Meine Oma meinte,

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Mamamaldrei
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Meine Oma meinte,

Beitrag von Mamamaldrei » 9. November 2015 06:53

Das früher für Kinder mit solchen "Problemen " alles besser war! :0009:

Meine Oma ist 91 und bei klaren Verstand. Sie hat 4 Kinder. Mein Vater der jüngste war laut ihren Aussagen auch "so ein" Kind.
Aber man da früher nicht so ein Aufsehen drum gemacht. Sie sieht meine Probleme bez.die meines Sohnes realistisch und sehr gut. (O-Ton: " Da gibt es doch so ein tolles Buch drüber! Der Zapelphilip und der Hans guck in die Luft....!")
Jedenfals meint sie das es damals duch aus auch viele mit ADHS gab,  dies viel aber nicht so auf. Sie waren die ganzen Tag draußen umringt von vielen anderen Kindern wo sie einfach Kinder seien konnten. Sie zogen duch das Dorf, prügelten sich, bauten Hütten, schwammen am See und kamen abends kaputt heim. Auch in der Schule gab es mal was mit den Stock oder man musste die verlassen! Fertig! Diese Kinder fielen nicht so auf und keiner währe da auf dir Idee gekommen Medikamente zu geben.
Mein Vater ist dann einfach mit seinen Großen Geschwistern und den anderen Kindern aus den Dorf mit und hat hat er nicht gehört, wurde er halt stehen gelassen, da hat er es sich drei mal überlegt. Aber es durfte auch wild gespielt werden und Schrammen und blaue Flecke waren kein Drama. Auch andere Leute aus den Dorf haben "mit erzogen" heute darf man ja als Nachbarin den Kindern ja nicht mal "Hey ihr Burschen, geht ihr noch einmal an meine Blumen, kommt der Eimer Wasser runter!" hinterher rufen.

Jenfals ist klar das ne Tracht Prügel heute verboten ist und das sehr gut ist. Eine Gewaltfrei Erziehung ist wichtig. Aber ansonsten finde ich hat sie recht. Wenn man überlegt,  es muss früher ja auch ADHS geben haben. Und es wird ein Grund haben warum es erst in der Heutigen Zeit so sehr auffällt. Die Welt wirklich für solche Kinder nicht mehr "offen"?
laetitia
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Re: Meine Oma meinte,

Beitrag von laetitia » 9. November 2015 09:24

Naja, ich würd mal sagen, die Welt ist einfach komplexer geworden.

Will ich zB ins Kino, schaue ich im Internet nach, wo und wann der gewünschte Film läuft...dann blinkt hier was, dort muss ich aufpassen, dass ich nicht ausversehen draufklick, wenn ich gerade gefunden habe, wonach ich suchte, springt ein Pop-Up auf und will ich den Trailer sehen, muss ich vorher noch einen Werbefilm schauen...

So in etwa ist die Welt heute. Überall wird man mit Reizen überflutet und es gibt immer weniger Rückzugsorte.
minime
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Re: Meine Oma meinte,

Beitrag von minime » 9. November 2015 09:51

Ja, ja die Omas meiner Kinder sind vollkommen gegen "Ruhigstellen" mit Medis und schimpfen auf die böse Welt, die es solchen Kinder heutzutage schwer machen würde, ganz im Gegensatz zu früher, wo angeblich alle mitgezogen wurden und Integration kein Thema war! :aufsmaul_2: :aufsmaul_2: :sauer: :sauer:

Nun ja, wenn man dann ins Detail geht was aus den Zappelphillipen,  Durchgeknallten, Störenfrieden  und Clowns ihrer Generation geworden ist, dann sieht es schon nicht mehr so freundlich und sympatisch aus: Da gibt es Schulabbrüche, abgebrochene Lehrern, abgebrochene Studien, Arbeitslosigkeit, Sonderschulen, letztlich sind viele beim städtischen Bauhof (inkl. Müllabfuhr), bei er Bahn (vorzugsweise als Schienenarbeiter),  oder bei der Post gelandet oder eben dazumal in der Landwirtschaft (kam dem Bewegungsdrang sehr entgegen!)  und problematische bis gescheiterte Ehen sind charakteristisch. Von Alkohol- und anderen Süchten mal ganz zu schweigen. Da wir in einem Dorf leben, kennt man diese Menschen hier und es sind keine Märchen. Übrigens komischerweise haben die Enkel dieser Leute auch nicht selten eine ADHS Diagnose.
DAS allerdings wollen die Omas dann doch nicht mehr hören.

