Mut für Eltern (oder auch direkt Betroffene)

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JonnyP
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Registriert: 29. September 2018 01:05

Mut für Eltern (oder auch direkt Betroffene)

Beitrag von JonnyP » 29. September 2018 02:00

Hallo zusammen.
Ich bin 25 Jahre alt männlich und möchte euch meine Geschichte erzählen. Ich wahr im Kindergarten ein sehr fröhliches und lebhaftes Kind. Meine Kindergärtnerin (das hieß früher noch so) hat gesagt, der soll schnellstens in die Schule. Cleveres Kind und so. Dann wurde ich klassisch mit 6 Jahren eingeschult und die Hölle auf Erden begann. Permanentes Sitzen, längeres Konzentrieren auf eine Sache und still sein war ein Akt der Unmöglichkeit. Wir hatten Strichlisten. Gelb für vergessene Materialien und Rot für Verhalten. Nach 3 Strichen gab es eine Strafarbeit, nach 9 Strichen war die Liste voll und man musste nachsitzen. Unzählige male durfte ich das machen. Ich hatte schwierigkeiten den Schulranzen zu packen. Meine Mutter hat ihn mit mir gepackt, aber in der Schule habe ich z.B. das Buch im Schulranzen nicht gefunden. Obwohl es da war. Da man dachte, dass mit mir was nicht stimmt wurde bei mir durch eine Klinik sowie eine Kinderpsychologien AD(H)S nachgewiesen. Das ist bei mir irgendwie eine Mischung aus beidem. Ich hatte das Gefühl, nicht in diese Welt zu passen. Wirklich geholfen hat und konnte mir niemand. Meine Eltern waren sehr bemüht, aber waren komplett überfordert. Ich habe noch eine 5 1/2 Jahre ältere Schwester, die eine sehr gute Schülerin war (Hat super ins System gepasst). In der 5. Klasse bin ich auf die Hauptschule gegangen und habe dann in dieser Zeit Schulangst sowie eine Depression bekommen. Wen wundert es. In der Grundschule als Kind habe ich keine wirkliche Unterstützung oder schöne Momente erlebt. Ich war ein Kind und hilflos dem System/den Erwachsenen ausgeliefert. Es gab eigentlich permanent stress. Ich hatte sehr oft Aggressionen und habe z.B. meinem Schreibtisch Brandflecke mit einem Feuerzeug zugefügt oder die Tapete meterweise runter gerissen.

