Der berühmte Stempel

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Omedeto
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Der berühmte Stempel

Beitrag von Omedeto » 13. September 2019 00:03

Guten Abend,

aus lauter Verzweiflung musste nun die Anmeldung bei euch her.

Unser Sohn wird demnächst Acht. Von Anfang an gab es Verhaltensauffälligkeiten. Was er im Kopf anderen Kindern voraus hat, fehlt ihm im sozialen Umgang. Er weiß nur schwer mit seiner Wut umzugehen und Konflikte zu lösen. Wenn er nicht weiter weiß rutscht ihm also schon mal die Hand aus. Beim Wutanfall geht er schnell an die Decke, beruhigt sich aber auch ganz schnell wieder. Er braucht klare Ansagen und Grenzen, läßt sich aber auch recht gut lenken. Da es nach der Einschulung letztes Jahr in der Schule immer wieder Schwierigkeiten gab, ist er nun seit sechs Wochen in der Tagesklinik vor Ort, was ihm sehr gut tut.

Nach dem Abholen am Nachmittag gingen wir noch auf den Spielplatz. Er fand direkt Anschluss und die Kinder spielten Versteck-Fangen. Die kleine Schwester von einem der Jungen wollte mitspielen, was die Kinder aber nicht wollten. Sie lief dann hinter unserem Sohn her und versuchte ihn abzuklatschen. Er rief ihr mehrfach zu, dass sie nicht mitspiele. Irgendwann erwischte sie ihn und er schlug zu/zurück.
Damit begann das Drama...
Das Mädchen begann puplikumswirksam zu posaunen, der Junge habe sie gehauen und sie hole jetzt ihre Mutter. Die anderen Kinder reagierten erst gar nicht. Erst nachdem sie bestimmt sieben Mal laut rief und Tränen raus drückte, erhielt sie Aufmerksamkeit. Dann, weiter laut schimpfend ging sie nach Hause, welches direkt neben dem Spielplatz war und kam mit ihrer Mutter zurück. Als Erstes fragte sie ihre Tochter, was diese denn vor dem Schlag gemacht habe und bekam zur Antwort, sie habe den Jungen in den Bauch gehauen. Ihr Bruder mischte sich nun ein und sagte, dies wäre nicht so doll gewesen.
Dann wollte die Mutter meinen Sohn zur Rede stellen, dieser hatte sich aber im Klettergerüst versteckt und machte keine Anstalten sich die Standpauke abholen zu wollen. Nun fragte sie die Kinder nach dem Namen des Jungen. Nach erhaltener Auskunft nimmt sie ihre Tochter und sagt lauthals "Der XY will nicht runterkommen weil er genau weiß, dass das blöd von ihm war." und geht mit ihr ein paar Meter Richtung Wohnhaus. Nun wendet sie sich an ihre Tochter und sagt "Spiel nicht wieder mit dem Jungen. Das ist der YX, der haut immer und wird immer hauen, der ist bissel gaga im Kopf." Untermalt mit entsprechender Handbewegung.
Da hat es mir dann gereicht. Ich bin zu ihr hin und habe sie gefragt, was ihr denn einfällt so über ein fremdes Kind zu reden. Sie kennt ihn nicht, sie war nicht dabei, Kinder sollten ihre Konflikte selber lösen dürfen und wenn ihre Tochter in der Lage war ein Schauspiel aufzuführen und ihre Mutter zu holen, kann es nicht so schlimm gewesen sein. Zumal ja nicht mal der Bruder eingeschritten ist.
Jedenfalls meinte die Mutter sie kenne meinen Sohn. Btw eine mir völlig fremde Familie. Ich muss und will gar nicht alle anderen 120 Kinder aus seiner Klassenstufe kennen.
Die Mutter ging mit ihrer Tochter weg, die Jungs setzten sich irritiert auf eine der Bänke und mein Sprosse wagte sich langsam wieder raus.
Ich suchte sofort das Gespräch mit ihm und wollte wissen, woher sie sich kennen. Aus der Schule jedenfalls nicht, sondern vom Vortag, da hatten sie sich auch schon auf dem Spielplatz gesehen.
Dann kamen noch zwei Mädchen, mit denen er auch vorher gespielt hatte und wollten erzählen was passiert war. Mit einem Mal geht mein Sohn zu den Jungs und entschuldigt sich. Dabei hatte er denen ja gar nichts getan.
Da unsere geplante halbe Stunde auf dem Spieler fast rum war fragte ich sie dann ob sie noch die letzten fünf Minuten spielen wollen oder wir direkt fahren wollen. Nach kurzer Überlegung kam auch prompt die Antwort und sie spielten dann weiter friedlich zusammen.
Zu Hause angekommen haben wir das Verhalten nochmal besprochen. Egal wie sanft oder unsanft der Schlag war, es wird nicht gehauen.
Damit noch nicht genug. Nun wollte ich von meinem Sohn noch kurz wissen, ob er die Mädchen kannte, da es den Eindruck machte. Er verneinte erneut. Dann sagt er "Aus der Krabbelgruppe." Ich so "???" und er sagt "Sie haben gesagt, ich habe ihren Bruder in der Krabbelgruppe gebissen."
Damit war es dann für mich ganz vorbei.
Eine mir fremde Frau betreibt üble Nachrede bei den Kindern und ehemalige Krabbelgruppenmitglieder impfen ihren Nachwuchs mit etwas, was round about sechs Jahre zurückliegt.
Ja, mein Sohn hat schon mal gebissen, die Häufigkeit kann ich an EINER Hand ablesen. Ja, mein Sohn hat schon zugehauen, aus dem Unvermögen zu einer friedlichen Lösung heraus. Ja, mein Sohn wurde auch schon von anderen Kindern gebissen und gehauen. Es sind Kinder auf dem Weg zu lernen. Auch wenn ich es hasse wie die Pest, es gehört leider dazu.

