ADHS vs Erziehung

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Marty123
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Marty123 » 29. September 2015 22:05

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Wie wir das mit den Medikamenten machen, wird sich denke ich morgen zeigen, aber ich halte auch nicht viel davon ihm die Dinger nur während der Schule zu geben. Immerhin hat er 24h am Tag ADHS und nicht nur 6 Stunden, während der Schule.

Die Strafrunden treffen leider zu 98% nur meinen Sohn. Die restlichen Kasper sagen eben nicht ja, wenn der Trainer seine Verwarnung ausspricht: "wollt ihr jetzt 5 Extrarunden laufen?"

Ich wünsche mir einfach nur so sehr, dass es ganz schnell besser wird. Mein Sohn war heute Abend so niedergeschlagen. Die Saison hat grade erst begonnen und er hat sich so gefreut und er hat sich selber ganz fest vorgenommen keinen Ärger zu bekommen. Vielleicht spreche ich am Freitag noch mal mit dem Trainer über seine Sperrung für das Spiel..
Falschparker
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Falschparker » 29. September 2015 23:04

Man könnte es vielleicht umschreiben, dass er so "tickt" und eben nicht bewusst provoziert.

Denn mit dem Etikett ADHS wird der Trainer selbst wenn er gutwillig ist nicht unbedingt viel anfangen können, da müsste man dann so viel Hintergrund dazu erklären, dass man das ebenso ohne das stigmatisierende Etikett machen kann.
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tulipa
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von tulipa » 29. September 2015 23:18

[quote=&quot;Marty123&quot;]
Die Strafrunden treffen leider zu 98% nur meinen Sohn. Die restlichen Kasper sagen eben nicht ja, wenn der Trainer seine Verwarnung ausspricht: "wollt ihr jetzt 5 Extrarunden laufen?"
[/quote]

Musste grad lachen. Mein jüngerer Sohn antwortet auf die Aufforderung "Willst du nicht endlich mit den Hausaufgaben anfangen?" immer mit "Nein." Wenn ich dann frage warum nicht, sagt er immer: "Du hast mich gefragt ob ich will, da kann ich auch nein sagen." Ich hab manchmal das Gefühl, der versteht den hintergründigen Sinn der Worte nicht, nämlich den Hinweis, dass er mit den Hausaufgaben anfangen soll. Inhaltlich hat er natürlich recht, deshalb versuche ich mich schon immer klar auszudrücken. Aber hin und wieder vergesse ich, mit wem ich es zu tun habe.  :breitgrinse1:

Vielleich fasst dein Sohn die Verwarnung auch nicht als solche auf sondern als die Frage, wie sie gestellt wurde. Welche ihm dann noch gelegen kommt, da er sich eh grade in der Reihe stehend langweilt.

LG tulipa
Eule
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Eule » 30. September 2015 08:25

Marty, klar müsst ihr den Ablauf der Medikation und vor allem der Einstellung bei der es eben wichtig ist zu beobachten ob/welche Wirkungen wann auftreten mit der Ärztin klären. Denn die Dosisfindung läuft ausschließlich durch Beobachtung der Wirkung, es gibt leider keine korrelation von Gewicht, Blutwerten etc zu nötiger Dosis, sondern allenfalls eine empfohlene maximale Tagesdosis abhängig vom Gewicht. Also fängt man mit der kleinsten Dosis an, schaut welche Wirkung wie lange daraus resultiert und passt dann schrittweise die Morgendosis und gegebenenfalls eine Mittagsdosis an, bis eine optimale Wirkung erreicht ist.