ADHS ist nun mal nicht tödlich, aber unbehandelt eine Garantie dafür sowohl in der Vergangenheit als auch jetzt sich am Rande der Gesellschaft zu bewegen.
Ich will damit nur sagen: es war früher mitnichten besser, im Gegenteil es war schlechter! Jetzt hat man bei ADHS wenigstens die Chance auf eine Förderung und Therapie so dass das Potential genutzt werden kann.

LG, minime.
ADHDgoesto11
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Re: Meine Oma meinte,

Beitrag von ADHDgoesto11 » 9. November 2015 10:05

"Früher" war es auch normal, mit 16-18 mit der Selbstmedikation (Rauchen) anzufangen. Früher war nicht alles besser.

Guckt euch mal alte Werbeclips mit dem HB-Männchen an - da springt einem der unbehandelte erwachsene ADHSler praktisch ins Auge.  :breitgrinse1:

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Elchi
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Re: Meine Oma meinte,

Beitrag von Elchi » 9. November 2015 10:48

Hier habe ich die Gechichte von Hermann Hesse. Er würde heute wohl die Diagnose ADHS bekommen und ich habe in diesem Bericht nicht den Eindruck, dass er ein "glückliches Kind" war, obwohl er "damals" gelebt hat:
http://www.hhesse.de/media/files/adsh.pdf

Im Übrigen kann ADHS sehr wohl tödlich enden, wenn man die Unfallgefahr mit einrechnet. Ich möchte nicht wissen, wie viel ADHSler "früher"  mal eben von Bäumen gefallen sind oder in Flüssen beim Spielen ertrunken sind. Damals konnte man auch noch an einfachen Verletzungen mit Wundinfektion sterben. Üblicherweise gab es aber auch genug Kinder in jeder Familie und es war "normal", dass da ein gewisser "Schwund" war.

Mein Bruder war auch ein lange nicht medikamentös behandelter ADHSler (vor 40 Jahren war Mph noch nicht so verbreitet). Er hat sehr unter seiner "andersartigkeit" gelitten. Trotz guter Intelligenz mit Ach und Krach einen Schulabschluß (weil er gegen Ende ein paar mal gewechselt hat und die Schulen ihn "wohlwollend" bewertetetn, wenn er nur verschwindet), dann fast die Ausbildung nicht geschafft, im lezten Moment mit Mph noch die Kurve gekriegt. Ohne hätte er dann ungelernt in irgendeinem Lager arbeiten können, immer so lange, bis er wegen Krach mit dem Chef wieder rausgeflogen wäre. Ein tolles Leben  :up_to_something:
Diese Kinder waren damals die schwarzen Schafe der Familien und mir kann keiner erzählen, dass es diesen Kindern "früher" besser ging. "Kloppe" gab es doch nicht nur in der Schule, sondern auch in der Freizeit von den anderen Kindern. Heute würde man es "Mobbing" nennen.

LG
Elchi
Thelma
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Re: Meine Oma meinte,

Beitrag von Thelma » 9. November 2015 11:07

Hallo ,
Ich bin Jahrgang 1970 und habe meine Diagnose ADHS erst mit 43 erhalten....was ich seit der Pubertät gefühlt habe, kann ich kaum in Worte fassen -es war ab einem gewissen Alter sehr viel Leiden ..und das "anders sein" hatte keinen Namen für mich. GEFÜHLT habe ich es aber in aller Deutlichkeit.Und immer versucht, es zu verbergen. Z.B. indem ich mich zuviel an anderen Mitschülern und Freunden orientierte.
-Ablehnung und Zurückweisungen meiner Eltern-- -die andererseits meine typische ADHS- Hilfsbereitschaft für die Betreuung meines kleinen Bruders 7 Tage die Woche ausgenutzt haben und durch meine Feinfühligkeit mich auch als "seelischen Abfalleimer" (Mutter) benutzt haben.
-Ausgrenzung und Verachtung meiner Klassenkameraden, viel Spott
-Depressionen, kaputtes Selbstwertgefühl usw...
An die Kindheit ab 4 Jahren habe ich allerdings sehr  gute Erinnerungen, aber wie gesagt, ab der Pubertät dann Depressionen und Selbstwertprobleme.
Klar war ich in meiner Kindheit den ganzen Tag draussen und unterwegs und im ganzen Dorf zuhause. Damals machten sich die Mütter noch keine Sorgen, es war wohl ungefährlicher als heute (?).
Ich habe mich mit unbehandeltem ADHS, 9 Jahre durchs Gymnasium gequält und allgemeine Hochschulreife geschaft----war dann aber im Berufsleben völlig deplaziert, längere 'Zeit arbeitslos usw...

