Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Dieses Board ist auch für Gäste sichtbar!
Antworten
Raupi
Foruminventar
Beiträge: 579
Registriert: 14. Juni 2018 21:59

Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Raupi » 22. Januar 2019 07:55

Wer kennt es nicht, das Problem, überhaupt beim Kind "anzukommen" mit normalem Tonfall. Man muss quasi erstmal einen Satz im Brüllton sagen und dann, wenn das Kind endlich wahrnimmt, das man mit ihm redet, mit normaler Stimme sagen, dass man ja eigentlich nicht brüllen will, und das man jetzt normal weiter reden kann. Das Kind fordert ja, daß man nicht immer brüllt, bloß hört es auch nicht hin, wenn man nicht brüllt.

Es muß nicht unbedingt ein eigenes Eltern Coaching sein, um so etwas anzusprechen. Zumindest im Rahmen der Therapie für meinen Sohn werden die Eltern sehr flexibel mit einbezogen.

Entweder es gibt mal einen ganzen Termin für die Eltern oder zu Anfang einer Sitzung mit meinem Sohn gebe ich mal einen Themen Vorschlag, bevor die Sitzung losgeht. Dann bespricht die Therapeutein es mit meinem Sohn unter vier Augen, manchmal bleibe ich auch drin und wir sprechen zu dritt. Quasi eine moderierte Aussprache.

Jedenfalls werde ich dieses Thema auch mal mit aufnehmen.

Was sind Eure Erfahrungen?
LG, Raupi

... It's not a bug, it's a feature...
Stefan SRO
Foruminventar
Beiträge: 779
Registriert: 21. Juni 2018 06:52
Wohnort: Thüringen
Kontaktdaten:

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Stefan SRO » 22. Januar 2019 09:48

Bei der MuKi (Mutter Kind Kur in Baltic Großenbrode) ist das Thema "Mütter in der Schreifalle" gerade dran.

Die Muttis bekommen gelehrt, dass Initial nur ein klar formulierter 3-Wort-Satz beginnen soll, der nicht zu laut und direkt mit dem Sicht zum Kind herausgebracht werden soll.

(Beiläufige Sätze, während der Kopf im Kühlschranksteckt kommen weder bei Männern, noch bei Kindern an.)

"Paul hör zu!"; "Schangdall komm her!"; "Karl bleib stehen!"

Da die Kinder ihren Namen für gewöhnlich kennen, reicht es nicht aus den Namen ohne Kommando zu brüllen (siehe Bundeswehr)

Es ist auch möglich schon von klein auf, Dialoge zu trainieren, die auf Körperkontakt basieren. (das haben wir mangels Kenntnis vom eigenen ADS und dem des Kindes leider versäumt, nun ist Körperkontakt eher kontraproduktiv)

Hat man die Aufmerksamkeit, kann die Botschaft in klaren Sätzen ohne zu viele Kommas so lange transportieren, wie das Kind schaut. Schaut es weg, Text abbrechen.

Mit "Scheifalle" ist übrigens gemeint, dass die Kinder den lauten Dialog irgendwann als normal akzeptieren und ebenfalls nur noch schreien.

Ich selbst bin erst seit MPH und in der Wirkungszeit auf die Emotionen (bei mir zum Glück schon ab 10mg und bis weit nach Rebound) in der Lage die Kommunikation so zu führen.

Bei meiner Frau wird es wohl erst mit der Kur beginnen und den gleichen Stand wie bei mir erreichen, wenn sie ebenfalls Diagnostiziert ist und behandelt wird.

Übrigens ist es kontraproduktiv, das Kind permanent laut unter Verwendung ihres Namens zu ermahnen. Sie werden "Namensresistent".

Das haben unsere beiden Omas geschafft. Sie haben den Namen des Kindes so inflationär für sinnlose und beiläufige Ermahnungen genutzt, dass es nicht mehr auf die Stimmen der beiden reagiert. Nicht mal in Gefahrensituationen.

Im Vergleich dazu ist seine Aufmerksamkeit bei meiner für gewöhnlich ruhigen Stimme sofort da, wenn sie etwas lauter wird.

Da wir noch viele weiter Defizite haben, werde ich mich mal genauer mit der Thematik beschäftigen.