Da ich hier mehrfach Schilderungen gelesen habe in denen Eltern nicht so recht wußten, ob, wie lange und in welcher Form die Medis bei ihrem Kind wirkten, weil es eben tatsächlich immer noch Ärzte zu geben scheint die die Einnahme nur für die Schulzeit verordnen, obwohl - wie du völlig richtig sagst - ein Mensch ADHS nun mal 24h am Tag und nicht nur während der Schul- oder Arbeitszeit hat, dachte ich es könnte hilfreich sein dass du meinen Hinweis mit Medikamente auch am Wochenende geben und Start/Dosisanpassungen oder sonstige Veränderungen bevorzugt am Wochenende zu machen im Hinterkopf hast, und entsprechend nachfragen/ansprechen kannst, wenn du das Gespräch mit der Ärztin hast.

Es ist keine einfache Entscheidung überhaupt Medis zu geben, und es geht ja anders als bei einer Erkältung auch um eine längerfristige Einnahme. Da ist es höchst sinnvoll, wenn du mit guter Vorabinformation in das Gespräch gehst, und gegebenenfalls nachfragen kannst warum der Arzt etwas so oder so empfiehlt. Denn es scheint manchmal so zu sein, dass ein Arzt, für den es nicht ungewöhnlich ist an einem einzigen Tag 3 Eltern von ADHS-Kids Medikamente zu empfehlen wenig erklärt und die Eltern mit dem ersten Rezept für ein Medikament dessen Dosierung alles andere als trivial ist und einem Riesenhaufen Fragen zuhause stehen, die ihnen während des Gesprächs eben nicht eingefallen sind, weil der Arzt recht zügig und routiniert erklärt hat, so dass das Nachdenken und fragen für die Eltern erst später begann, vielleicht auch beim lesen der Packungsbeilage.
Marty123
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Marty123 » 30. September 2015 21:04

Hallo,

also ich bin von unserer Psychiaterin echt mehr als begeistert. Das Gespräch heute lief zu 90% über meinen Sohn. Wir haben noch etwas zu lesen und zu unterschreiben bekommen. Das sollten mein Mann und ich dann auch im Wartezimmer erledigen und sie hat mit meinem Sohn eine Weile gesprochen. Was ihn denn am meisten nerven würde und was er denkt, wie die Tabletten helfen könnten. Das hat sie ihm dann super kindgerecht erklärt, so dass er uns das noch ziemlich gut erklären konnte. Wir bekommen haben jetzt eine EInzeldosis von 10mg Medikinet. Die sollen wir ihm bis Montag geben. Die Dosis soll 3-4h wirken. Von daher werden wir vermutlich auch sobald er richtig eingestellt ist, auf ein Retardprodukt zurück greifen. Außerdem hat sie erklärt, dass wir je nachdem, wie mein Sohn morgen und Freitag auf das Präparat reagiert auch am Freitag mittag versuchen können ihm eine zweite Tablette zu geben. Sie meint, dass sei eigentlich eine Ausnahme während der Einstellungsphase, aber da mein Sohn durch die Schwierigkeiten beim Sport so sehr belastet ist, können wir das probieren. Voraussetzung ist, dass wir mit ihm reden, wie er sich gefühlt hat, ob etwas anders war und vor allem was.

Am Montag telefonieren wir noch mal und dann entscheiden wir, wie es weiter geht. 

Ich finde das klingt ziemlich vernünftig, vor allem habe ich das Gefühl, dass sie unseren Sohn sehr individuell behandelt, nicht so wie jenes gängige Vorurteil, dass man zappelige Kinder einfach mit Medikamenten vollstopft...
Elchi
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Elchi » 30. September 2015 21:09

Das klingt doch gut und sollte so eigentlich die Regel sein (ist es wohl auch, ich habe es jedenfalls auch so erlebt).
Das mit dem Vollstopfen der Kinder mit Medis kommt nicht von Betroffenen  :aufsmaul_2:

LG
Elchi
Marty123
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Marty123 » 30. September 2015 21:15

[quote=&quot;Elchi&quot;]
Das klingt doch gut und sollte so eigentlich die Regel sein (ist es wohl auch, ich habe es jedenfalls auch so erlebt).
Das mit dem Vollstopfen der Kinder mit Medis kommt nicht von Betroffenen  :aufsmaul_2:

LG
Elchi
[/quote]

schön, dass es so die Regel zu sein scheint.