Lange Rede, viele Gedanken in meinem Kopf und noch mehr negative Emotionen.
Die Sorge wächst in mir, es durch mein Handeln noch schlimmer gemacht zu haben.
Was macht man bitte in so einer Situation?? Man kann doch nicht zusehen wie das Kind einen Stempel aufgedrückt bekommt? Jeder Fehltritt zählt zehnfach, jede Handlung wird überbewertet. Ich habe das Gefühl, die ganze Stadt zeigt auf meinen Jungen.
Unser Sohn ist ein großartiges Kind, doch wer ihn nicht kennt sieht nur die Wutausbrüche oder dass, was Schlimmes über ihn getratscht wird. Wie eifersüchtig, krank im Kopf oder bösartig muss jemand sein, so über ein Kind zu sprechen?!

Mir kommen gleich wieder die Tränen.

Sorry für so viel Text, danke fürs Lesen und hoffentlich habt ihr Tipps.

Danke und gute Nacht. 🌛
Grüßle, Omedeto
ULBRE
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Re: Der berühmte Stempel

Beitrag von ULBRE » 13. September 2019 00:59

Hallo Omedeto,

erst mal willkommen.

Wir sind ja hier ein AD(H)S-Forum und Du hast Dir sicher Gedanken gemacht, warum Du Dich hier angemeldet hast.
Hast Du denn eine AD(H)S-Diagnostik bei deinem Sohn machen lassen ? Wenn ja, was kam raus ?
Was Du da erzählst klingt irgendwie typisch für die Probleme mit AD(H)S-Kids: unter Stress impulsiv (ADHS) aber im Ruhezustand eher Hochsensibel.
Impulsivität ist ein Merkmal von ADHS mit Hyperaktivität. Das alleine macht aber noch kein AD(H)S.

Ist er vergesslich ?
Ost er schusselig, hat er Orgnaisationsprobleme ?
Hat er Aufmerksamkeitsprobleme ?
Ist er leicht ablenkbar ?
Ausser das, was er macht, interessiert ihn ?
Kann er zugleich seine Aufmerksamkeit nicht lenken, wenn jemand etwas von ihm will, wenn er gerade etwas macht, was ihn interessiert ?
Hat er Schlafprobleme ?
Wie ist den seine Handschrift ?
Wie sehen seien Schulhefte und Schulbücher aus ?
Schiebt er uninteressante Sachen auf bis es nicht mehr anders geht ?
Ist er leicht frustriert ?
Fühlt er sich leicht gekränkt, schnell zurückgesetzt ?