Dr. Cordula Neuhaus und Dr. Klaus Skrodzki haben schon viel darüber geschrieben.
"Mein Hirn kann nicht still sitzen..."
-
Was heute noch logisch und klar erscheint, ist morgen schon undurchsichtig rätselhaft.
-
-Mal Einstein und mal taube Nuß.-
-Was man nicht all´s ertragen muß.-
Stefan SRO
Foruminventar
Beiträge: 779
Registriert: 21. Juni 2018 06:52
Wohnort: Thüringen
Kontaktdaten:

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Stefan SRO » 22. Januar 2019 09:51

"Drei Wort Satz." ist nur der Aufhänger, der bedeuten soll, nicht zu viel Redeschwall in die Initiale Kommunikation zu stecken.

"Aufmerksamkeitsdefizit" heißt eben, dass sich diese erst mal finden und sammeln muss.

In unserem Fall ist es so, dass das Kind

..."Britney-Reana-Ariana-Arwen* , mach mit bitte die Tür auf." ... nur scheinbar nicht versteht.

Mitunter wird nicht prompt, sondern mit ein paar Sekunden Verzögerung ausgeführt (ja das ist mitunter schwer zu ertragen) und wenn man dann die Einkaufstaschen abstellt und zur Tür greift folgt ein Wutausbruch, da es ja seine Aufgabe war.


*= nein der Name ist eigentlich kürzer. Aber hier würden sich die Kreationen der ... fürchterlich rächen.
"Mein Hirn kann nicht still sitzen..."
-
Was heute noch logisch und klar erscheint, ist morgen schon undurchsichtig rätselhaft.
-
-Mal Einstein und mal taube Nuß.-
-Was man nicht all´s ertragen muß.-
Benutzeravatar
Daydreamer
Foruminventar
Beiträge: 569
Registriert: 23. März 2018 21:17

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Daydreamer » 2. Februar 2019 00:39

Am Besten sollte man einen Weg finden, die Aufmerksamkeit des Kindes ohne große Worte zu bekommen. Zum Beispiel stellt man sich in Sichtweise des zockenden Teenagers hin und wartet, bis er einen ansieht - dann kann man sagen "hast du eine Minute? Ich möchte mit dir reden". Dann kann man sich sicher sein, dass man die Aufmerksamkeit auch wirklich hat. Ganz ohne Brüllen oder so.

@StefanSRO: man wird nicht nur namensresistent. Meine Mutter zum Beispiel hat mich immer mit meinem Spitzname gerufen. Nur wenn sie sauer war, den vollen Name verwendet. Das ging bei mir so weit, dass ich in meinen vollen Name etwas negatives hineininterpretiere - egal wer es sagt. Ich frage mich immer direkt, was ich falsch gemacht habe ...
Das Leben ist ein Spiel. Wir spielen es nur mit höherer Schwierigkeitsstufe ;)
Raupi
Foruminventar
Beiträge: 579
Registriert: 14. Juni 2018 21:59

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Raupi » 2. Februar 2019 09:41

... Beim Zocken schaut doch keiner rechts und links...?

Das mit dem vollen Namen kann wirklich so enden... es ist ja quasi auch schon eine ungeschriebene Sprachregel, wird in geschriebenen Geschichten verwendet... aber man sollte sich dessen viel bewusster werden.
LG, Raupi

... It's not a bug, it's a feature...
Benutzeravatar
Daydreamer
Foruminventar
Beiträge: 569
Registriert: 23. März 2018 21:17

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Daydreamer » 2. Februar 2019 09:56

@Raupi, Naja, ich denke wenn man nur lang genug da steht, irgendwann spürt jeder die Blicke die auf einem ruhen. Oder eben im Augenwinkel. Hm. Bei meinem Freund jedenfalls Funktioniert es wenn ich direkt vor oder neben ihm stehe.
Das Leben ist ein Spiel. Wir spielen es nur mit höherer Schwierigkeitsstufe ;)
Raupi
Foruminventar
Beiträge: 579
Registriert: 14. Juni 2018 21:59

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Raupi » 2. Februar 2019 10:57

Naja also im Moment verstecken die Kids die Geräte ganz schnell, wenn sie heimlich spielen und merken einer kommt.

Wenn sie offiziell erlaubt spielen, hören sie momentan meistens eher nur auf Gerät wegnehmen.