Ich dachte jetzt auch nicht, dass es von den Betroffenen selber kommt, aber ich muss zu geben, wir haben uns ja auch erst gegen die Medikamente gewehrt. Bis wir mehr gelesen haben und im Internet findet man so einen Haufen Blödsinn, dass ich mir jetzt in den Hinter treten könnte, weil ich einiges davon wirklich einfach geschluckt habe. Das mit dem Vollstopfen war eben auch so ein Sachen, die man ja mehrfach irgendwo nachlesen kann  :kk:
Elchi
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Elchi » 30. September 2015 21:20

Das werden wir wohl nicht mehr ändern.
Es klingt halt toll, wenn man so eine Schlagzeile hat. Die wirklichkeit interessiert nur die Betroffenen und ihre Angehörigen. Damit muss man sich wohl abfinden und entsprechend vorsichtig mit Informationen, die Medikation betreffend, anderen gegenüber sein.

Wichtig ist, dass geholfen werden kann und die meisten Betroffenen werden wohl heute die Möglichkeit, die Medis zu testen, bekommen. Sie sind ja keine Wunderpillen, aber sie können doch entscheidend helfen.

LG
Elchi
Falschparker
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Falschparker » 30. September 2015 23:20

Dann alles Gute!  :froi1: :wu:
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ripley
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von ripley » 1. Oktober 2015 11:55

Was das Informieren angeht: Ich habe die ganze Zeit mit ziemlich offenen Karten gespielt. Das war rückblickend über die letzten 8-9 Jahre häufiger die richtige als die falsche Entscheidung, aber es verlangt natürlich auch vom Kind selbst recht bald eine hohe Akzeptanz und Toleranz gegenüber der eigenen Beeinträchtigung. Es BLEIBT nämlich keine Info, die nur den Lehrern zugänglich ist. Es kriegen IMMER andere Kinder und deren Eltern was mit. Datenschutz hin, Datenschutz her. Isso. Und dann muss das Kind auch die Stärke haben, dazu zu stehen wie zu einer Sehschwäche oder so.
Wovon Du auch NICHT ausgehen solltest: Dass Lehrer/Trainer etc. "Extrawürste" für Deinen Filius braten. Das können sie ablaufbedingt nicht und das dürfen sie nicht, wenn sie ihren Laden beieinanderhalten wollen. Aber bei den "Guten" wird ein höheres Grundverständnis resultieren. Und der Rest - die Deppen - wird vorrangig DIR die SChuld geben ("Unfähige Mutter, kriegt ihr Blag eben nicht erzogen!"). Damit kann man leben, finde ich. :ichboss:
Ein echter Vorteil informierter Lehrer: Sie helfen Euch via Rückmeldung über Sohnes Verhalten und Sohnes Leistung(sfähigkeit) bei der Dosisfindung. Schule ist zwangsläufig von der Reizsituation und von den Anforderungen an Konzentrationsfähigkeit und "Zusammenreißen" eine GANZ andere Nummer als das häusliche Umfeld. Will sagen: Ihr als Familie könnt OHNE schulisches Feedback nur ganz schwer den Punkt finden, an dem es funzt.
Die ideale Dosierung des idealen Präparates zu finden dauert übrigens auch MIT Mithilfe der Schule u.U mehrere Wochen bis Monate. Falls Ihr überhaupt einen "Responder" habt, einen ADHSler, bei dem MPH wie gewünscht wirkt.