Ich stelle mir aber nicht die Frage, ob ich heute lieber (mit Ritalin) Kind sein wollte oder was wäre gewesen wenn......heute besser- früher besser  ??? Das bringt uns doch alle nicht weiter.

Ich habe mir selber sehr viel erarbeitet, ich bin die Summe meiner psychosozialen Erfahrungen, meiner Gene, meiner ersten Lebensjahre, meiner Erziehung-und ich finde mich heute gut so wie ich bin. :zwink:

LG auch an Deine 'Oma.
Falschparker
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Re: Meine Oma meinte,

Beitrag von Falschparker » 9. November 2015 14:11

[quote="Mamamaldrei"]" Da gibt es doch so ein tolles Buch drüber! Der Zapelphilip und der Hans guck in die Luft....!"

Jedenfals meint sie das es damals duch aus auch viele mit ADHS gab,  dies viel aber nicht so auf. Sie waren die ganzen Tag draußen umringt von vielen anderen Kindern wo sie einfach Kinder seien konnten. Sie zogen duch das Dorf, prügelten sich, bauten Hütten, schwammen am See und kamen abends kaputt heim. Auch in der Schule gab es mal was mit den Stock oder man musste die verlassen! Fertig! Diese Kinder fielen nicht so auf und keiner währe da auf dir Idee gekommen Medikamente zu geben.
Mein Vater ist dann einfach mit seinen Großen Geschwistern und den anderen Kindern aus den Dorf mit und hat hat er nicht gehört, wurde er halt stehen gelassen, da hat er es sich drei mal überlegt. Aber es durfte auch wild gespielt werden und Schrammen und blaue Flecke waren kein Drama. Auch andere Leute aus den Dorf haben "mit erzogen" heute darf man ja als Nachbarin den Kindern ja nicht mal "Hey ihr Burschen, geht ihr noch einmal an meine Blumen, kommt der Eimer Wasser runter!" hinterher rufen.

Jenfals ist klar das ne Tracht Prügel heute verboten ist und das sehr gut ist. Eine Gewaltfrei Erziehung ist wichtig. Aber ansonsten finde ich hat sie recht. Wenn man überlegt,  es muss früher ja auch ADHS geben haben. Und es wird ein Grund haben warum es erst in der Heutigen Zeit so sehr auffällt. Die Welt wirklich für solche Kinder nicht mehr "offen"?[/quote]

Du kannst die Frage ja gut anhand deines 3-jährigen beantworten. Dass der ständig aneckt, seinen Bruder beim Spielen übersieht, Memoryspielen nicht hinkriegt usw., wäre vor 50 Jahren doch auch nicht anders. Und möchtest du dir vorstellen, dass er mit der Dorfjugend herumzieht und Hütten baut? Nein, die würden ganz schnell Abstand nehmen.

Dein Vater (auch ADHS?) hat Glück gehabt wenn er einigermaßen integriert war. Aber so stark betroffen wie dein Junge war er dann wohl nicht.

Deine Schwiegereltern und Eltern trauen sich nicht zu ihn zu betreuen, schreibst du. Aber deine Oma wuppt ihn mit links, ja?  :0009:

Zappelphillipp und Hans guck in die Luft wurde von einem Psychiater geschrieben, der solche Kinder gut kannte. Und sehr wahrscheinlich selbst ADHS-ler war.
http://www.hyperaktiv.de/der-psychiater ... troffener/

Schrammen und blaue Flecken waren kein Thema, ja, aber viele Kinder erlitten auch schlimme Unfälle. Das wird in verklärenden Erinnerungen leider vergessen. Auch dass die Erwachsenen früher freundlicher zu Kindern waren, halte ich für einen Mythos. Die Erwachsenen konnten sich ohne Ärger zu bekommen mehr gegenüber Kindern herausnehmen, die sie störten.