Wir sind erziehungstechnisch leider etwas entgleist grade... mir fehlen die Nerven.. haben grade eine besonders terminreiche Zeit, viele Gesprächstermine rund um Schule, Förderung, Diagnostik, und das bei beiden Kindern... Beim Kleinen weiß ich gar nicht, ob er nicht doch mit seinen 8 Jahren eine Depression mit sich herumträgt... habe gestern telefonisch noch nichts in Sachen Termin erreicht, es kommt mir komisch vor...
LG, Raupi

... It's not a bug, it's a feature...
flori1994
Pagemaster
Beiträge: 201
Registriert: 29. April 2018 07:59
Wohnort: OWL
Alter: 24

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von flori1994 » 2. Februar 2019 11:09

Raupi hat geschrieben:
2. Februar 2019 09:41
... Beim Zocken schaut doch keiner rechts und links...?
Doch. Ich. Ich schaue mich immer um und versuche so quasi alles um mich herum zu sehen. Auch bzw. gerade beim Zocken.
Furcht ist der Gegner, der einzige Gegner.

Sunzi (um 500 v. Chr.), »Die Kunst des Krieges«

ADHS Diagnose irgendwann 2000 bis 2002
Benutzeravatar
Sheherazade
Foruminventar
Beiträge: 2609
Registriert: 19. Februar 2012 16:20

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Sheherazade » 2. Februar 2019 15:36

Daydreamer hat geschrieben:
2. Februar 2019 00:39
Am Besten sollte man einen Weg finden, die Aufmerksamkeit des Kindes ohne große Worte zu bekommen. Zum Beispiel stellt man sich in Sichtweise des zockenden Teenagers hin und wartet, bis er einen ansieht - dann kann man sagen "hast du eine Minute? Ich möchte mit dir reden". Dann kann man sich sicher sein, dass man die Aufmerksamkeit auch wirklich hat. Ganz ohne Brüllen oder so.
Ja, machen wir so schon seit Jahren, funktioniert prima. Einfach dazwischen zu quatschen ist genauso kontraproduktiv wie zu brüllen, denn die Sekunde zum Muten muss man dem Zocker schon lassen um ein vernünftiges Gespräch führen zu können. Und zu Gesprächsbeginn ein oder zwei Schritte zur Seite machen, damit die Augen vom Bildschirm kommen. :D
Sohn *2003 - Autist mit komorbider ADHS
Sohn *2001 - ADS
2 Töchter *1998 und * 1989
Schmerz vergeht, aufgeben ist für immer.
ULBRE
Foruminventar
Beiträge: 612
Registriert: 8. Februar 2018 22:08

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von ULBRE » 2. Februar 2019 16:32

Genau das.

Bei AD(H)S ist nicht die Aufmerksamkeit, aber sehr die Aufmerksamkeitssteuerung beeinträchtigt - oder genauer, sie folgt anderen Maßstäben (mehr intrinsisch, weniger extrinsisch adressierbar).

Bedeutet in der Praxis, dass man länger braucht, um die Aufmerksamkeit eines AD(H)Slers zu erregen / zu bekommen. Schreien funktioniert zwar theoretisch, macht aber viel mehr kaputt als es nützt. Der betreffende hört dann zwar zu, aber mit negativer Einstellung. Was soll dann daraus folgen ?

Besser man stellt sich selbst darauf ein, dass wenn man was sagen will, es erst mal auch ein oder zwei Minuten dauern kann, bis die Aufmerksamkeit überhaupt gewechselt hat. Am Besten vorher ankündigen (Du, ich muss Dir gleich mal was sagen) oder Aufmerksamkeitswechsel erbitten (komm doch bitte mal kurz), aber gewähren, dass der im Moment noch laufende Gedankentask beendet wird.

Es ist keine Respektlosigkeit des AD(H)Slers, dass er nicht sofort den Aufmerksamkeit einem neuen Task zuwenden kann.

Mein Bild dazu ist:
Wir, damals, in der Savanne, vor ein paar zigtausend Jahren. Wir sind Nomaden, schon seit Jahrmillionen.
Ich sehe jetzt gerade da draussen fremde Gestalten mit Speeren rumlaufen. Und sie sehen nicht sympathisch aus.
Was habe ich ? Massiven Stress.
ich beobachte sie, sie könnten unser Leben bedrohen.
Jetzt kommst Du von der Seite (von meiner Beobachtung hast Du noch nichts mitbekommen) und sprichst mich an, wir sollten jetzt mal Nüsse sammeln für den Winter.

Wie oft, meinst Du, musst Du mich ansprechen, bis ich Dich überhaupt wahrnehme ?
Im Interesse unseres Überlebens hoffe ich (auch für Dich): einige Male.