Viele Grüße

UlBre
Seit 19.10.19 ist die überarbeitete ADxS.org-Seite online.
Was können wir noch besser machen ? Feedback sehr gerne dort auf Feedbackformular. Danke !
Omedeto
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Re: Der berühmte Stempel

Beitrag von Omedeto » 13. September 2019 11:38

Hallo Ulbre,

dann versuche ich alle Fragen zu beantworten.

Wir haben noch keine Diagnose, stellen uns aber auf ein positives Ergebnis in Richtung AD(H)S ein. Zu Anfang suchten wir Rat bei einer Familienberatungsstelle. Die Tipps wurden so gut es ging umgesetzt, Verbesserungen kamen langsam und vorrangig im Elternhaus.
Die Schwierigkeiten im Kindergarten wurden kaum weniger. Mit zunehmendem Alter hatte ich gefühlt den Eindruck, dass es dann schon immer besser wurde und er sich besser im Griff hatte. Im Nachhinein stellte sich dann heraus, dass es im Kindergarten nach wie vor schwierig war. Hätte man es zeitnaher erfahren, wären unter Umständen bestimmte Schritte schon viel früher in die Wege geleitet worden.
Im zweiten Kindergartenjahr nahm er bereits an den Angeboten für die Vorschüler teil, aber im gemeinsamen Miteinander knallte es oft genug. Mit seinem Wissensdurst war der Kindergarten überfordert, mit seinem Wissen waren die Kinder überfordert und mit seinem Verhalten konnten die Erzieher nicht erzieherisch umgehen. "Wir haben ja noch 19 weitere Kinder in der Gruppe." und "Wir wissen gar nicht was wir mit ihm im letzten Jahr noch machen sollen, er kann ja schon alles aus der Vorschule."
Durch einen Flyer wurden wir auf einen Förderkindergarten aufmerksam und vereinbarten einen Gesprächstermin. Dort waren die Grundbedingungen für ihn deutlich besser. Kleingruppen mit max. 12 KIndern, geschultes Personal, Sonderschulpädagogin, Training mit den KIndern.
Dann folgte die Bürokratie. Er wurden verschiedene Tests gemacht, um zu prüfen, ob ein Platz für ihn gerechtfertigt sei. Wir waren beim Kinder- und Jugendpsychiater. Dann der Antrag beim Schulamt. Tendenzen zu AD(H)S waren erkennbar, er wurde zu diesem Zeitpunkt aber nicht ausgiebig getestet. Wie gesagt, er machte Fortschritte und er ist kein Schreikind, was sich täglich eine halbe Stunde auf den Boden wirft und tobt. Da er insgesamt einen ruhigeren Eindruck machte hatten wir die Hoffnung, dass es in der Schule dann auch im Großen und Ganzen funktionieren würde. Aber denkste.

Die Tests stehen in der Tagesklinik demnächst an. Im Moment geht es Verhaltensanalyse, Spieltherapie, Ergotherapie, Elterntraining. Medikamente sind auch im Gespräch, einfach um zu sehen, ob bzw. welche Wirkung diese hätten. Das ist aber noch nicht spruchreif.
In den ersten Wochen wurden seine Ticks zunehmend mehr, deutlich ausgeprägter. Nach etwa vier Wochen nahmen diese dann sprunghaft ab und sind teilweise gar nicht vorhanden.