Natürlich wäre niemand auf die Idee gekommen, den Kindern Medikamente zu geben, die standen nicht zur Verfügung. Aber heute ist Hilfe Gott sei Dank möglich. Dass autoarme dörfliche Umgebungen eine gute Sache für Kinder waren und teilweise noch sind, steht dem ja nicht entgegen. Aber die Kinder, die dadurch früher nicht als gestört auffielen und heute anecken, sind die leichter Betroffenen.

Viele Grüße
Falschparker
<><
ADHDgoesto11
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Re: Meine Oma meinte,

Beitrag von ADHDgoesto11 » 9. November 2015 14:52

[quote="Falschparker"]
Zappelphillipp und Hans guck in die Luft wurde von einem Psychiater geschrieben, (...)
[/quote]

Das muss man eigentlich jedes Mal hervorheben. Der "Struwwelpeter" ist keine Sammlung lustiger Fantasiegeschichten, sondern ein Einblick in die Menge der Erfahrungen, die ein Arzt/Psychiater so 1850 herum machte.

[quote="Falschparker"]
Natürlich wäre niemand auf die Idee gekommen, den Kindern Medikamente zu geben, die standen nicht zur Verfügung.
[/quote]

Oh ... geben tut es die Medikamente schon lange, und die Wirksamkeit wurde so 1935 herum entdeckt. Ritalin war bis ungefähr 1970 rezeptfrei (!!) in Apotheken erhältlich.

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Re: Meine Oma meinte,

Beitrag von lenilein » 9. November 2015 16:05

Ich finde die Welt ist viel offener geworden. 

Klar man könnte einfach die Schule verlassen  aber will das jedes Kind?

Stell dir dich mal vor du hättest nur ein Bein unbemannte würde dir Prügel erteilen oder dich gar von der Schule schmeißen,  weil du nicht so schnell laufen kannst,  wie die anderen Kinder?!

Ich bin ja im Schnitt noch ca 10 Jahre älter,  als die meisten Kinder von den Usern. Ich war auch viel draußen,  hatte die Möglichkeit zu toben und habe auch den ein oder anderen schlag abbekommen.  Aber dennoch habe und hatte ich adhs und die dementsprechende Probleme.  Durch toben und mehr Freiheiten ändert sich schließlich kein Stoffwechsel!
bin ich außergewöhnlich, bin ich anders, bin ich besonders, nein ich bin einfach ich jeder, der das nicht so sieht, der ist es nicht!
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Eule
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Re: Meine Oma meinte,

Beitrag von Eule » 9. November 2015 16:42

Hier ist schon einiges sinnvolles gesagt worden, und ich denke das was Falschparker andeutet wenn er dir vorschlägt deinen Dreijährigen als "Beweis" für die Schwierigkeiten anzuführen geht in die richtige Richtung.

Frag sie doch mal wie dein Vater klargekommen ist, wie oft der gefrustet heim kam und sie ihn trösten musste, weil ihn Leute die er gern als Freunde gehabt hätte abgelehnt haben, wieviele Freunde der überhaupt hatte, was er verglichen mit seinen Geschwistern beruflich erreicht hat, ob er in der Schule sitzengeblieben ist oder mit dem absoluten Minimal-Abschluss abgegangen ist, wieviele Freundinnen er nur kurz gehabt hat obwohl das ganz tolle Wunsch-Schwiegertöchter für sie waren, und wo vielleicht auch er traurig war dass sie nicht bleiben wollten.