Taskwechselprobleme sind eine sehr gesunde Reaktion auf überlebensbedrohlichen Stress (ebenso die Ablenkbarkeit beim netten Geplauder am Lagerfeuer, weil da immer was knackt und raschelt, das könnten die Speerjungs sein...)
Und dass Dinge in so einem Zustand prokrastiniert werden, ist auch normal: könnten wir mit dem Nüssesammeln für den Winter bitte warten, bis wir überlebt haben ?
Nach diesem Muster lassen sich fast alle AD(H)S-Symptome durchdeklinieren.

AD(H)S unterscheidet sich von akutem Stress nach meinem Verständnis dadurch, das die Stresssysteme auch ohne akuten und adäquaten Stressor auf Hochtouren laufen und ebendiese Symptome verursachen.


Wenn man das so akzeptiert, fällt es einem leichter, zu verstehen, dass das Verhalten eines AD(H)Slers keine Respektlosigkeit ist (weshalb manche schreien) sondern Notstandsreaktion.

Viele Grüsse

UlBre
„Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was bedeutet dann ein leerer Schreibtisch ?“ Albert Einstein
Ich hab einen eher wissensorientierten Schreibstil. Als eine Stimme im Chor find ich das ganz ok. Mehr soll das auch nicht sein.
Raupi
Foruminventar
Beiträge: 579
Registriert: 14. Juni 2018 21:59

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Raupi » 2. Februar 2019 18:18

Danke Ulbre, eigentlich sollten wir das wissen, und doch kommt man nicht unbedingt darauf...

:!: :idea:
LG, Raupi

... It's not a bug, it's a feature...
Stefan SRO
Foruminventar
Beiträge: 779
Registriert: 21. Juni 2018 06:52
Wohnort: Thüringen
Kontaktdaten:

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Stefan SRO » 3. Februar 2019 18:34

schön, dass ULBRE uns hier zur Basis zurück geholt hat.
Ja, da ist viel dran, auch wenn ich an meine Ersthelferqualitäten denke.

Hat eigentlich schon mal jemand das Thema ADHS an Schimpansen untersucht?

Wenn die Veranlagung wirklich schon lange in uns schlummert könnte es sein, dass es in Schimpansen-Gruppen sogenannte "Sentilel" gibt. Sind diese identifiziert könnte man Blutproben nehmen, (wenn möglich) pro Tier ein EEG machen und mit Blick auf DSM4 / 5 die Gruppe beobachten und bewerten.

Damit käme man wohl deutlich weiter, als bei Ratten Gefahren durch MPH beim Menschen ableiten zu wollen. (Prof. Hüther)

Hm...

Dafür aber noch zwei Fundstücke zum Thema:

https://www.youtube.com/watch?v=lw_55P5kZuo

https://www.youtube.com/watch?v=o4ry0p8taWA
"Mein Hirn kann nicht still sitzen..."
-
Was heute noch logisch und klar erscheint, ist morgen schon undurchsichtig rätselhaft.
-
-Mal Einstein und mal taube Nuß.-
-Was man nicht all´s ertragen muß.-
ULBRE
Foruminventar
Beiträge: 612
Registriert: 8. Februar 2018 22:08

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von ULBRE » 3. Februar 2019 22:16

Hüther ? Grmpf...
Netter Philosophieonkel (Wie aus Stress Gefühle werden ist lesenswert, wenn auch veraltet). Aber ansonsten bitte ignorieren. Der ignoriert auch einfach, was er nicht glauben will...
„Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was bedeutet dann ein leerer Schreibtisch ?“ Albert Einstein
Ich hab einen eher wissensorientierten Schreibstil. Als eine Stimme im Chor find ich das ganz ok. Mehr soll das auch nicht sein.
flori1994
Pagemaster
Beiträge: 201
Registriert: 29. April 2018 07:59
Wohnort: OWL
Alter: 24

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von flori1994 » 3. Februar 2019 22:48

Um auf die originale Frage nochmal zurück zu kommen. Definitiv nicht an brüllen. Zumindest ich werde davon immer extrem aggressiv und muss mir immer auf die Zunge beißen, dem anderen entweder übelst zu beschimpfen oder ihm gar an die Gurgel zu gehen. :evil: In der US Army mir diesen Drill Seargants (als Full Metal Jacket) würde ich wahrscheinlich sehr schnell im Cafe Viereck landen. :o
Furcht ist der Gegner, der einzige Gegner.

