3 jähriger

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laetitia
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Re: 3 jähriger

Beitragvon laetitia » 17. Juli 2018 01:45

zoraya hat geschrieben:Ich dachte schon, dass es hier Missverständisse gibt.

OK, mein allerletzter Post zum Thema und in diesem Thread. Nein, da gibt es kein Missverständnis. Ich studiere Psychologie und die verschiedenen Lerntheorien, insbesondere die klassische und die operante Konditionierung sind da Dauerthemen sozusagen. Die Theorien gehören zu den Grundlagenforschungen. Ich verstehe sehr gut, worum es da geht. Dennoch bin ich nicht wirklich davon überzeugt, weil mir darin das Herz fehlt, die Liebe. Es mag sicher funktionieren. In etwa so wie es funktioniert, wenn man ein Kind schlägt, damit es ein Verhalten nicht mehr zeigt. Die Frage ist am Ende halt, ob es das Verhalten nicht mehr zeigt, weil es die Schläge fürchtet, oder weil es versteht, dass sein Verhalten nicht angebracht war...
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Re: 3 jähriger

Beitragvon zoraya » 17. Juli 2018 07:08

Schön, dass du doch nochmal geschrieben hast.
Wenn du schon Psychologie studierst, könntest du ein Bisschen mehr Argumente bringen wie lieblos..
Es hat ja niemand gesagt, man darf nicht mit dem Kind sprechen und ihm die Dinge erklären.


Was gibt es denn für Alternativen?
Du postulierst an den Verstand des Kindes zu appellieren. Also erklärst du dann dem Kind alles?
Du darfst kein Glace nehmen, weil...
Das was nach dem weil kommt ist meist für den Erwachsenen sinnvoll aber fürs Kind nicht.
Was machst du, wenn das Kind noch zu klein ist, um die Dinge zu begreifen, oder sie ganz schnell wieder vergisst?
Wenn du operante Konditionierung meiden möchtest, dann darfst du ja auch nie loben...

Über Strafen hab ich schonmal was geschrieben. Schläge sind natürlich Strafen. Jedoch basieren auch die auf der operanten Konditionierung. Sie ist immer da...
Strafen möchte ich Vermeiden, da sie immer Nebenwirkungen mit sich bringen.
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Hanghuhn
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Re: 3 jähriger

Beitragvon Hanghuhn » 17. Juli 2018 07:58

zoraya hat geschrieben:Ausserdem ist es bei mir persönlich so, dass ich auf Strafen sehr schlecht reagiere. Häufig mache ich die Dinge nicht mit Absicht falsch. Wenn ich gestraft werde, so nagt das erstens an meinem Selbstwertgefühl und zweitens macht es die Beziehung zu derjenigen Person kapput, da ich auch sehr sensibel bin und emotional reagiere.

Ich denke, das ist genau der Punkt bei ADHS!!!!
Es wird ja oft gesagt, die normalen Erziehungsmethoden greifen nicht. Das ist nehme ich mal an, genau deshalb weil viele Dinge nicht absichtlich geschehen, somit nützen auch Strafen nichts in diesem Moment. Dadurch geht dann nur ein Teufelskreis los.


Das ist ein guter Gedanke. Meistens gilt das nicht nur für AD(H)S-Kinder. Die meisten (kleinen) Kinder wollen nicht ihre Eltern oder sonstige Erwachsene ärgern. Wenn sie das wirklich wollen, dann häufig, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen. Ihre kindliche Sicht kann dabei natürlich falsch sein, weil sie einen anderen Blickwinkel und weniger Erfahrung haben, um das Verhalten der Erwachsenen richtig deuten zu können.

Es sind halt die AD(H)S-Kinder, die häufiger als "normale" Kinder nicht absichtlich "unerwünschtes Verhalten" zeigen, oder die sich auch häufiger und heftiger, weil impulsgesteuert, gegen (vermeintlich) ungerechte Behandlung auflehnen.