ADHS zeigt sich ja nicht nur in den unerwünschten Verhaltensweisen, von unaufmerksam in Schule, Ausbildung oder wenn man zuhause bei irgendwas helfen soll,  über impulsiv dazwischen quatschen, sich prügeln, oder sonstwie unangemessen benehmen, wo dann die anderen die dieses Verhalten nicht durchgehen lassen wollen früher den ein oder anderen Klaps verteilt haben, Strafarbeiten von Hof fegen oder Stall misten bis nachsitzen in der Schule oder Ausgangsverbot am Abend / Wochenende angeordnet haben oder die dann den nervigen ADHSler gemieden haben. Der ADHSler der ja oftmals gar nicht merkt was an seinem Verhalten nicht ok ist und daher nicht versteht was er ändern soll, oder aber es nicht schafft, unerwünschtes Verhalten dauerhaft abzustellen weil das für ihn so schwer ist zu denken bevor er handelt, oder sich das gewünschte Verhalten zu merken und dann auch in der Situation abrufen zu können steht ja durch diese frustrierenden negativ-erlebnisse die er nur teilweise versteht auch mit einigen Problemen da. Das wirkt ja auch wieder zurück, und begünstigt schließlich die schon angedeuteten "Schwarzes Schaf der Familie" - Karrieren.

Die meisten Leute verstehen nicht, wie weitreichend die Konsequenzen sind, die daraus entstehen können. Und ich nehme an, dass auch deine Oma wahrscheinlich erst wenn man ihr den Zusammenhang erklärt versteht, dass ein unerkannter ADHSler nicht weil er faul in der Schule war, oder weil er ja nie richtig was aus sich machen wollte einen Job hat mit dem er kaum seine Familie durch kriegt, und alle halbe Jahre eine neue Stelle braucht weil er sich mit seinem Chef nicht mehr versteht, sondern weil sich so das unerkannte ADHS äußern kann.
Thelma
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Re: Meine Oma meinte,

Beitrag von Thelma » 10. November 2015 22:14

Ich hab mich auch furchtbar geärgert als ich mal gelesen habe: "Wenn wir Kinder früher ADHS hatten, hat man uns eine geknallt und wir waren wieder geheilt" 
Sowohl ich als auch viele andere haben die gegenteilige Erfahrung gemacht.  durch Ohrfeigen wurde ich nur noch verschlossener und widerspenstiger und verzweifelter.
Schrecklich  waren für mich als feinfühliger Mensch ab der Pubertät die ständige Ablehnung  und Verachtung von Eltern, Klassenkameraden, Dorfbewohnern, Verwandten...
Bis heute wünsche ich mir einfach nur den Respekt meiner Mitmenschen.
"Dass autoarme dörfliche Umgebungen eine gute Sache für Kinder waren und teilweise noch sind, steht dem ja nicht entgegen. Aber die Kinder, die dadurch früher nicht als gestört auffielen und heute anecken, sind die leichter Betroffenen. "
Das nehm ich mal als gute Nachricht, bin also wohl eher leicht betroffen

LG Thelma
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Re: Meine Oma meinte,

Beitrag von laetitia » 10. November 2015 23:21

Ja, ich sag jetzt auch nochmals was...

...Ich bin jetzt bald 40...also gehöre ich noch zur Generation, wo man die Kinder mehrheitlich hat "Kinder sein lassen", wie man so schön sagt.

Das heisst: Wir waren eigentlich immer draussen, fuhren Rad, gingen in den Wald, rannten herum etc.
Leider klappte es mit der Schule nicht so, wie es sollte...aber das war schon OK so, dann ist das Kind halt einfach praktisch begabt...ein anderer Ausdruck für...dumm...
So hört man halt ein Leben lang, dass man eigentlich zurückgeblieben ist...obwohl die Nachhilfelehrer alle fanden, dass die Nachhilfe nicht nötig sei, dass ich ja könnte, wenn ich nur wollte...nur, einmal das Etikett dumm wird man dieses nicht mehr so rasch los...und man glaubt dann halt selbst daran...obwohl man sich wundert, dass die Kinder die alle so viel gescheiter sind, so dummes Zeugs von sich geben...

Dann macht man eine Ausbildung, weil für eine höhere Schule ist man eh zu dumm und bei uns in der Schweiz ist die Ausbildung der Regelfall. Daher käme einen ja eh nicht in den Sinn, eine höhere Ausbildung anzustreben. In der Berufsschule hat man das seltsame Gefühl, völlig im falschen Film zu sein...denn die Mitschüler, die teilweise einen höheren Schulabschluss haben als man selbst, finden den Stoff schwierig und fürchten sich vor Prüfungen...während man selbst irgendwie nicht ganz versteht, wo denn die Schwierigkeiten liegen...

Die Lehrabschlussprüfung besteht man mit Bestnoten, obwohl erst zwei Wochen vor der Prüfung angefangen wurde, ernsthaft zu lernen...das Wichtigste noch am Abend vorher in den Kopf rein...