Sunzi (um 500 v. Chr.), »Die Kunst des Krieges«

ADHS Diagnose irgendwann 2000 bis 2002
Stefan SRO
Foruminventar
Beiträge: 779
Registriert: 21. Juni 2018 06:52
Wohnort: Thüringen
Kontaktdaten:

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Stefan SRO » 4. Februar 2019 07:28

Dem kann ich bei pflichten. Ein ADHS-ler "potenziert" Emotionen, während ich es schaffe (dank MPH) bewusst in ruhigem gemessenen Ton mit dem Junior zu reden, schwingt bei meiner Frau immer wieder ein vorwurfsvoller Unterton mit, der vom Junior als "Schmetterball" zurück kommt.

Diese Eltern-Kind Konstellation ist extrem problematisch aber leider viel zu oft zu bemerken und man ahnt schon was passiert, wenn die Mutter mit dem "bockigen Kind" hinter der Wohnungstür verschwunden ist... :(

Brüllen und ... gibt es bei mir seit MPH zum Glück nicht mehr, da Affekt und Emotion deutlich gedämpft sind. Meine Frau hat es da noch schwer, weil sie bis heute nicht beim Facharzt war.

Gestern hatten wir gegen Abend ein Ereignis, als der Junior wiederholt nicht zur Tür wollte, um den klingelnden Nachbarskindern zu sagen, dass er nicht mit spielen will. (Blieb im Zimmer sitzen und wir sollten sie WIEDER abwimmeln) Hier habe ich ihn in lautem energischem Ton (nicht brüllen) vor mir her getrieben, was ihn sehr verschreckt hat.

Am Ende zogen die Kinder wieder los und der Junior suchte Trost bei seiner Mutter, die ihm die Situation noch mal beschrieb.
Nur wenige Minuten später zeigte er Ihr aber schon wieder Zunge und Mittelfinger.

Die permanente Opposition und Renitenz des Juniors, die sich mit ruhigen Worten nicht dämpfen ließ, hatte bei mir einen Emotionspegel aufgebaut, der mit meinem Rebound (MPH) nicht mehr zu halten war.
(Ohne MPH wäre es vermutlich zu Handgreiflichkeiten gekommen)

Ich denke das Thema Elterncoaching und Mitbehandlung der Eltern ist im deutschen Gesundheitssystem "unterrepräsentiert" (um "nicht vorhanden" mal zivilisiert auszudrücken)
Viele traumatische Erfahrungen in betroffenen Familien ließen sich so vermeiden.

mit etwas glasigen Augen:
Stefan
"Mein Hirn kann nicht still sitzen..."
-
Was heute noch logisch und klar erscheint, ist morgen schon undurchsichtig rätselhaft.
-
-Mal Einstein und mal taube Nuß.-
-Was man nicht all´s ertragen muß.-
Benutzeravatar
Sheherazade
Foruminventar
Beiträge: 2609
Registriert: 19. Februar 2012 16:20

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Sheherazade » 4. Februar 2019 07:58

Stefan SRO hat geschrieben:
4. Februar 2019 07:28
Die permanente Opposition und Renitenz des Juniors, die sich mit ruhigen Worten nicht dämpfen ließ
Ich weiß jetzt nicht wie alt dein Sohn ist, aber bei unserem Großen war die Phase der permanenten Opposition und Renitenz so ungefähr im Alter von 12-15 Jahren. Eigentlich recht normal in dieser Phase der Pubertät und man lässt in der Regel die Pubertiere ihre eigenen Erfahrungen machen. Unangenehmer als normal waren die Auswirkungen hier nur, weil unser Großer -wie so ziemlich jeder ADSler- entwicklungsmäßig um ca. 2 Jahre hinterher hinkte. Dummerweise war in dieser Phase JEGLICHE Form der Kommunikation, egal ob laut oder leise, aufgeregt oder unaufgeregt IMMER der Startschuss für neue Ausbrüche bei ihm und er hat dann IMMER das Gegenteil von dem gemacht, was richtig/gut/angebracht gewesen wäre. Also habe ich das Reden eingestellt und nur noch auf Fragen von ihm geantwortet - für Fragen sah er in den ersten 12 Monaten allerdings keine Veranlassung ausser es ging um Essen oder Wäsche. Nachdem wir dann einmal bei der Polizei zur Vernehmung erscheinen mussten (die Beamten sahen es relativ locker, bei mir brodelte es innerlich) hatte er wohl den ersten Schreckmoment, der ihn langsam zu Verstand kommen ließ. Sehr langsam, denn erst die zu dem Vergehen gehördende Gerichtsverhandlung ungefähr 8 Monate später veranlasste ihn dazu, wieder mit uns zu kommunizieren, noch etwas holprig, aber es wurde zusehends besser. Trotzdem muss ich mich immer noch dazu zwingen, ihn nicht vorauseilend meinen Ahnungen folgend zuzutexten, denn das bringt ihn immer noch auf die Barrikaden. Ich nenne diese Erziehungsstrategie "Kontrolliert den Kopf an- und nicht einschlagen lassen". ;)