Sein Kind verstehen zu wollen, ist nicht die schlechteste Idee. Bloß braucht auch das oft eine Menge Zeit. Manchmal ging es mir so, dass ich erst im Nachhinein (wenn ich in Ruhe noch einmal die Abläufe Revue passieren ließ) kapiert hatte, was eigentlich los war, warum mein Kind so und nicht anders reagierte.

Was ich auch bemerkt habe: Man muss als Erwachsener der Halt für die Kinder sein. Das ist sehr wichtig. Trotzdem darf auch der große Halt schon mal zugeben, dass auch ihm etwas schief gelaufen ist - möglichst zeitnah: "Ich habe Dich vorhin auf dem Spielplatz ungerecht behandelt, weil ich übersehen habe, dass ... Das tut mir sehr leid." Wenn das nicht allzu häufig kommt, klingt es auch für das Kind glaubhaft, und es rüttelt nicht am Halt, der man dann natürlich trotzdem noch ist.
LG Hanghuhn
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Re: 3 jähriger

Beitragvon Stefan SRO » 30. Juli 2018 00:27

Hallo in die Runde,

bisher war das Thema "Auffallen" nicht ganz so schlimm. Doch seit unser Zwerg 7 geworden ist dreht er richtig auf. Ich vermute mal, das sich der Hormonhaushalt zum ersten mal entscheidend verändert hat.

Wir fahren mit "einige Zeit zuvor ankündigen" recht gut. Dann opponiert er erst mal, hat aber Zeit ruhiger zu werden und dann nachzudenken. So kommen wir zur Zeit etwas weiter.

Unsere Diagnose steht noch aus und wir hoffen auf die Medikamente. Dass er unter sich selbst leidet, hat er schon oft zum Ausdruck gebracht ("Ich bin Dumm!" -und das mit 7), nur kann er es genauso wenig verstehen und in Worte fassen wie ich als Kind. (Diagnose mit 45 Jahren)

Ich habe in den letzten Wochen massenweise Fachtexte zum Thema "gefressen", um selbst etwas Durchblick zu gewinnen. (zu Mir aber auch zu meinem Sohn)
Hier habe ich (zumindest für uns) mitgenommen, das ein Verhaltens-Training nur etwas bringt, wenn es Medikamentös begleitet wird. Also nicht im Sinne von "sedieren" sondern um Steuerungsfähig zu werden und bewusst zu erleben.

Ob das Klappt werde ich die kommenden Jahre erleben.

In jedem Fall nehme ich jedoch als wichtigste Maxime mit. Hat ein Kind AD(H)S, hat es mindestens ein Elternteil auch. Dem Kind kann erst geholfen werde, wenn auch der betroffene Elternteil sich helfen lässt.
Andernfalls wird es (weiterhin?) zu affektgesteuerten Übergriffen kommen, die physische und psychische Störungen zur Folge haben.
Damit sind sowohl das "Rumpelstilzchen" im Kind als auch in den Eltern gemeint.

VG
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Re: 3 jähriger

Beitragvon zoraya » 30. Juli 2018 21:24

Naja, man muss ja nicht die Diagnose zu haben, um etwas zu veràndern.
Ich war an einem Festival, auf Psychedelischen Drogen, voll abgedreht. Irgendwie war dort so ein Satz, den ich hoerte, irgendsowas wie:" Versuch mal den Kreislauf zu durchbrechen. Jede Mutter wird die Fehler der eigenen Mutter wiederholen und weitergeben, auch unbewusst."
Ich hab mir damals geschworen, dass ich den Kreislauf durchbreche.
Und ich tue es.
Und ich tat es auch ohne Diagnose.

Nur so am Rande: Ich hatte noch kein Kind, als ich auf Drogen aufm Festival war. Ich nehm jetzt keine Drogen mehr.
Aber ich wuerds nie bereuen. :-)
Lg Zoraya
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Re: 3 jähriger

Beitragvon Stefan SRO » 31. Juli 2018 11:18

"... den Kreislauf ... durchbrechen..."
Das ist auch mein Ansatz.