Unzufrieden, weil der Beruf überhaupt nicht passt und das Problem der Reizüberflutung nur noch verstärkt...dümmelt man dann rum und weiss nicht, was mit seinem Leben anzufangen. Also nächste Ausbildung...diesmal etwas mehr am Profil...aber dann nach dem Abschluss dennoch ohne Erfolg bei der Jobsuche. Nicht weil kein Talent, sondern weil noch immer nicht wirklich verstanden, dass man was drauf hat...

Eine Geschichte von langweiligen Jobs und depressiven Phasen, die die besten Ideen und Ansätze immer wieder im Keim ersticken. Bei der nächsten Arbeitsstelle dann aus Langeweile noch die Unizulassung nachmachen...und ein Studium anfangen...

...und jetzt mit Diagnose endlich eine Antwort auf die vielen Leerläufe haben. Ausserdem die Hoffnung, dass sich was ändert. Dass auch Jobmässig was geht...und auch sonst im privaten...mit oder ohne Medis (da ich erst noch die Verträglichkeit abklären muss)...aber auf jeden Fall nicht mehr ohne HILFE. Hilfe, die ich schon längst gebraucht hätte...und hätten meine Eltern verstanden, dass ich nicht einfach nur "zu sensibel" war, dass ich nicht "halt praktisch begabt" bin, dass ich nicht einfach könnte, wenn ich wollte und dass ich nicht einfach faul bin...aber dass ich eine sehr gut entwickelte Intelligenz besitze, die einzig durch eine Stoffwechselstörung daran gehindert wurde, sich in voller Grösse zu zeigen...wären der Gesellschaft viele Kosten erspart geblieben und ich heute an einem ganz anderen Punkt in meinem Leben.

Aber ja, die Zeiten die wir draussen rum rannten und unbeschwert im Wald Hütten bauten, die habe ich trotz allem in guter Erinnerung.
Zuletzt geändert von laetitia am 10. November 2015 23:25, insgesamt 1-mal geändert.
Falschparker
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Re: Meine Oma meinte,

Beitrag von Falschparker » 11. November 2015 19:17

[quote="Thelma"]
"Dass autoarme dörfliche Umgebungen eine gute Sache für Kinder waren und teilweise noch sind, steht dem ja nicht entgegen. Aber die Kinder, die dadurch früher nicht als gestört auffielen und heute anecken, sind die leichter Betroffenen. "
Das nehm ich mal als gute Nachricht, bin also wohl eher leicht betroffen [/quote]

Nee, du warst offenbar nicht störungsfrei durch die Bewegung und dörfliche Umgebung.
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Re: Meine Oma meinte,

Beitrag von Leo7 » 11. November 2015 19:47

Hallo!

Muss auch mal kurz was dazu sagen. Ich bin 1969 geboren und selbst betroffen. Allerdings manifestierte es sich bei mir erst relativ spät. Als hochsensibles Träumerchen mit vermutlich guter Veranlagung  habe ich mich irgendwie 6 Jahre auf dem Gymnasium gequält. Angstzustände,  Depressionen und emotionale Instabilität inklusive.

In der Grundschulzeit kam ich gut zu recht und in der Tat fällt mir im Augenblick niemand meiner Mitschüler ein, der unter ausgesprochener Hyperaktivität litt, sehr wohl aber würde ich im Nachhinein ein paar Kandidaten blind als ADSler buchen. Auf der Dorfschule war das auch nicht bei jedem Lehrer lustig. Unter anderem hatten wir den Rektor und der hat ein Kind, dass ständig sich wegträumte mit dem Kopf mehrmals hintereinander auf die Tischplatte geschlagen. Ein anderes war so unkonzentriert und verunsichert, wenn es auf der Landkarte einen Ort finden sollte, dass es komplett blockierte. Dem wurde dann vor der ganzen Klasse so am Pulli gezogen, dass der danach zerrissen war.

Auch meine Mutter (80) berichtete, dass sie häufig Kinder in der Klasse hatten, die sie an ihren Enkel (ADHS) erinnern, damals hielt man sie einfach für dumm und sie bekamen was mit dem Rohrstock. Gelitten haben die auch!

LG Leo7
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