Irgendwie habe ich es geschafft, doch wieder zur Schule zu gehen und konnte durch gute Noten auf die Realschule (5. Klasse) wechseln. In der Realschule habe ich viele Freunde gefunden, da ich sehr kontaktfreudig war. Die Probleme mit Lehrern blieben jedoch. Allerdings auf einer anderen Ebene. Ich war grundsätzlich ein sehr guter Schüler, konnte aber immernoch nicht meinen Schulranzen packen, war extrem vergesslich und von Hausaufgaben machen kann keine Rede sein. Jetzt ist es natürlich Lehrer abhängig. Manche erkennen deine Stärken als ADS´ler, die du ganz klar hast. Wenn du mit einigermaßen Inteligenz gesegnet bist, kannst du super improvisieren, bist mündlich sehr gut und stellst auch nicht mal so dumme Fragen. Das kann ein Lehrer erkennen und honorieren. Oder er sammelt Hefte ein, benotet Hausaufgaben und schmeißt dich raus, wenn du dein Zeug nicht dabei hast. Das kann natürlich gigantische Schwankungen in den Noten geben. Zu der Zeit habe ich gemerkt, dass ich starke Prüfungsangst bekomme (schriftlich wie mündlich). Warum kann ich nicht wirklich sagen. Ich glaube, dass ich gemerkt habe, wie viele meiner Mitschüler vor Präsentationen aufgeregt waren und das habe ich dann auf mich übertragen. Das Problem ist, dass sich mein Hirn selbstständig macht. Durch meien Kreativität und Fantasie verschwimmt manchmal Realität und Wirklichkeit. Um es für Eltern einfacher zu machen: Ich hab mich reingesteigert. Im Grunde grundlos.
Zunehmend habe ich ein schlechteres Verhältnis zu meinen Eltern bekommen. Ich habe nicht auf sie gehört. Nicht mal im geringsten. Strafen haben mich nicht mehr interessiert. Ich hatte keinen Respekt. Da meine Eltern mich nicht verstanden haben (oder konnten) gab es auch sehr oft gewaltigen krach. Meinen freunden habe ich zu der Zeit verboten sie als meine Eltern zu betiteln. Sie waren meine Erzeuger. Ich habe mir vorgenommen, mein eigenes Leben zu führen. Das System passt nicht zu mir, oder ich nicht zu ihm. Auf jedenfall ist es meine Kindheit/Teenagerzeit eine gigantische Entäuschung für mich gewesen. Das muss für meine Eltern auch schlimm gewesen sein. Mein Realschulabschluss habe ich mit 1,6 oder so geschafft. Wie gesagt, ich bin eigentlich ganz clever. Schön war die Schule dann trotzdem nicht. Danach bin ich auf ein Berufskolleg (2 Jahre) und hab die Fachhochschulreife gemacht. Dann noch ein Jahr drangehängt und ich hatte ein 2,5 Abi. Das war ein toller moment für mich. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das schaffen würde. Ihr müsst wissen, dass die Grundschulzeit sehr tiefe Narben hinterlassen hat. Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, glaube ich, sollte ich mal eine Therapie deswegen machen und das alles einmal konkret aufarbeiten. Naja. Ich hab mir gedacht, was mach ich jetzt mit meinem Abi? Eine solide Ausbildung erschien mir als klug. Ich habe ein Wirtschaftsorientiertes Abitur gemacht und in einer Ausbildung lerne ich vielleicht etwas Struktur. Struktur ist nämlich sehr wichtig, ich war nur nicht wirklich fähig sie selbst herzustellen. Lehrzeitverkürzung und nach 2 Jahren hatte ich den Kaufmannsbrief. Nun studiere ich Politik- und Verwaltungswissenschaften im 5 Semester und bin gerade in Belfast im Erasmus.
Ich besitze einen eigenen Schulranzen, eienn Ordner und das wichtigste: Ein eigenes Mäppchen. Besonders stolz bin ich auf meinen Füller. Das klingt jetzt für einige Ohren lächerlich aber ich konnte als Kind nicht mit einem Füller schreiben, weil ich nicht verstanden habe, wie ich den richtige Druck ausübe. Es ging einfach nicht in mein Hirn. Vor 3 Monaten habe ich mir aber einen Kinderlernfüller gekauft, 2 Monate damit gelernt zu schreiben und nun besitze in einen tollen Lamy, mit dem ich wunderschön schreibe. Das war alles nur möglich, weil ich mir Copingstrategien anzueignen. Todo listen schreiben, ein guter Freund hat mir beigebracht, wie man ein Handykalender führt, ich habe mir angewöhnt, mit dem linken Bein zu zappeln, bzw. ein Handschmeichler zu verwenden, denn die Energie die wir haben, bzw. die innere Unruhe muss irgendwo raus. Als Kind hatte ich auch extreme Schlafstörungen. mit 12 habe ich angefangen Harry Potter Hörbücher von Rufus Beck zu hören. Dadurch wurde das auch besser (Ich mache das 13 Jahre später immernoch. JEDE Nacht!) Mittlerweile habe ich eine gute Beziehung zu meinen Eltern.