Und, nein, den Trainer zu überreden versuchen würde ich nicht. Ggf. ihn informieren, was mit Sohn nicht stimmt, mit ihm überlegen, wie er das nächste Mal den Sohn runterbremst, EHE der überkocht, ja. Aber eine einmal ausgesprochene Sanktion umbiegen wollen? Halte ich für keine gute Idee. Auch im Effekt auf den Sohn nicht (Ach, egal, ich darf das! Mama richtet es ja für mich).
Zuletzt geändert von ripley am 1. Oktober 2015 12:12, insgesamt 1-mal geändert.
Marty123
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Marty123 » 1. Oktober 2015 18:15

Hallo,

wir haben den ersten Tag mit den Medikamenten fast hinter uns gebracht. Sie haben scheinbar die ersten 3 Schulstunden sehr gut geholfen. Mein Sohn erzählte, dass es ihm heute zum ersten Mal aufgefallen ist, wie leicht manche Aufgaben eigentlich sind, wenn sein Kopf das zulässt.

Dennoch hat er dann eine Mitteilung ins Hausaufgabenheft bekommen, ich zitiere:

Liebe Frau Marty,
ich muss ihnen leider mitteilen, dass ihr Sohn heute im Sportunterricht kaum zu bändigen war. Er warf mit Materialien um sich und verletzte einen Mitschüler (leicht)! Das Umziehen im Anschluss verweigerte er komplett. So dass er beinahe 40 Minuten zu spät zum Unterricht kam. Ihr Sohn blieb dabei nicht unbeaufsichtigt in der Umkleide zurück bis ein männlicher Kollege ihn in der Pause zum Anziehen drängte.
Dieses Verhalten war besonders schade, weil er in der ersten Hälfte des Schultages sehr konzentriert erschien.


:kk:

Diesbezüglich habe ich mal ein paar Fragen: Treten die ADHS-Symptome verstärkt auf, wenn das Präparat nicht mehr wirkt? Irgendwo habe ich mal was von Rebound gelesen, aber ich dachte immer nur, dass die Symptome wieder auftreten, wenn die Wirkung verloren geht.

Was kann man dagegen tun, ist es ein Zeichen dafür, dass wir das falsche Medikament/ die falsche Dosis haben?

Und wie passt die Konzentration, die ja sogar der Lehrerin aufgefallen ist, da mit rein?

Grüße Marty
Falschparker
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Falschparker » 1. Oktober 2015 19:55

Nein, das passt genau. Rebound übersetzt http://dict.leo.org/ mit Rückstoß, Abprall, Wiederaufschwung.

Anders gesagt, eine kurze Zeit der verstärkten ADHS-Symptomatik beim Nachlassen des Medikamentes.

Kann man verhüten, indem man die jeweilige nächste Tablette rechtzeitig nimmt, so dass keine Lücke entsteht. Oder/und indem man eine Retardkapsel nimmt. Allerdings kriegt dein Sohn jetzt in der Dosisfindungsphase erstmal nur eine Tablette.

(Die zweite Tablette, die du am Freitag Mittag geben sollst, hilft gegen den Rebound leider auch nicht, denn das ist ja offensichtlich zu spät, er müsste eine zweite Tablette rechtzeitig nehmen, bevor die erste nachlässt, also noch vor Ende der dritten Stunde.)

Die gute Wirkung in den ersten Schulstunden ist also ein Beleg dafür, dass das Medikament richtig ist, und der Rebound eine unerwünschte (aber zu erwartende) Nebenwirkung, mit der ihr in dieser Phase leider erstmal klar kommen müsst.
Zuletzt geändert von Falschparker am 1. Oktober 2015 19:59, insgesamt 1-mal geändert.
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Eule
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Eule » 1. Oktober 2015 21:19

Was du evtl machen kannst, ist die Tablette später am Morgen zu geben, so dass der Rebound viellecht gerade so in die große Pause nach der 4 Stunde fällt, und daher nicht ganz so störend wahrgenommen wird.

