Die anderen sind schuld und Ausdrucksweise

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tulipa
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Die anderen sind schuld und Ausdrucksweise

Beitrag von tulipa » 3. Oktober 2015 16:34

Heute geht es mal um unseren Zweitgeborenen. Männlich, 8 Jahre, 3. Klasse.

Wir kämpfen grade sehr mit seiner Ausdrucksweise. Hatten wir bis vor einem halben Jahr noch das Problem, dass er gerne mal handgreiflich wurde, so entlädt sich jetzt seine ganze Wut in einer nicht mehr hinnehmbaren Ausdrucksweise. Es fallen Wörter/Sätze wie "Halt deine verf... Fresse, Halts Maul, A...loch". Und diese Woche wohl erstmals ein "Ich bring dich um" gegenüber einem Kind in seiner Klasse.Was nun natürlich Beschwerden bei uns Eltern zur Folge hatte. (Ein Mädchen hat ihn wohl im Sportunterricht (in seinen Augen mit Absicht, in den Augen aller anderen war es ein Unfall) zu Fall gebracht. In seiner Sichtweise ist er der Leidtragende der ziemlich hart mit dem Kopf am Boden aufgeschlagen ist und nun auch noch den Ärger dafür bekommt.)

So manches Mal kann er sich auch uns Eltern gegenüber nicht zurückhalten, die volle Bandbreite bekommt jedoch sein Bruder und gleichaltrige Kinder zu hören. Wegen eines "Halts Maul" zum Fußballtrainer musste er nun auch mit dem Fußballspielen aufhören. Aufgrund seines bisherigen Verhaltens, meiden ihn mittlerweile auch schon viele Kinder.

Weder erklären noch ignorieren noch strafen hat bisher geholfen. Seiner Meinung nach sind die anderen Schuld. „Die haben mich provoziert“, „Die haben das mit Absicht gemacht“, „Die wollten mich damit ärgern“.
Im aktuellen Fall habe ich ihm nun aufgetragen er muss dem Mädchen nächste Woche in irgendeiner Situation zeigen, dass er auch nett sein kann (Schultasche zum Bus tragen, ihren Abfall entsorgen o.ä.) .

Kennt das jemand? Wie reagiert ihr? Was sind eure Konsequenzen?

tulipa
lenilein
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Re: Die anderen sind schuld und Ausdrucksweise

Beitrag von lenilein » 3. Oktober 2015 19:39

Hallo,

Diese Konsequenz finde ich sehr gefährlich und vor allem nicht wirklich angemessen. Er soll sich einfach freundlich entschuldigen, vielleicht eine Karte schreiben, wenn es mehr als nur ein paar Worte sein sollen, aber Tasche tragen oder Müll wegwerfen sind nicht grade Sachen, die man tun muss um nett zu sein. Ich würde auch befürchten, dass die anderen das eventuell herausfinden und dann absichtlich provozieren, damit ihnen auch eine Aufgabe abgenommen wird.

lg Lenilein  :winken:
bin ich außergewöhnlich, bin ich anders, bin ich besonders, nein ich bin einfach ich jeder, der das nicht so sieht, der ist es nicht!
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Marty123
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Re: Die anderen sind schuld und Ausdrucksweise

Beitrag von Marty123 » 3. Oktober 2015 19:58

Die Konsequenz halte ich, wie lenilein für unangemessen. Ich bin auch ein netter Mensch und trage für niemanden eine Tasche  :grübel:


Mein Sohn, ebenfalls 8, benutzt hier zu Hause nur sehr wenige Schimpfwörter, wenn dann sind es absolute Ausnahmen. Ich sage ihm immer solche Wörter, wie Ka**e, Ar**h, Schei** usw. gehören allerhöchstens auf die Toilette, dem entsprechend wird ein Kind, das bei und solche Wörter benutzt auf's Klo geschickt
In der Schule oder beim Sport werden andere Kinder von ihm oft, als dumm oder unfähig, o.ä. bezeichnet. Die Konsequenz ist da oft, dass er von Spielen ausgeschlossen wird.
tulipa
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Re: Die anderen sind schuld und Ausdrucksweise

Beitrag von tulipa » 3. Oktober 2015 21:27

[quote="lenilein"]
Ich würde auch befürchten, dass die anderen das eventuell herausfinden und dann absichtlich provozieren, damit ihnen auch eine Aufgabe abgenommen wird.
lg Lenilein  :winken:
[/quote]

O.k., von der Seite hab ich das noch gar nicht gesehen. Er hat eh schon den Status, dass er schnell in die Luft geht.