Er ist:
•impulsiv
•Perfektionist, sehr selbstkritisch, wenn etwas nicht gleich gut läuft, knickt er schnell ein, sagt er kann es nicht und/oder wird wütend
•vergisst gerne Dinge, muss öfter erinnert werden
•lässt sich leicht ablenken und lenkt gern ab
•diskutiert gern
•wenn ihn was interessiert, kann er auch stundenlang konzentriert und ruhig bei der Sache bleiben
•keine Schlafprobleme, schläft im Normalfall ruhig durch und ist ein Frühaufsteher
•wenn er sich konzentriert und mit dem richtigen Stift kann er toll schreiben, im Alltag sieht die Schrift aber sehr krakelig, unregelmäßig aus, lustlos, Hauptsache es ist erledigt
•in der Schule werden Aufgaben auch mal verweigert oder er schafft sie nicht fertig
•Schwierigkeiten genau auszuschneiden oder nicht über den Rand zu malen
•wenn ihm was nicht passt oder er wütend ist werden auch mal Arbeitsblätter zerknüllt, bekritzelt oder mit dem Bleistift Löcher ins Heft gemacht, das wurde übers Schuljahr insgesamt auch besser
•uninteressante oder unbequeme Dinge versucht er gerne aufzuschieben, lässt sich aber oft gut lenken und erledigt sie dann zeitnah
•bei den Hausaufgaben haben wir auch unseren Weg recht gut gefunden
•ja, er ist leicht frustriert, gekränkt und reizbar
•wenn andere Personen hinzukommen versucht er sich oft in den Fordergrund zu spielen, Aufmerksamkeit und Bestätigung zu erhalten
•größere Menschenmengen und ein entsprechender Lärmpegel sind schwierig für ihn, dann wird er schnell unruhig und überdreht
•er ist extrem offen, geht auf Menschen zu, hat aber Schwierigkeiten im Umgang mit KIndern, weiß nicht, wie er an sie herantreten kann
•er sondert sich dann gern ab und spielt für sich alleine, versteckt sich gern hinter den Büchern falls welche zur Verfügung stehen
•überdurchschnittlich begabt

Wenn so viele Baustellen bzw. so viel Negatives aufgezählt wird kann man sich nicht vorstellen, dass es sich um einen hilfsbereiten, charmanten, liebenswerten, klugen Knirps handelt. :cry:

Viele Grüße
Omedeto
Grüßle, Omedeto
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Elwirra
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Re: Der berühmte Stempel

Beitrag von Elwirra » 13. September 2019 14:37

.
„An alle die behaupten, sie wüssten wie der Hase läuft:.......... "Er hoppelt!“ ;)
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Re: Der berühmte Stempel

Beitrag von Elwirra » 13. September 2019 14:41

Omedeto hat geschrieben:
13. September 2019 11:38

Wenn so viele Baustellen bzw. so viel Negatives aufgezählt wird kann man sich nicht vorstellen, dass es sich um einen hilfsbereiten, charmanten, liebenswerten, klugen Knirps handelt. :cry:

Viele Grüße
Omedeto
Doch das kann ich mir sehr gut vorstellen :!: :!: :!: ich sehe genau so ein Kind wie du es beschreibest zwischen den Zeilen :!: :!: :!: :!:
„An alle die behaupten, sie wüssten wie der Hase läuft:.......... "Er hoppelt!“ ;)
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icemous2121
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Re: Der berühmte Stempel

Beitrag von icemous2121 » 13. September 2019 15:23

Ich kann dich genau verstehen.
Bei unserem Sohn (8 Jahre, positiv ADHS + Hochbegabung getestet) ist es genauso. Das wütend werden und auch körperliche Reaktionen war vor Pfingsten so schlimm, das wir ihn in einer Tagesklinik angemeldet haben. Am kommenden Mittwoch wird er aufgenommen. Wir haben schon etwas Angst davor, da gerade erst die Schule wieder angefangen hat (3. Klasse, Bayern).
Omedeto
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Re: Der berühmte Stempel

Beitrag von Omedeto » 16. September 2019 18:48

@Elwirra: Danke dir!

@icemous2121: Wir hatten auch starke Bedenken. Gerade für mich ist das alles recht schwer, mein Mann ist deutlich gelassener. Sie haben ja in der Tagesklinik auch Schule. Der Gedanke der mir sehr geholfen hat, wichtig ist dem Kind zu helfen, dass es sich in der Schule besser im Griff hat, sich besser konzentrieren kann, die Wutanfälle besser kontrollieren kann. Wenn dies gegeben ist fällt das Lernen in der Schule auch leichter. Es liegt schließlich nicht an der Intelligenz sondern der Konzentration. Da holen sie den Stoff auch wieder auf und wie gesagt, in der Tagesklinik versuchen sie ja auch mit den Kids den Anschluss zu behalten.
Grüßle, Omedeto
ULBRE
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Re: Der berühmte Stempel

