nach dem Kick

Beitrag von nixe » 17. Januar 2014 19:07

Wie lange nimmst Du das MPH schon ? Merkst Du eine Verbesserung bezüglich der Suche nach dem Kick ?
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. (Ingeborg Bachmann)
ohlala
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Re: Auf der Suche nach dem Kick

Beitrag von ohlala » 17. Januar 2014 20:17

Ich nehme es eit gut zwei Wochen und habe praktisch vom ersten Tag an kein Verlangen mehr nach derartigem Verhalten gehabt...
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Re: Auf der Suche nach dem Kick

Beitrag von ADHDgoesto11 » 17. Januar 2014 22:28

[quote="ohlala"]
da ich immer auf der Suche nach einem "Kick" bin, den mir eigentlich nur extreme Ereignisse geben können...
[/quote]

"Kick-suchendes Verhalten" ist bei ADHS eigentlich ein stehender Begriff. In einem Buch, das ich gelesen habe, wird ADS auch scherzhaft als "Adrenaline deficiency disorder" bezeichnet, also "Adrenalinmangel-Störung".

Und ja, die medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien verringert dieses Verhalten ... denn Stimulanzien sind ähnlich stimulierend wie extreme Situtionen.

Tochter *2007 ... ADHS
Sohn *2005 ADHS+Autismus
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Re: Auf der Suche nach dem Kick

Beitrag von letal » 17. Januar 2014 23:32

Mir geht es nicht anders, Adrenalin hilft mir ruhig zu bleiben, abschalten zu können bzw. zu schlafen.
Ich bekomme jetzt erst neu MPH deswegen kann ich es noch nicht sagen.
StellaS
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Re: Auf der Suche nach dem Kick

Beitrag von StellaS » 18. Januar 2014 15:38

Ich kenne das soooo gut. Mein halbes Leben bin ich auf der Suche nach dem Kick. :icon_rolleyes:
In der Zeit zwischen 20 und 30 Jahren war ich fast ausschließlich damit beschäftigt, den idealen Drogencocktail für den ultimativen Kick zu finden. Nebenher führte ich ein ganz normales Arbeitsleben ohne Fehlzeiten und Tadel. Unterbrochen war die Suche nur von Beziehungen, da war ich weitestgehend abstinent.
Mit 29 hab ich das letzte mal illegale Drogen genommen. Heute rauche ich, gehe sehr moderat mit Alkohol und Kaffee um. Keine Exzesse mehr. Aber die Sehnsucht nach dem Kick blieb. Ich führte und führe ein beschauliches Leben auf einem Dorf mit 2 Kindern und hab mich insgesamt, ohne Medikamente, sehr gut im Griff. Ich persönlich habe Angst vor Medis, ich kenne meine verschwenderische Art mit Stimulanzien. :upsi: Ich könnte nicht damit umgehen, psychoaktive Medikamente nach Vorschrift einzunehmen.

Deshalb bleibt mir die Kick-Sehnsucht.
Ich habe dafür jetzt eine "gesunde" Kompensation gefunden, durch BDSM. Das gibt mir genau das, was ich brauche. Ohne das ich mich damit gefährde.

Das ist aber ein höchst individueller Weg, der nicht für jeden Menschen gangbar ist.

Ich habe mich so wie ich bin, mit ADS angenommen. Und versuche für mich und meinem Sprung in der Schüssel gute und erfüllende Wege zu finden.
ohlala
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Re: Auf der Suche nach dem Kick

Beitrag von ohlala » 22. Januar 2014 19:42

Wow, also ist so ein Verhalten anscheinend doch nicht so selten... Das erklärt einiges!

