Mirror Touch Synästhesie

Dieses Board ist auch für Gäste sichtbar!
Antworten
Benutzeravatar
Grübelnde
Pagemaster
Beiträge: 76
Registriert: 4. September 2019 16:26

Mirror Touch Synästhesie

Beitrag von Grübelnde » 10. September 2019 16:13

Dieses Thema kam mal im Asperger-Forum auf und ich fänd es interessant, herauszufinden, wieviel Resonanz dazu es hier gibt.

Diese Synästhesieform bedeutet, dass man etwas am eignen Körper fühlt, was man bei jemand anderem sieht oder wovon man hört.

Bei mir ist es so, dass ich regelmäßig zusammen zucke, wenn sich z.B. in einem Film jemand verletzt (egal ob durch einen Schlag, weil er sich schneidet oder sonstwas). Wenn jemand mir nur etwas grausames erzählt (Bsp. Foltermethoden), dann wird mir richtig übel und ich muss mir die Arme festhalten oder versuche sonstwie, meinen Körper zu schützen. Den tatsächlichen Schmerz spüre ich aber nicht, würde ich sagen, jedenfalls nicht so, wie es in dem unten verlinkten Radio-Beitrag beschrieben wird.
Noch ein Beispiel: wenn mir jemand von einer magersüchtigen Person erzählte oder ich so etwas im TV sah, hab ich mir vorgestellt, dass ich meinen Körper aufblähe, damit er fülliger wird - also scheinbar denkt mein Gehirn, das Gesehene oder Gehörte betrifft mich selbst.

Mir fällt noch etwas anderes ein: dass ich einmal eine Anekdote erzählen wollte und irgendwann merkte, dass die gar nicht ICH erlebt hatte sondern ich hatte es nur beobachtet. Ich hatte mich also in der Szene, die ich beobachtete, so stark in die andere Person hineinversetzt, dass ich Jahre später dachte, das sei mir selbst passiert. Ich hab den Fehler nur bemerkt, weil ich an einer Stelle plötzlich nicht mehr wusste, wie die Szene weiterging - in dem Moment lüftete sich der Schleier.

Hier ein Link zu einem Radiobeitrag, zu dem es einen kurzen Text zum Thema gibt:
https://www.deutschlandfunknova.de/beit ... naesthesie

Und hier ein Link zu Wikipedia (englisch):
https://en.wikipedia.org/wiki/Mirror-touch_synesthesia

Da heißt es: " Mirror-touch synesthesia may also co-occur with autism spectrum disorders."
ULBRE
Foruminventar
Beiträge: 1302
Registriert: 8. Februar 2018 22:08

Re: Mirror Touch Synästhesie

Beitrag von ULBRE » 11. September 2019 01:41

Hallo,

das hört sich für mich an wie eine sehr starke Hochsensibilität in diesem speziellen Bereich.
Hier findest Du etliche wissenschaftliche Artikel dazu:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=mirror+touch

Autismusspektrumsstörungen werden häufig genannt, es gibt keinen einzigen Artikel, der es in Verbindung zu AD(H)S bringt.
Trotzdem frage ich mich, ob es nicht einfach eine besonderes starke Hochsensibilität sein könnte.
Dass HS bei ASS nochmals deutlich stärker ist als bei AD(H)S würde damit ja schlüssig zusammenpassen..,

LG

UlBre
Seit 19.10.19 ist die überarbeitete ADxS.org-Seite online.
Was können wir noch besser machen ? Feedback sehr gerne dort auf Feedbackformular. Danke !
Anders
Foruminventar
Beiträge: 646
Registriert: 11. Dezember 2018 18:15
Alter: 39

Re: Mirror Touch Synästhesie

Beitrag von Anders » 11. September 2019 01:47

Hello =)

Da du den 'Schmerz' des anderen nicht selber spürst, denke ich nicht das du davon betroffen bist.. Vielleicht bist du einfach sehr Empathisch und kannst dich gut in die Situationen hineinfühlen!? Es könnte auch was mit 'Spiegelneuronen' zu tun haben, da würde evtl auch dein 'Geräusche nachmachen' Thread zu passen.
Aber passt das dann noch mit dem Autismus-Spektrum zusammen :?: , oder eher mit HSP und ADHS? Da sich beide 'Spektren' (wenn man wie zB Martin Winkler ADHS auch als Spektrum versteht, was ich für absolut schlüssig halte) in so manchem überschneiden, kann es auch beides- oder keins von beidem und einfach nur 'menschlich' sein!
Es reicht ja, wenn man Situation X sieht :shock: .. schon aus genügend Vorstellungskraft oder Phantasie dafür zu haben, wie sich sowas anfühlen könnte, um eine Gefühlsreaktion zu haben. Einen Grund das zu pathologisieren sehe ich da nicht, eher im Gegenteil: Herzlichen Glückwunsch- du bist nicht aus Stein! :D