Ich hätte nun von einer persönlichen Entschuldigung abgesehen, weil, und da hab ich die Situation wohl nicht genau genug beschrieben, er den Satz nicht direkt zu dem Mädchen sagte. In der Situation ist er, laut Lehrerin, wutentbrannt aber schweigend aus der Turnhalle gerannt und hat sich in die Jungenumkleide gesetzt (wofür ich ihn erstmal gelobt hatte, weil wir es auch schon hatten, dass er in so einem Fall mit einem Tritt gegen den in seinen Augen Schuldigen reagiert hat) Die Stunde war dann nach wenigen Minuten zu Ende und als der Rest der Jungs in die Kabine kam, hat er wohl seiner Wut freien Lauf gelassen, und gesagt "Die bring ich um". Und anschließend ist einer der Mitschüler zu dem Mädchen gegangen und hat "gepetzt".

Vielleicht ist ein "Entschuldige, dass ich mich letzte Woche nach unserem Unfall so aufgeregt habe" auch eine ganz gute Lösung. Dank euch, für den Impuls.

Leider ist damit das ursprüngliche Problem seiner Wortwahl und dass er so schnell in die Luft geht bzw. sich so schnell angegriffen fühlt (ach ich weiß nicht wie ich das beschreiben soll) noch nicht gelöst. Wir hatten ihn eine Zeitlang mit der Begründung, das wir solche Ausdrücke nicht hören wollen auf sein Zimmer geschickt. Meist geht er dann auch freiwillig, allerdings begleitet mit einem weiteren Wortschwall an Kraftausdrücken. Hat er sich beruhigt, kommt er wieder, und man kann ganz normal mit ihm reden. Ich weiß nicht, was mich momentan mehr stört. Dass er so schnell wütend wird oder die Ausdrücke, die er dabei benutzt. Da ist Sch... noch harmlos.
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Re: Die anderen sind schuld und Ausdrucksweise

Beitrag von lenilein » 3. Oktober 2015 23:55

[quote="tulipa"]
[quote="lenilein"]
Ich würde auch befürchten, dass die anderen das eventuell herausfinden und dann absichtlich provozieren, damit ihnen auch eine Aufgabe abgenommen wird.
lg Lenilein  :winken:
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O.k., von der Seite hab ich das noch gar nicht gesehen. Er hat eh schon den Status, dass er schnell in die Luft geht.

Ich hätte nun von einer persönlichen Entschuldigung abgesehen, weil, und da hab ich die Situation wohl nicht genau genug beschrieben, er den Satz nicht direkt zu dem Mädchen sagte. In der Situation ist er, laut Lehrerin, wutentbrannt aber schweigend aus der Turnhalle gerannt und hat sich in die Jungenumkleide gesetzt (wofür ich ihn erstmal gelobt hatte, weil wir es auch schon hatten, dass er in so einem Fall mit einem Tritt gegen den in seinen Augen Schuldigen reagiert hat) Die Stunde war dann nach wenigen Minuten zu Ende und als der Rest der Jungs in die Kabine kam, hat er wohl seiner Wut freien Lauf gelassen, und gesagt "Die bring ich um". Und anschließend ist einer der Mitschüler zu dem Mädchen gegangen und hat "gepetzt".

Vielleicht ist ein "Entschuldige, dass ich mich letzte Woche nach unserem Unfall so aufgeregt habe" auch eine ganz gute Lösung. Dank euch, für den Impuls.

Leider ist damit das ursprüngliche Problem seiner Wortwahl und dass er so schnell in die Luft geht bzw. sich so schnell angegriffen fühlt (ach ich weiß nicht wie ich das beschreiben soll) noch nicht gelöst. Wir hatten ihn eine Zeitlang mit der Begründung, das wir solche Ausdrücke nicht hören wollen auf sein Zimmer geschickt. Meist geht er dann auch freiwillig, allerdings begleitet mit einem weiteren Wortschwall an Kraftausdrücken. Hat er sich beruhigt, kommt er wieder, und man kann ganz normal mit ihm reden. Ich weiß nicht, was mich momentan mehr stört. Dass er so schnell wütend wird oder die Ausdrücke, die er dabei benutzt. Da ist Sch... noch harmlos.
[/quote]

wenn er ihr das noch nicht einmal direkt gesagt hat, dann sollte eine Entschuldigung wirklich mehr als ausreichend sein. Dein Sohn hat doch im Prinzip sehr gut gehandelt, in dem er weggegangen ist. Und mal ganz ehrlich: hast du noch nie irgendjemanden verflucht, als du wütend warst? Also ich kann immer nur für mich reden, aber ich habe schon mehr als einmal irgendwelche Leute hinter ihrem Rücken beleidigt, weil sie mich extrem genervt haben. Das muss in meinen Augen manchmal auch einfach raus. Doof ist dann natürlich, wenn so etwas gepetzt wird  :kk:

Was natürlich eine Sache ist, ist die Wahrnehmung, du schriebst ja, dass er der einzige war, der sich angegriffen  gefühlt hat. Daran sollte gearbeitet werden.