Ich hatte z.B. mal einen Autounfall. Mehrere Überschläge im Straßengraben gemacht und dann lag die Kiste mit Totalschaden auf dem Dach. Ich bin dann rausgeklettert und war selbst erstmal etwas verwundert. Weniger über das was gerade passiert war, sondern dass ich einfach total ruhig war! Natürlich nicht im Sinne von entspannt, aber ich war einfach kein Stückchen zittrig oder geschockt... Und auch nicht irgendwie aus dem Häuschen und besorgt über den Schaden, sondern "angenehm belebt". Klingt jetzt bescheuert, aber das war mein Gefühl direkt nach dem Unfall. :icon_eek:
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Re: Auf der Suche nach dem Kick

Beitrag von Angie » 22. Januar 2014 21:57

ohhhhhhhh so war ich auch, so ab 20 Jahren bis 27 Jahr.
Hat dann nach Geburt der Kinder etwas nach gelassen.
Und seitdem ich in therapeutischer Behandlung bin ( seit 2007), so etwa seit März 2012, brauchte ich diesen "Psychotick" nicht mehr.
Ich habe nix Schlimmes, ich habe....eij gugg mal nen Eichhörnchen.
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Re: Auf der Suche nach dem Kick

Beitrag von Falschparker » 23. Januar 2014 22:14

Hallo Ohlala,

ja, das ist sehr typisch. Deswegen leben unbehandelte ADHS-ler ja auch so gefährlich, also nicht nur wegen der Unfälle, die wegen unserer Unachtsamkeit sowieso häufiger passieren, sondern auch weil Viele von uns das Risiko suchen, um sich so zu stimulieren (unbewusst natürlich, wer würde denn mit Absicht so bescheuert sein  :breitgrinse1: ). Da kommt dann noch die Impulsivität dazu, sonst würde man ja vorher nachdenken.

Und deine Ruhe nach dem Unfall passt da ganz gut zu. Der hat dich so stimuliert, dass die Schusseligkeit weg war. Manche ADHS-ler sind ja auch Notärzte und Rettungsassistenten und können in der absoluten Stresssituation sehr umsichtig genau das Richtige tun. Aber wehe, sie müssen dann abends alles dokumentieren, oder ihre Geräte in Ordnung halten.  :811:

Hast du meine und Maerenthalers Verständnisfrage in dem anderen Thread ("Anfängerfragen") gelesen?

Viele Grüße  :winken:
Falschparker
<><
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Re: Auf der Suche nach dem Kick

Beitrag von ohlala » 23. Januar 2014 23:43

Ja, habe dort auch geantwortet, es sind wie gesagt 20 mg unretardiert zum Frühstück die ich eit gut zwei Wochen jetzt nehme...
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Re: Auf der Suche nach dem Kick

Beitrag von StellaS » 24. Januar 2014 07:53

Ja, die Unfälle.... Ich bin so ein Ersthelfer-Typ. Ich hab das "Glück" auch ständig an Unfälle zu latschen. Ich hab extreme Dinge souverän gemeistert. Kann, wenn alle nur paralysiert rum stehen delegieren,  kann spritzendes Blut stillen, hab schon bis der Rettungsdienst kam durch ein zerbrochenes Fenster einen Eingeklemmten beatmet und Herzmassage gemacht und so das Leben gerettet, zwei prügelnden Pennern, als einer dem Anderen mit einer zerbrochenen Flasche das Auge ausgestochen hat verbunden und so weiter und so fort.

Ich hab eine ausgeprägte Zivilcourage. Gehe immer dazwischen, wenn sich wildfremde auf der Straße prügeln... Als Jugendliche war mal vor dem Jugendhaus ca 10 junge "Nazis", die einen kleinen Ausländerjungen in Kreis hin und her stießen. Das hat mich so aufgeregt, dass ich als kleines Mädel mit meiner Handtasche wie eine Furie dazwischen ging. Die waren so verdattert, dass sie sich trollten. :breitgrinse1:

Ich suche solche Situationen nicht, sie suchen mich.

Dann bin ich in Adrenalin-Rausch und ein anderer Mensch. Ruhig, umsichtig, bestimmt, dominant und souverän.
Ich hab mir noch nie Gedanken gemacht, dass das mit dem ADS zu tun haben könnte.
Danke für das Thema, man lernt nie aus.
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