Wir haben seit vielen Generationen in der männlichen Linie Väter in typischen ADHS-Berufen. (Feuerwehrleute, Polizisten, usw.)
Alle die ich noch kennen gelernt habe und auch von denen es nur noch mündliche Überlieferungen gibt, haben das selbe Schema.
Impulsive kurz aufflammende Gewalt gegen das ebenfalls betroffene Kind als Folge der Überforderung und dann wieder außergewöhnlich starke Fürsorge (wie eine Art schlechtes Gewissen)

Alle haben für ihr Umfeld tolle Events organisiert oder spontan geholfen, konnten aber selbst nicht davon profitieren, da größere Menschenmengen sie in die Flucht geschlagen haben. (Standen meist Abseits)
(die Palette der identischen Verhaltensmuster ist weit größer als hier angerissen)


Mit der Erkenntnis, das dieses für unsere Sippe so typische Verhaltensmuster "nicht normal" sondern eine Krankheit ist, hat der Durchbruch begonnen und mit der konsequenten Behandlung aller erreichbaren Betroffenen geht der Durchbruch weiter, sodass die mit hoher Sicherheit weiterhin betroffenen nächsten Generationen von vornherein davon wissen und ggf. reagieren können.

VG
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Re: 3 jähriger

Beitragvon zoraya » 31. Juli 2018 11:27

Ist ja cool, dass das bei euch so läuft.
Ich denk, man kann hald alles nicht so eng sehen. Wie siehts denn mit den Kindern aus, die Gewalt erleben, weil es gesellschaftlich so vorgegeben wird?

Mein Freund war im Winter zwei Monate in Ghana. Kann mich grad nicht richtig erinnern, jedenfalls hatten wir über das Thema gesprochen.
Er hatte nicht viele Kinder spielen sehen, die müssen helfen und arbeiten. Anscheinend werden die auch geschlagen.

Mein Freund meinte, es gäbe da keine Trotzphase.

Ist natürlich nur ein subjektiver Eindruck und er ist auch kein Psychologe oder sonst geschult auf diesem Gebiet.

Was meinst du, wie kann man die Gewalt da durchbrechen?

Lg Zoraya
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Re: 3 jähriger

Beitragvon Stefan SRO » 31. Juli 2018 12:04

Die Gewalt ist nur einer von vielen Aspekten, doch leider prägend für die Kinder.

ADHS-Kinder können nicht erspüren, wann sie mit Opponieren aufhören müssen. Sie sind auch gar nicht in der Lage aufzuhören, da sie das nicht bewusst tun. Meist betrifft es ja gerade die Leute, die sie am meisten lieben.
Nicht betroffene Kinder erkennen die Grenze sehr genau, da sie das Verhalten und die Mimik des Gegenübers interpretieren können.

Der Gegenpart, also der betroffene Elternteil, gibt sich anfänglich (also der jeweiligen Situation) alle Mühe deeskalierend zu wirken bekommt dann aber selbst den Punkt nicht mit, wo er das Kind toben lassen und aus dem Raum gehen sollte. Eine Kettenreaktion die sich ab einem bestimmten Punkt exponentiell beschleunigt.

Meist entwickelt sich das niedrige Selbstbewusstsein der Kinder erst im Erwachsenenalter zu gewisser Stärke heran, hat aber auch da noch einen gewaltigen Knacks. Das betrifft vor allem Kinder mit hoher Empathie-Fähigkeit. Etwas Stumpfere werden entweder kriminell oder "legal gewalttätig". (ich möchte die Berufsgruppe hier nicht nennen, kenne aber persönlich solche Vertreter)

Mit Medikation und Therapie beider Betroffener kommt man aus diesem in jeder Generation wiederkehrenden Schema ausbrechen.


Gewalt ist aber nur ein Aspekt. Viele für ein Kind in der heutigen Gesellschaft wichtige Rahmenbedingungen, sind in "AD(H)S-Sippen" nicht so optimal.

"Sich selbst Steuern" ist heute leider unvermeidlich. Vor mehr als 1000 bis 3000 Jahren wären AD(H)S-ler sicher weit im Vorteil gewesen, da sie auf jegliche Umwelteinflüsse schneller und "richtiger" reagieren können.