Beitrag von ULBRE » 17. September 2019 01:08

Omedeto hat geschrieben:
13. September 2019 11:38
Im zweiten Kindergartenjahr nahm er bereits an den Angeboten für die Vorschüler teil, aber im gemeinsamen Miteinander knallte es oft genug. Mit seinem Wissensdurst war der Kindergarten überfordert, mit seinem Wissen waren die Kinder überfordert .... und "Wir wissen gar nicht was wir mit ihm im letzten Jahr noch machen sollen, er kann ja schon alles aus der Vorschule."
Hallo,

das sind ziemlich deutliche Zeichen von Hochbegabung: unbedingt testen.
Unerkannte Hochbegabung führt oft zu starkem anders-sein, was (insbesondere bei begrenzten sozialen Fähigkeiten) schnell in Mobbing münden kann (gemobbt werden).
Und das reicht dann oft schon als Stressor um einen vollständigen Satz AD(H)S-Symptome zu generieren.
Eine wirklich gute AD(H)S-Diagnostik beinhaltet aus genau diesen Gründen immer auch eine Hochbegabungs-Differentialdiagnostik.

Achtung:
Das sagt jetzt nicht, dass er nicht beides sein kann.
Was Du als AD(H)S-Symptome nennst, zeigt eine recht deutliche Tendenz, aber auch kein starkes Vollbild. Deutlich heisst, dass wenn die Symptome aus dem AD(H)S und nicht aus Mobbing bei HB kommen (ohne Stress haben HBs keine AD(H)S-Symptome), dass ihr das unbedingt behandeln solltet. D.h. einmal geduldig mit Medis einstellen und ein Jahr lang beobachten, dann seht ihr, was Medis verändern und dann habt ihr einen Maßstab, ob ihm das so sehr gut tut, dass er das weiter braucht.
Akut lindern die Medis die Stresssymptome - das schadet auf keinen Fall.
Ihr werdet es nie vergleichen können, wenn ihr es nicht ausprobiert. Alle rein psychologischen Behanldungsmethoden leiden in solchen Situationen an einem starken Bias der Eltern, die (völlig nachvollziehbar) wollen, dass es auch ohne Medis geht, und den Vergleich nicht kennen, weshalb psychologische oder andersartige Behandlungsmethoden häufig zu gut bewertet werden. Objektive Vergleichstests (gibt es ja) zeigen immer wieder, dass Medis von allem am Besten wirken und allenfalls zusammen mit psychologischer Behandlung noch besser wirken.

Problem:
AD(H)S wird von Hochbegabten oft sehr gut weggecopt (aufgrund ihrer Fähigkeiten überspielt, umgangen), was aber die innere Anstrengung, die AD(H)DS mit sich bringt, nicht mindert und daher den Grundstein legt für schwere psychische Störungsbilder im Alter (second hit: Depression, Angststörung, Zwangsstörung, Sucht etc...). Diese guten Copingfähigkeiten machen AD(H)S bei Älteren HBs extrem schwer erkennbar.

Was ihm (unabhängig von AD(H)S oder nicht) auf jeden Fall gut tun dürfte, ist ein Austausch mit anderen HBs in seinem Alter.
Bitte wendet Euch dazu an Mensa e.V., dort gibt es auch einzelne Gruppen oder Events für HB-Kids.
Es ist unendlich erleichternd, wenn er mal Leute trifft, die ticke wie er, und er dort vielleicht auch Freunde findet.

Alles Gute mit Eurem sehr besonderen Kind !

Viele Grüße

UlBre
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Re: Der berühmte Stempel

Beitrag von BAE2705 » 17. September 2019 09:03

Liebe Omedeto,
auch von mir erstmal ein "Kopf hoch". Haltet bis zu einer Diagnose durch, treibt diese voran. Es wird besser werden. Auch ich hatte ein Kind, das mit drei Jahren 100tlg. Puzzle zusammensetzte, mit 4 anfing zu lesen und im Kindergarten ständig und wiederkehrend als "untragbar" bezeichnet wurde (zudem wurde ich als überehrgeizige Tigermom geoutet, weil ich den im August Geborenen vorzeitig einschulen ließ!).

Bei Junior dauerte es in der Folge fast 6 Schuljahre bis der Leidensdruck so hoch war, dass er sich testen ließ und wir die medikamentöse Einstellung angingen. Aus heutiger Sicht kann ich nur feststellen: Bei uns zu Hause hatte ich/hatten wir die Situation solange im Griff, bis es in der Schule immer mehr knallte. Dann brachte er den Stress mit nach Hause, konnte nicht mehr abschalten und es eskalierte auch hier. Den Stöpsel gezogen haben hier die Medis in Verbindung mit einer neuen Klassenlehrerin, die ihn zur Seite nahm, sagte "wir fangen bei Null an - ich kenn' dich nicht, du bist erstmal gut, so wie du bist". Das war der Befreiungsschlag.