LG
Benutzeravatar
undjetzterst
Pagemaster
Beiträge: 130
Registriert: 19. Oktober 2016 17:06
Alter: 22
Kontaktdaten:

Re: Mirror Touch Synästhesie

Beitrag von undjetzterst » 12. September 2019 16:23

Hallo Grübelnde,
ein bisschen kenne ich das. Mir wird richtig schlecht und schwindlig, wenn Leute anfangen zu erzählen, was für Verletzungen sie sich wie zugezogen haben. Wobei, ganz so krass wie von dir beschrieben ist es bei mir nicht. Ich verstehe außerdem nicht, warum man das Phänomen Synesthesie nennt. Synesthesie ist die Verknüpfung zweier Sinnesmodalitäten, in diesem Phänomen sehe ich das nicht - eher so ne Art gesteigerte affektive Empathie bzw. Spiegelung/Imitation wie bei Spiegelneuronen.

Hochsensibilität wurde schon genannt, und wenn der Begriff auftaucht stelle ich mir meist alle möglichen Fragen: Wie genau ist das definiert? Wie Anders schon meinte: Wenn es um Autismus geht - können Autismus und HSP gleichzeitig vorhanden sein? Denn bei HSP lese ich immer wieder, eine der Grundeigenschaften sei ein besonderes Gespür für die Emotionen und Stimmungen anderer. Mein Psychiater hat es so formuliert: Es gäbe Leute, die gehen in einen Raum und sagen dann: "Hier war ein Streit, ich spüre es". Also, mein Psychiater sagt auch, ich sei hochsensibel (passt auch irgendwie), aber gerade diese genannte Eigenschaft habe ich nicht so wirklich.
Im Gegenteil, ich bin oft so unaufmerksam oder "unsensibel", dass ich die Stimmung eines Menschen komplett falsch einschätze. Ich kann auch Menschen generell absolut nicht einschätzen, außer ich gebe ihnen einen Persönlichkeitsfragebogen (mache ich wirklich!) oder warte, bis genug Daten zusammenkommen. Ich war deshalb mal der festen Überzeugung, ich sei Autistin, denn diese "Unsensibilität" bzgl. Stimmungen/Intentionen anderer Menschen hat für mich HSP ausgeschlossen, womit Autismus wahrscheinlicher wurde. Außer es gibt quasi eine Unterform von HSP oder das Merkmal ist nicht notwendig. Dafür weiß ich zu wenig darüber, wie HSP denn operationalisiert ist, oder ob es überhaupt ein wissenschaftlicher Begriff ist.
ich schreibe nen Blog über Nachhaltigkeit, Neurodiversität und Nonsens ;o)
Benutzeravatar
Grübelnde
Pagemaster
Beiträge: 76
Registriert: 4. September 2019 16:26

Re: Mirror Touch Synästhesie

Beitrag von Grübelnde » 12. September 2019 19:49

Über Hochsensibilität hatte ich auch schon mehrere Bücher gelesen, bevor ich auf AS stieß. Es passen sehr viele Dinge, aber das Gesamtbild stimmt nicht. Die affektive Empathie ist bei mir teilweise sehr stark, aber auch nur, wenn die andere Person in einer Situation/Stimmung etc. ist, die ich selbst erlebt habe. Ich erkenne dann quasi im anderen etwas, was ich selbst mal erlebt/gefühlt habe und empfinde dann stark mit - oder eben auch nicht, sondern empfinde nur meine eigenen Gefühle erneut.

Die kognitive Empathie ist bei mir schlecht. Das ergibt sich aus dem oben genannten. Ich kann mich nicht in eine Situation einfühlen, wenn ich diese nicht selbst erlebt habe, diese auf keine Resonanz in mir stößt. Bzw. muss ich sehr viel mentale Arbeit leisten, um mich trotzdem in den anderen hinein zu versetzen. Das läuft normalerweise (also bei "normalen" Menschen) wohl automatisch und ziemlich schnell ab, ich muss mich quasi hinsetzen und mir das erarbeiten. Deshalb reagiere ich oft unempathisch, freue mich z.B. nicht mit anderen mit, wenn ich mit dem Gegenstand der Freude nichts anfangen kann. Oder trete in Fettnäpfchen, weil ich nicht begreife, wie es jemandem gerade geht, weil der Hund gestorben ist - also ich sag dann u.U. sogar was dunkelhumoriges, und merke hinterher: "Oh Gott, die andere Person leidet wirklich gerade Trauer wegen des Hundes! Wie konntest du jetzt nur so etwas sagen?"