Aber ich gleite ab. Natürlich sind meine Einschätzungen keine Ergebnisse hochdotierter Doktorarbeiten, doch sie haben sich bei mir aufgrund vieler Eindrücke so gebildet und sind ganz bestimmt nicht aus der Luft gegriffen.


VG
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Re: 3 jähriger

Beitragvon zoraya » 31. Juli 2018 12:28

Stefan SRO hat geschrieben:
"Sich selbst Steuern" ist heute leider unvermeidlich. Vor mehr als 1000 bis 3000 Jahren wären AD(H)S-ler sicher weit im Vorteil gewesen, da sie auf jegliche Umwelteinflüsse schneller und "richtiger" reagieren können.


VG
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Das ist ja spannend. Wie können sie denn scjneller und richtiger Reagieren? Versteh ich noch nicht ganz..
Lg
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Re: 3 jähriger

Beitragvon zoraya » 31. Juli 2018 12:32

Stefan SRO hat geschrieben:Meist betrifft es ja gerade die Leute, die sie am meisten lieben.
Nicht betroffene Kinder erkennen die Grenze sehr genau, da sie das Verhalten und die Mimik des Gegenübers interpretieren können.


VG
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Beim ersten dieser zwei Sätzen denke ich eher grad an Borderline und beim zweiten an Asperger.
Wusste ich nicht, dass man das ADHS zuordnen kann.
Lg Zoraya
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Re: 3 jähriger

Beitragvon Stefan SRO » 31. Juli 2018 16:31

"...Borderline und beim zweiten an Asperger..."

Wenn da nicht alle anderen ADHS-Symptome ebenfalls im Raum stehen würden, könnte man darauf schließen.
Da aber beide Erkrankungen weitere Aspekte beinhalten, die bei ADHS-lern aber nicht beobachtet werden oder "nur" Teil einer Komorbidität sind, lässt es sich abgrenzen. (natürlich nicht ohne Hormonuntersuchung, EEG und der Voraussetzung, dass man die Existenz von AD(H)S überhaupt akzeptiert)
Die bisher aufgesuchten Psychologen haben sich in unserem Fall immer auf einzelne Symptome gestürzt und versucht diese zu behandeln. Im Zusammenhang wurde das erst vor ein paar Monaten gesehen und dann erkannt.


Im Buch ISBN-10: 3407221614 wurden von Thilo Fitzner und Werner Stark mehrere Fachartikel auf fast 500 Seiten gesammelt. Es ist schon etwas betagt aber sehr gut zusammen getragen und aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Auch für Eltern sind einige Artikel enthalten und gekennzeichnet.


"...schneller und "richtiger"..."

Bei vielen Unfällen im Handwerk und Straßenverkehr habe ich als einziger oder lange Zeit als erster Ersthelfer sofort die richtigen Maßnahmen ergriffen, während Andere vorbei fuhren oder nur geglotzt haben.
Für den als schusselig geltenden AD(H)S-ler untypisch musste ich das Umfeld zum helfen anleiten. ("Sperr die Straße!", "Hol den Verbandskasten!", "Ruf die 112 an!", "Lauf dem Rettungswagen entgegen und sag wo sie lang müssen!"
In der Familie haben wir viele Feuerwehrleute und ähnliche Berufe gehabt, die nach ähnlichem Schema handeln mussten.
"Jetzt!!! Schnell!!! Alles andere ausblenden!!!"

Das ist eine der wenigen "Gaben" der AD(H)S-ler. Sie arbeiten unter hohem Stresslevel unglaublich gut.
Der "fähige" Zeitraum ist jedoch eingeschränkt und eine Langzeitfokussierung mit fernem Ziel entweder nicht möglich oder es endet in einer Art Burnout. (Meiner kam nach steiler Karriere im Dez. 2014)

Mehr zum Thema gern als PN, da es ja hier eigentlich um den 3-jährigen geht.

VG
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