Zum Thema Ausdrucksweise wäre mein Vorschlag: versuche das einfach zu ignorieren. Also reg dich nicht darüber auf, sondern verlasse einfach den Raum.  Beleidigungen lernt er früher oder später kennen. Ich finde es wichtig, dass du ihm einmal erklärst, was das ein oder andere Wort(also jene, die er benutzt) wirklich bedeutet ich sage da nur Hu**Sohn, was ja inflationär und komplett unbedacht von manchen Menschen benutzt wird (vielleicht Schreck dir Bedeutung alleine schon ein bisschen ab). Vielleicht ist das etwas naiv gedacht, aber wenn du ihm zeigst, dass es dich nicht interessiert, dann verliert es den Reiz. Zum einen, weil es nicht mehr "verboten" ist und zum anderen weil er dich ja nicht damit ärgern kann, so verliert eine Beleidigung ja etwas den Sinn.

Was ich hier auch schon gelesen habe ist eine Kasse für jedes "schlimme-Wort". Also jeder, der ein "schlimmes-Wort" von sich gibt, zahlt 10ct oder so in eine Kasse ein.

Eine Bekannte von uns hat auch mal erzählt, dass sie und ihr Mann ihre Kinder auch mal ganz konsequent beleidigt haben. Also sie haben einfach der Verhalten ihrer Kinder wiedergespiegelt. Die haben dann irgendwann einfach damit aufgehört. Aber wie gut das wirklich funktioniert habe, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, wie lange die das durchgezogen haben.

LG lenilein  :winken:
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tulipa
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Re: Die anderen sind schuld und Ausdrucksweise

Beitrag von tulipa » 4. Oktober 2015 12:17

Hallo lenilein,

klar, hab ich auch schon Leute hinter meinem Rücken "verflucht"  :icon_eek:. Mein Variante mit der "guten Tat" war dazu gedacht ihn dazu zu animieren, darüber nachzudenken, was er so sagt. Ich wollte speziell diese Aussage nicht völlig konsequenzlos an ihm vorüberziehen lassen. Wobei ich auch sagen muss, dass ich mich gestern furchtbar über ihn/die ganze Situation geärgert habe. Ich wurde von den Eltern des Mädels auf einem Fußballspiel des Großen angesprochen. Und dabei wurde das so dargestellt, als wäre mein Sohn hingefallen und das Mädchen lediglich darübergestolpert. Und dann hören da noch zwei/drei andere Eltern mit, wie mein Sohn, der ja eh schon seinen "Ruf" hat, Morddrohungen ausspricht. Und das Mädel hätte jetzt Angst vor meinem Sohn.

Also, dass mit den Wörtern erklären, habe ich schon versucht. Den Tipp hat mir meine Psychologin schon gegeben. Vor allem bei dem Wort mit f.. icken. Ich soll ihm erklären, was das Wort bedeutet und auch erklären, dass das ja gar nichts mit dem zu tun hat, wenn man leise (also seinen Mund halten) soll. Ich hab ihm auch gesagt, dass er ja als der Dumme dasteht, wenn jemand auch die Bedeutung dieser Wörter kennt, weil er ja Wörter benutzt, die zusammen überhaupt keinen Sinn ergeben. Hat aber rein gar nichts geholfen, außer dass er jetzt aufgeklärt ist.
Der Kinderarzt meinte, wir sollen hellhöriger werden, wo er diese Wörter aufschnappt.
Den Versuch, ihn auch mit solchen Worten zu überschütten endet bei uns sicher in der Katastrophe. Den verwerfe ich von vornherein. Ich werde zu Hause jetzt mal versuchen das ganze konsequent zu ignorieren und bei Fäkalsprache ihn aufs Klo zu setzen. Diese Idee von Marty find ich auch nicht schlecht.

Wenn er sich so schnell angegriffen oder beleidigt fühlt, versuch ich schon ihm die Situation zu erklären. Im Nachhinein versteht er das auch, nur bei der nächsten Situation (und wenn die auch nur 5 Min. später eintrifft) geht er wieder hoch.

LG tulipa
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