Hochsensibilität und Autismus - das wird mittlerweile bejaht, allerdings ist es halt nicht dieses HSP-Ding (ich muss auch sagen, dass mich Menschen, die sich selbst als HSP bezeichnen, regelrecht abschrecken - hab auch in einem Hochsensibel-Forum mal eine zeitlang mitgelesen und konnte keine Ähnlichkeit zwischen den Menschen dort und mir feststellen). Also nicht "immer für alle anderen da sein", "immer wissen, wie es jemandem geht" etc., sondern eine große Reizoffenheit/Offenheit der Sinneskanäle, ohne aber die kognitiven Fähigkeiten, das alles richtig einzuordnen - na ja, das hab ich mir jetzt ehrlich gesagt ein bisschen zusammen gebastelt, ich kann das schwer in wenigen Worten wiedergeben.
MiApp
Pagemaster
Beiträge: 189
Registriert: 27. März 2019 17:14

Re: Mirror Touch Synästhesie

Beitrag von MiApp » 12. September 2019 20:36

undjetzterst hat geschrieben:
12. September 2019 16:23
Hallo Grübelnde,
ein bisschen kenne ich das. Mir wird richtig schlecht und schwindlig, wenn Leute anfangen zu erzählen, was für Verletzungen sie sich wie zugezogen haben. Wobei, ganz so krass wie von dir beschrieben ist es bei mir nicht. Ich verstehe außerdem nicht, warum man das Phänomen Synesthesie nennt. Synesthesie ist die Verknüpfung zweier Sinnesmodalitäten, in diesem Phänomen sehe ich das nicht - eher so ne Art gesteigerte affektive Empathie bzw. Spiegelung/Imitation wie bei Spiegelneuronen.
Also das was du beschreibst ist auch keine Synesthesie, aber das was unter Mirror-Touch-Synethesie beschrieben ist, ist schon Synethesie. Synesthesie ist, wenn eine Stimulation ein einer Sinnesmodalität (z.B. sehen/hören/schmecken) einen automatische Wahrnehmung in einer anderen Sinnesmodalität (ohne direkte Stimulation dieser Modalität) hervorruft. Und das passt ja da ganz genau. Bei Mirror-Touch-Synethesie wird nur die Berühung gesehen, eigentlich aber nicht gefühlt (da an einer anderen Person oder an einem Gegenstand), aber man fühlt sie, als wäre sie bei sich selber.
ULBRE
Foruminventar
Beiträge: 1302
Registriert: 8. Februar 2018 22:08

Re: Mirror Touch Synästhesie

Beitrag von ULBRE » 12. September 2019 22:52

undjetzterst hat geschrieben:
12. September 2019 16:23
ch bin oft so unaufmerksam oder "unsensibel", dass ich die Stimmung eines Menschen komplett falsch einschätze. Ich kann auch Menschen generell absolut nicht einschätzen, außer ich gebe ihnen einen Persönlichkeitsfragebogen (mache ich wirklich!) oder warte, bis genug Daten zusammenkommen. Ich war deshalb mal der festen Überzeugung, ich sei Autistin, denn diese "Unsensibilität" bzgl. Stimmungen/Intentionen anderer Menschen hat für mich HSP ausgeschlossen, womit Autismus wahrscheinlicher wurde.
Hallo,

nach meiner Vorstellung sind Hochsensibilität und Empathie was ziemlich unterschiedliches.
Hochsensibilität ist eine intensive Wahrnehmungsfähigkeit.
Empathie ist die Fähigkeit, für jemand anderen zu fühlen.

Je schlechter es einem Menschen geht, je höher seine innere Anspannung, Angst oder sonstwas ist, je mehr er sich unbewusst bedroht fühlt (Angst, Stress), desto weniger fühlt derjenige für andere. Das halte ich für eine recht gesunde Stressreaktion: Wenn es ums überleben geht, ist jeder sich selbst der nächste.
Ist der Stress, die Angst dann weg, ist es auf einmal möglich, für andere zu fühlen.

Bei AD(H)S ist Hochsensibilität bei 87 % der betroffenen gegeben.
Trotzdem ist mangelnde Empathie (zu unterscheiden von mangelnder Empathiefähigkeit im entspannten Zustand) ein typisches AD(H)S-Symptom. Und dieses Symptom haben nicht alle AD(H)Sler, sondern es ist bei AD(H)S nur häufiger.

Wie ist das bei Dir . hast Du noch nie empathisch gefühlt ? Geht das gar nicht ?
Oder ist es eher so, dass die Empathie einfach nicht immer da ist ?

Fällt dazu noch jemandem was ein ? Passt das ? Wo klemmt das Bild ?