Hängt natürlich davon ab, ob es möglich ist das so zu verschieben. Ist die Medi-Wirkung schon zuhause zum fertig werden und rechtzeitig angezogen und mit allen nötigen Dingen das Haus verlassen nötig, oder für den Schulweg, wird es da sicher weniger Spielraum geben als wenn es da halbwegs klappt, und einnehmen unmittelbar vor dem aus dem Haus gehen eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn machbar ist.

Genau wie Falschparker denke ich jedoch dass es unumgänglich ist, wenigstens morgen, wahrscheinlich auch Montag noch mit dem Rebound zu leben. Denn um genau herauszufinden wann sinnvollerweise eine zweite Tablette eingenommen werden sollte, um eben rechtzeitig, aber nicht zu früh den Wirkbeginn dieser zu haben, ist es nötig zum einen herauszufinden wie lange es bei deinem Kind dauert bis die Wirkung beginnt, das kann alles zwischen 20 und 45 Minuten nach Einnahme sein, hängt vom individuellen Stoffwechsel ab, und es wäre auch nützlich genauer zu wissen, ob nun das Wirk-Ende und der Rebound schon zu Beginn der 4. stunde (wenn ich es richtig verstehe hat es ja 3 stunden toll geklappt, aber während der 4.Stunde im Sportunterricht ist es dann "gekippt") oder erst gegen Ende dieser Stunde waren.

Sinnvoll ist wenn du auch übers Wochenende so genau wie möglich aufschreibst wann die Einnahme, der Wirkbeginn, der Rebound stattfanden, so dass du der Ärztin am montag bei dem Telefonat diese wichtigen Infos geben kannst, die sie braucht um über sinnvolle Dosisanpassungen entscheiden zu können.

Vielleicht hilft es auch, wenn du mit deinem Sohn sprichst, und mit ihm gemeinsam nach Möglichkeiten für einen wenigstens kurzfristigen Rückzug suchst, wenn er merkt dass er "aufdreht". Vielleicht dass er aufs Klo geht um eine gegebenenfalls anheizende Situation mit Mitschülern kurzzeitig verlassen zu können, sich zu sortieren und nach ein paar Minuten wieder zurück zu gehen.
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von ripley » 2. Oktober 2015 11:45

[quote=&quot;Eule&quot;]Vielleicht hilft es auch, wenn du mit deinem Sohn sprichst, und mit ihm gemeinsam nach Möglichkeiten für einen wenigstens kurzfristigen Rückzug suchst, wenn er merkt dass er "aufdreht". Vielleicht dass er aufs Klo geht um eine gegebenenfalls anheizende Situation mit Mitschülern kurzzeitig verlassen zu können, sich zu sortieren und nach ein paar Minuten wieder zurück zu gehen.[/quote]

Das ist aber von einem ACHTjährigen, auch im "Normalfall" schon arg viel verlangt.
Von einem kleinen ADHSler, der gerade voll in den Rebound rauscht? Halte ich für nicht machbar. Oder, deutlicher: für eine unerfüllbare Anforderung, die im Endeffekt nur weiteren Frust produzieren kann.
Eule
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Eule » 2. Oktober 2015 20:55

Ja, 8 Jahre ist wirklich sehr jung dafür. Da hast du recht.

Allerdings denke ich schon dass es sinnvoll ist mit ihm nochmal über die Sache mit dem Rebound zu sprechen, und gegebenenfalls auch zu versuchen rauszufinden was ihm die Ärztin dazu erklärt hat.

Ich halte es für ziemlich schwierig für ein Kind wenns erst ein paar stunden läuft und dann durch den Rebound eine Phase kommt in der im Prinzip jeder Erfolg der vorher da war wieder zerschossen wird - da sollte zumindest mal eine kindgerechte Erklärung warum das passiert her, und möglichst auch gemeinsam überlegen, ob/welche Möglichkeiten er hat, sich selbst da raus zu helfen.
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von ripley » 3. Oktober 2015 12:17