Ach ja, und eins geht hier gar nicht, immer noch nicht und wird es wohl auch nie: Nachtragendes Verhalten von mir oder seinem Vater. Wir erkennen an, dass er seine Ausbildung gut macht und im Betrieb sehr beliebt ist, wir lassen uns allerdings nicht mehr von ihm drangsalieren sondern leben unser Leben ohne Rücksicht auf ihn. Er macht das ja auch mit uns.
Sohn *2003 - Autist mit komorbider ADHS
Sohn *2001 - ADS
2 Töchter *1998 und * 1989
Schmerz vergeht, aufgeben ist für immer.
Stefan SRO
Foruminventar
Beiträge: 779
Registriert: 21. Juni 2018 06:52
Wohnort: Thüringen
Kontaktdaten:

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Stefan SRO » 4. Februar 2019 09:10

der Junior ist 7.
Im Sozialverhalten eher 5 und bzgl. Geschick und Intelligenz eher 10 ...

Wir stehen nach 1/2-jähriger Diagnostik erst am Anfang von Medikation und bisher gab es keinerlei Therapien.
Sein Sozialverhalten ist um so problematischer, je näher ihm eine Person steht.

Nach außen hat er ein gutes Coping entwickelt, das ihn als "Prinz Charming" dastehen lässt.

Sich "den Kopf anstoßen" hat schon bei seinem Cousin (ADHS) ab ca. 11 Jahren funktioniert (Polizei etc.), aber so alt ist er noch nicht. Ich hätte kein Problem, wenn er nach außen an eckt, doch er terrorisiert ausgerechnet sein Zuhause.

Ich bin in einer Eltern SHG, komme aber bisher nicht wesentlich weiter.
Zu einem ADHS-Elterncoaching habe ich mich auch angemeldet, doch bisher gibt es für 2019 keine konkreten Termine.
"Mein Hirn kann nicht still sitzen..."
-
Was heute noch logisch und klar erscheint, ist morgen schon undurchsichtig rätselhaft.
-
-Mal Einstein und mal taube Nuß.-
-Was man nicht all´s ertragen muß.-
Benutzeravatar
Sheherazade
Foruminventar
Beiträge: 2609
Registriert: 19. Februar 2012 16:20

Re: Brüllen oder nicht brüllen, aber wie...?

Beitrag von Sheherazade » 4. Februar 2019 11:43

Stefan SRO hat geschrieben:
4. Februar 2019 09:10
Sein Sozialverhalten ist um so problematischer, je näher ihm eine Person steht.
Ja, kenne ich. :roll: Ich war jahrelang der Zünder für das Bömbchen. Damals haben wir den Fehler begangen, dass unser Großer einen Keil zwischen uns Eltern treiben konnte, weil man Mann sehr friedliebend ist und sich gerne rausgehalten hat um Streit zu vermeiden, ich hingegen eher aufbrausend war und immer alles sofort geklärt haben wollte. Hat schon arg gerumst manchmal bis mein Mann und ich einen guten gemeinsamen Level gefunden haben. Meinem Mann hat das Elterncoaching sehr geholfen, ich habe mich bei der Autismustherapeutin unseres Jüngsten "runterregulieren" können.

Prinz Charming trifft es gut, das war und ist unser Großer ausserhalb unseres Haushaltes auch. In den letzten Monaten ist er es auch zunehmend hier zu Hause.
Sohn *2003 - Autist mit komorbider ADHS
Sohn *2001 - ADS
2 Töchter *1998 und * 1989
Schmerz vergeht, aufgeben ist für immer.
Antworten

Zurück zu „Erziehungsfragen bei ADS und ADHS*“