Viele Grüße

UlBre
Seit 19.10.19 ist die überarbeitete ADxS.org-Seite online.
Was können wir noch besser machen ? Feedback sehr gerne dort auf Feedbackformular. Danke !
Benutzeravatar
undjetzterst
Pagemaster
Beiträge: 130
Registriert: 19. Oktober 2016 17:06
Alter: 22
Kontaktdaten:

Re: Mirror Touch Synästhesie

Beitrag von undjetzterst » 12. September 2019 23:12

MiApp hat geschrieben:
12. September 2019 20:36
Und das passt ja da ganz genau. Bei Mirror-Touch-Synethesie wird nur die Berühung gesehen, eigentlich aber nicht gefühlt (da an einer anderen Person oder an einem Gegenstand), aber man fühlt sie, als wäre sie bei sich selber.
So gesehen stimmt, das ist dann Synästhesie - d.h. die visuelle Wahrnehmung (der "inducer") und die taktile Empfindung (der "concurrent") kommen zusammen. Es gibt ja die schrägesten Formen von Synästhesie, ich habe da mal ein super paper gelesen darüber, ob Synästhesie bei Aspies häufiger auftritt... wo isses... hier!
ich schreibe nen Blog über Nachhaltigkeit, Neurodiversität und Nonsens ;o)
Benutzeravatar
undjetzterst
Pagemaster
Beiträge: 130
Registriert: 19. Oktober 2016 17:06
Alter: 22
Kontaktdaten:

Re: Mirror Touch Synästhesie

Beitrag von undjetzterst » 12. September 2019 23:22

ULBRE hat geschrieben:
12. September 2019 22:52
nach meiner Vorstellung sind Hochsensibilität und Empathie was ziemlich unterschiedliches.
Hochsensibilität ist eine intensive Wahrnehmungsfähigkeit.
Empathie ist die Fähigkeit, für jemand anderen zu fühlen.

Je schlechter es einem Menschen geht, je höher seine innere Anspannung, Angst oder sonstwas ist, je mehr er sich unbewusst bedroht fühlt (Angst, Stress), desto weniger fühlt derjenige für andere. Das halte ich für eine recht gesunde Stressreaktion: Wenn es ums überleben geht, ist jeder sich selbst der nächste.
Ist der Stress, die Angst dann weg, ist es auf einmal möglich, für andere zu fühlen.

Bei AD(H)S ist Hochsensibilität bei 87 % der betroffenen gegeben.
Trotzdem ist mangelnde Empathie (zu unterscheiden von mangelnder Empathiefähigkeit im entspannten Zustand) ein typisches AD(H)S-Symptom. Und dieses Symptom haben nicht alle AD(H)Sler, sondern es ist bei AD(H)S nur häufiger.

Wie ist das bei Dir . hast Du noch nie empathisch gefühlt ? Geht das gar nicht ?
Oder ist es eher so, dass die Empathie einfach nicht immer da ist ?
Das ist auch interessant.
Bei Empathie würde ich noch differenzieren in affektive und kognitive Empathie.
Affektive Empathie = die emotionale Reaktion, d.h. wenn jemand einem erzählt, wie es ihm*ihr geht, reagiert man darauf mit Freude/Bedauern/...
Kognitive Empathie = das implizite Erkennen von Gefühlszuständen/Intentionen anderer, also die "Theory of Mind". Autisten können bei eingeschränkter kognitiver Empathie eine sogar überdurchschnittliche affektive Empathie haben.

Hochsensible haben doch sicher auch viel Stress durch ihre Sensibilität? Hui, irgendwie scheinen mir die Zusammenhänge recht komplex und ich kann mich nicht besonders konzentrieren gerade.

Ich würde sagen, dass meine affektive Empathie ziemlich ausgeprägt ist. Hin und wieder kann ich auch erraten, was ein Mensch gerade fühlt. Aber meistens weiß ich es nicht. Ich frage ständig Leute, was sie denken, weil ich an Informationen kommen möchte, die andere vielleicht implizit herauslesen - diese Fähigkeit hätte ich auch gerne, man sagt ja Psychologiestudis telepatische Fähigkeiten nach ;) Auch bei Intentionen - was Menschen warum tun - das checke ich häufig nicht, auch Ironie verstehe ich oft nicht. Mittlerweile ist es mir aber egal, ob ich begriffsstutzig oder seltsam wirke, wenn ich nachfrage. Ich bin trotzdem ziemlich sozialkompetent, weil ich viel darüber reflektiere, wie meine Aussagen/mein Verhalten ankommt, und es passt anscheinend meistens, was wiederum autismusuntypisch sein könnte...

Wäre auch interessant, wie das bei der Threaderstellerin so ist :) wenn du berichten magst.
ich schreibe nen Blog über Nachhaltigkeit, Neurodiversität und Nonsens ;o)
Antworten

Zurück zu „Psychologie / Neurologie*“