Siehst Du, Eule, das ist für mich wieder so ein Punkt, an dem ich es HILFREICH finde, wenn die Lehrer Bescheid wissen ... und mit im Boot sind.
Dann können die da nämlich mit draufgucken und das Kind, bevor es richtig hochkocht, auch mal beiseite nehmen und "runterfahren". Okay, WENN sie es können. Wir leben ja in einer Realität, die neben mehr oder minder begabten Lehrern leider auch äußerst unfähige Leerkräfte beinhaltet.
Marty123
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Marty123 » 3. Oktober 2015 12:56

Mein Sohn hat von der Psychiaterin den Tipp bekommen einfach eine Runde zu laufen, wenn er genervt ist (natürlich nur, wenn es die Situation grade zu lässt). Und das finde ich auch ganz toll, sie hat ihn scheinbar gefragt, was er ganz ganz gut kann, seine Antwort: schnell laufen und Basketball spielen. Daraus entstand der Tipp denjenigen, der ihn grade provoziert einfach auf sportlicher Ebene heraus zu fordern. So kann er zeigen, dass er etwas sehr gut kann und er wandelt Wut in Enegie um  :top:

Gestern schien der Rebound auch nicht ganz so schlimm gewesen zu sein. Er hat mit ein paar anderen Jungs Fußball gespielt und ist dann voll etwas laut geworden. Also er hat einen anderen Mitschüler ziemlich angefaucht. Aber im Gegensatz zu gestern wurde er nicht handgreiflich!

Und die beste Nachricht des Tages: er kann am Sonntag doch noch beim Spiel mitspielen. Er hat von sich aus noch mal mit dem Trainer gesprochen und ihn darum gebeten!  Sobald er aber auch nur ein kleines bisschen Blödsinn macht, ist er wieder raus.
Ich freue mich einfach so für ihn. Der Sport tut ihm so gut. Klar auch in seiner Mannschaft Jungs, die ihn ärgern.Der Rest des Teams schätzt ihn und seine Fähigkeiten sehr. Das finde ich so gut, ich glaube ich kann ihn loben so viel ich will, aber Anerkennung und Lob von anderen ist immer noch schöner. Der Sport tut seinem Selbstwertgefühl so gut.  :froi1: :froi1: :froi1:

Heute konnte ich die Wirkung ja selber beobachten und ich muss sagen, dass ich ziemlich enttäuscht bin. Ich dachte ich könnte meinem Sohn einfach eine Tablette geben und er führt sofort jeden meiner Befehle aus  :aufsmaul_2: *ironie aus*

Also mein Sohn motz (zum Glück) auch trotz Medikamenten noch. Samstags ist hier immer aufräum-Tag. Das weiß mein Sohn auch. Nach dem Frühstück kam er irgendwann zu mir und wollte raus gehen und waveboard fahren. Dass er aufräumen soll, hätte er vollkommen vergessen und er hat ja das Waveboard fahren schon gestern geplant... und ich ganz gemeine Mama habe ihn dann wieder nach oben zum Aufräumen geschickt.

Aber es gibt auch hier Positives zu berichten. Das Aufräumen läuft ähnlich, wie Hausaufgaben machen ab. Er könnte in 10-15 Minuten locker fertig sein, braucht aber meistens 3 Stunden oft geht es auch nur, wenn ich dabei stehe. Ich konnte heute aber nicht, da meine Tochter und die restliche Familie noch vorbei kommtund ich selber noch viel zu tun habe. Nach einer halben Stunden bin ich dann mal hoch und habe gesehen, wie weit er gekommen ist. Er saß spielend auf dem Boden. Aber das Zimmer sah schon ziemlich aufgeräumt aus. Also es gab noch ein paar Kleinigkeiten, die er wegräumen sollte.