Schaut mal, ob ihr mit Medis auch den Druck rausnehmen könnt. Unser Kinderarzt hat nach dem anfänglich knapp durchschnittlichen IQ im Test inzwischen "interessehalber" (fällt dann unter Verlaufskontrolle) einen zweiten mit einem 30 Punkte höheren Ergebnis vornehmen lassen (ebenfalls ohne Medis). Der Stress frisst neben der Lebensqualität auch die Gehirnleistung, lass das bei deinem - offensichtlich sehr begabten Kind - nicht zu.

Dir wünsche ich Geduld - ihr habt noch Zeit, das Kind ist nicht in den Brunnen gefallen! Da es aber für deinen Sohn entscheidend für sein Selbstwertgefühl und seine Zufriedenheit ist, wünsche ich euch allen eine zügige Diagnose.

Liebe Grüße,
BAE
Omedeto
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Re: Der berühmte Stempel

Beitrag von Omedeto » 4. Oktober 2019 18:19

Hallihallo,

hier wieder einige Neuigkeiten vom heutigen Gespräch.

In den Bereichen Aufmerksamkeit und Hyperaktivität ist Junior an der Grenze. Bei der Impulsivität ist er klinisch auffällig. Nun befindet er sich ja noch in der Tagesklinik, also quasi in einem geschützten Bereich. Wenn er wieder in die Schule geht und alles auf ihn einprasselt, verschärft sich das dann mMn noch, so dass sich auch bei Aufmerksamkeit und Hyperaktivität die Werte in Richtung klinisch relevant verschieben.

Morgen beginnen wir mit der Medikation, Medikinet.

Ich bin überraschend ruhig, dafür dass unser Kind ab sofort Medikamente einnehmen wird.

Der IQ-Test folgt noch. Da sind wir eher gespannt, welche neuen Erkenntnisse dann zu Tage treten, da wir ja schon vor zwei Jahren ein erstes Ergebnis bekommen haben in dem eine überdurchschnittliche Begabung festgestellt wurde.

Wünsche euch ein schönes Wochenende.
Grüßle, Omedeto
Omedeto
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Re: Der berühmte Stempel

Beitrag von Omedeto » 4. Oktober 2019 19:46

ULBRE hat geschrieben:
17. September 2019 01:08

Was ihm (unabhängig von AD(H)S oder nicht) auf jeden Fall gut tun dürfte, ist ein Austausch mit anderen HBs in seinem Alter.
Bitte wendet Euch dazu an Mensa e.V., dort gibt es auch einzelne Gruppen oder Events für HB-Kids.
Es ist unendlich erleichternd, wenn er mal Leute trifft, die ticke wie er, und er dort vielleicht auch Freunde findet.
Hallo Ulbre,

ich hatte ganz vergessen, dass ich noch was dazu sagen wollte.

Er besucht bereits seit dem Vorschulalter Hector-Kurse, um eben auch unter Gleichgesinnten zu sein. Leider mussten wir feststellten, dass die Qualität da auch sehr durchwachsen ist. Es ist wie in allem im Leben, es geht um Beziehungen, wer kennt wen, Mundpropaganda und Neid.
Gerade in diesem Bereich hatten wir die falsche Vorstellung, dass man Anschluss und Hilfe bekommt. Es nennt sich Förderung für besonders begabte und hochbegabte Kinder. Da sollte man meinen, dass sie dort auf die Kinder mit ihren u.U. speziellen Anforderungen eingehen. Stattdessen wird es als Freizeitbeschäftigung für (funktionierende) Kinder mißbraucht, deren Eltern sagen "Bevor er/sie zu Hause hockt, kann er/sie auch hier hin gehen."
Wenn man dann noch einen hochbegabten Dozenten erwischt, der wie ein Fähnchen im Wind ist und eine pädagogische Qualifikation wie ein Topf Wasser hat - Prost Mahlzeit.
Den Tip mit der Mensa greife ich gerne auf und mache mich mal schlau. Vielen Dank. Geht es auch anderen so, dass es ganz schön schwierig ist Anschluß und sinnvolle Kurse zu finden?