Aber ich habe auch schnell gemerkt, als die Wirkung nach gelassen hat.
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von ripley » 3. Oktober 2015 13:16

[quote=&quot;Marty123&quot;] Heute konnte ich die Wirkung ja selber beobachten und ich muss sagen, dass ich ziemlich enttäuscht bin. Ich dachte ich könnte meinem Sohn einfach eine Tablette geben und er führt sofort jeden meiner Befehle aus  :aufsmaul_2: *ironie aus* [/quote]

Und genau diese Deine Ironie sagt mir, dass das bei Euch schon alles in Ordnung kommen wird. Es gibt nämlich tatsächlich Leute, Eltern wie Lehrer, die davon ausgehen, dass die tägliche Pille "das Kind schon reparieren" wird. Ernsthaft! Und die sind dann auch wirklich enttäuscht, wenn sie rausfinden, dass das so nicht funktioniert.

Dabei öffnet MPH nur bestimmte Türen und Wege. Losgehen und Weiterlaufen muss man dann immer noch selbst.
Falschparker
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Falschparker » 3. Oktober 2015 19:38

[quote=&quot;Marty123&quot;]Und die beste Nachricht des Tages: er kann am Sonntag doch noch beim Spiel mitspielen.[/quote]

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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von Marty123 » 3. Oktober 2015 19:57

[quote=&quot;ripley&quot;]
[quote=&quot;Marty123&quot;] Heute konnte ich die Wirkung ja selber beobachten und ich muss sagen, dass ich ziemlich enttäuscht bin. Ich dachte ich könnte meinem Sohn einfach eine Tablette geben und er führt sofort jeden meiner Befehle aus  :aufsmaul_2: *ironie aus* [/quote]

Und genau diese Deine Ironie sagt mir, dass das bei Euch schon alles in Ordnung kommen wird. Es gibt nämlich tatsächlich Leute, Eltern wie Lehrer, die davon ausgehen, dass die tägliche Pille "das Kind schon reparieren" wird. Ernsthaft! Und die sind dann auch wirklich enttäuscht, wenn sie rausfinden, dass das so nicht funktioniert.

Dabei öffnet MPH nur bestimmte Türen und Wege. Losgehen und Weiterlaufen muss man dann immer noch selbst.
[/quote]

ich hoffe doch das alles besser wird. Wenn ich meinem Sohn sage "gehe mal bitte in den Keller und bring das zum Papa und decke danach den Tisch für die Gäste." und er bekommt das nicht hin, frage ich mich ersthaft, ob alles besser wird. Ich meine ich weiß jetzt, dass er nicht zu doof ist und auch, dass er uns nicht ärgern will, aber das Problem bleibt einfach bestehen. Die kleine Schwester, die zwei Jahre jünger ist, bekommt das locker hin...

Manchmal sind es wirklich nur so Kleinigkeiten, die mich in den Wahnsinn treiben.  :kk:
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Re: ADHS vs Erziehung

Beitrag von ripley » 4. Oktober 2015 12:46

[quote=&quot;Marty123&quot;]Manchmal sind es wirklich nur so Kleinigkeiten, die mich in den Wahnsinn treiben:kk: [/quote]

Sollen wir es im Duett singen? "Woher HAT das Kind das bloß?" :ichboss: :ichboss:  :breitgrinse1:

Ja-ha, sie SIND schusselig, unsere Lieblings-ADHSler. Schusselig bis zum Haareraufen. Ausflippen, sich ärgern, grollen ... hilft alles nix.
Weniger Aufträge auf einmal geben, Aufträge stur wiederholen, dranbleiben am Kind und eben NICHT die eigene Fassung verlieren - DAS ist die hohe Erziehungskunst, die uns da abverlangt wird.

Meiner schafft es heute noch (wie gesagt: fast 18 Jahre und in der 13. Klasse) an einem Tag, an dem Sportunterricht ist, ohne Sportsachen loszuzockeln ... Hätte ich mich all die Jahre so drüber aufgeregt, wie ich es eigentlich "im Blut" habe ( :breitgrinse1:), wäre ich jetzt ein Voll-Wrack.
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