Viele Grüße
Omedeto
Grüßle, Omedeto
ULBRE
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Re: Der berühmte Stempel

Beitrag von ULBRE » 4. Oktober 2019 22:32

Ja, kann ich nachvollziehen:
HBs sind bestimmt keine besser Menschen. Nicht mal klüger.
Nur schneller im Hirn.
Und meistens hochsensibel, was nach vorne und nach hinten losgehen kann.

Wie überall: man muss suchen, um die richtigen zu finden.
Für HBs ist die Chance in solchen Vereinen grösser, auf passende Leute zu treffen - mehr auch nicht. Geduld und Mut braucht es trotzdem.

Viel Geduld und Glück Euch - dann müsste es auch werden ;-)

UlBre
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Omedeto
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Re: Der berühmte Stempel

Beitrag von Omedeto » vor 42 Minuten

Hallo und einen schönen Sonntag,

Diagnostik und IQ Test sind nun durch. Kurz gesagt, Hyperkinetische Störung und Asperger. Es wird noch eine weitere Diagnostik mit einem Spezialisten in Richtung Autismus geben. Er zeigt gewissen autistische Züge, die uns eben auch schon lange aufgefallen sind, welche man aber nur erahnt, wenn man ihn richtig gut kennt. Oberflächlich betrachtet stellt er sich nach außen als Querschläger und Besserwisser dar.
Medikinet hatte die falsche Wirkung und wir sind alle froh, dass er es nicht mehr nimmt. Er war ernster, trauriger, impulsiver und hat auffallend geschwitzt.
Nun erfolgt der Versuch mit Risperdal. Sein größtes Problem ist die Impulsivität und da liegt in meinen Augen auch der Hund begraben. Bekommen wir die Impulsivität in den Griff, werden sich (hoffentlich) auch die anderen Baustellen regulieren. Es geht nicht darum Wunder zu erwarten und ein anderes Kind aus ihm zu machen, wir wollen unser Kind glücklich und erfolgreich in der Schule sehen. Erfolgreich heißt in erster Linie, dass er im normalen Schulbetrieb zurechtkommt und Freude hat. Ohne Mobbing, Ausgrenzung und ständigen Ärger.
Die Diagnose auf ADHS/Asperger ist für uns als Eltern sowohl eine Befreiung, als auch ein neuer Stolperstein. Ganz wichtig ist, er macht die Dinge nicht mit Absicht, sondern er kann es nicht anders. Wir müssen nun lernen Situationen neu zu bewerten und sicher auch in bestimmten Situationen anders zu handeln. Diesbezüglich muss ich beim Elterntraining auch nochmal nachhaken.
Im Bezug auf die Schule sind wir nun gerade sehr ratlos. Die Woche gibt es noch ein Gespräch mit der Schule, wie es weitergeht und wie sie reagieren sollten, wenn es zu Schwierigkeiten kommt. Da ist die große Frage, WAS SAGT MAN DER SCHULE-WELCHE INFORMATIONEN SIND RATSAM UND WELCHE ZU VIEL???
Würde man nichts von der Diagnose sagen bleibt es beim Stempel "Problemkind, schwer erziehbar", spricht man von ADHS/Asperger bekommt er den Stempel " Bekloppter". Vom Regen in die Traufe. Wie gesagt, da macht sich Ratlosigkeit breit. Habt ihr Tipps? Das Ganze geht ja dann weiter, was wird den Kindern gegenüber geäußert, wie offen sollte man damit umgehen?

Bitte verzeiht mir das fehlen von Fachbegriffen und die saloppe Umgangssprache, so viele Gedanken schwirren durch mein Mutterhirn und mir fehlt absolut der Durchblick bei den ganzen medizinischen Begriffen.
Grüßle, Omedeto
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Re: Der berühmte Stempel

Beitrag von Omedeto » vor 23 Minuten

Wie kann man bitte den eigenen Beitrag editieren? *auf dem Schlauch steh*

Bin ich verpflichtet die Schule über die Einnahme von Medikamenten zu informieren?
Grüßle, Omedeto
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