Das ist alles evtl. ein wenig verworren gewesen, aber ich möchte damit einfach ausdrücken, dass vieles, was in der Schule ausichtslos scheint, nicht so ist. Ich würde liebend gerne meinem jüngeren Ich sagen, dass es viel besser wird, dass du das hinbekommst (anders, als es Lehrer oder Eltern versuchen dir beizubringen). An die Eltern da draußen möchte ich sagen: Selbst wenn ihr denkt, aus dem wird nichts, oder Lehrer es euch sagen, ihr habt geniale Kinder, die mit ihrem Kopf tolles bewerkstelligen können. Die Schule ist dafür nur leider nicht ausgelegt (natürlich auch nicht jeder Beruf). Der wichtigste Tipp: Stellt euch vor, vor euch ist ein Berg, und da führt ein weg rechts und links drumherum. Die Masse läuft links herum und kommt aus Erfahrung ganz gut ans Ziel. Das wollt ihr jetzt eurem Kind auch sagen. Aber er wird es nicht oder nur seeeehr schwer schaffen. Die Lösung ist natürlich rechts rum zu gehen. Den ungewöhnlichen Weg einzuschlagen. Wir passen nicht in das 0815 System. Also müssen wir es anders machen. In der Schule ist das nur halt leider schwer.
Wie gesagt, gerade eben saß ich noch in der Bibliothek an einer renomierten Uni in Belfast und habe mir wissenschaftliche Texte zu Politics and Policies of the European Union auf Englisch durchgelesen und mir notizen mit meinem Füller gemacht. Meine Grundschullehrerin hat früher gesagt "Aus dem wird nichtmal ein Maurer" (und ich finde Maurer sind LEistungsträger unserer Gesellschaft ^^)
LG
PS: Ritalin habe ich nie bekommen. Rechtschreib- sowie Grammatikfehler bitte behalten. Es ist schon recht spät
Stefan SRO
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Re: Mut für Eltern (oder auch direkt Betroffene)

Beitrag von Stefan SRO » 29. September 2018 07:29

Erkannt....
Sowohl ich als auch mein Sohn.

Hallo JonnyP,

willkommen in der Runde.

Hinzuzufügen habe ich nichts, denn Du hast "UNS" treffend beschrieben. Eigentlich wäre der Artikel eine Veröffentlichung in einer Tageszeitung wert. Übrigens benutze ich für jeden (wichtigen) Text Word, da ich die selben Rechtschreibfehler mache wie Du und sie so erkenne.

Eines sei Dir noch mitgegeben. Ich (45) war ebenso erfolgreich. Konnte vieles umgehen oder kompensieren. Die "Gaben" haben mir den Weg weit nach oben geebnet. Den Hyperfocus konnte ich gezielt "ein- und ausschalten". Mit 41 hatte ich dann eine Burny mit bleibenden Schäden. Mit 45 hatte ich dann die ADS-Diagnose.
Rückblickend hätte ich mir Diagnose und Medikamente deutlich eher gewünscht. Ich hatte so gut gelernt das ADS zu "unterdrücken", dass mein Nervensystem heute eireparabel einen Weg hat.

Übrigens habe ich zeitgleich mit meinem ADS auch das meines Sohnes (7) erkannt und kann ihm hoffentlich ersparen, was uns beiden in der Schulzeit widerfuhr.

VG
Stefan
"Mein Hirn kann nicht still sitzen..."
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Was heute noch logisch und klar erscheint, ist morgen schon undurchsichtig rätselhaft.
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Falschparker
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Re: Mut für Eltern (oder auch direkt Betroffene)

Beitrag von Falschparker » 29. September 2018 18:38

JonnyP hat geschrieben:
29. September 2018 02:00
Da man dachte, dass mit mir was nicht stimmt wurde bei mir durch eine Klinik sowie eine Kinderpsychologien AD(H)S nachgewiesen. Das ist bei mir irgendwie eine Mischung aus beidem. Ich hatte das Gefühl, nicht in diese Welt zu passen. Wirklich geholfen hat und konnte mir niemand. Meine Eltern waren sehr bemüht, aber waren komplett überfordert.
Hallo Jonny,

herzlich willkommen.

Deine Geschichte ist ermutigend, aber sie macht mich auch traurig.

Gut, du hast dich durchgebissen, du hast eine Ausbildung geschafft und studierst im Ausland. Du hast dir ein paar Techniken angeeignet. Ich ziehe den Hut vor dir, es ist klasse wie weit du gekommen bist. :wedeln: :sylvester1:

Das will ich auch nicht schmälern, danke dass du es hier schreibst!!

Aber: Warum hat man bei dir ADHS zwar festgestellt, aber weder medikamentös noch nichtmedikamentös (davon schreibst du nichts, aber wenn scheint es nicht viel gebracht zu haben) behandelt??

Ich meine, man kann aus einem ADHS-Kind keines ohne ADHS machen, aber man kann doch sehr effektiv behandeln, so dass es nicht so viel leiden muss wie du? Ja, du könntest deinem Kindheits-Ich, oder einem ähnlich betroffenen Kind, sagen dass es besser werden und dass man es schaffen kann.

Aber bei Manchen wird es auch nicht besser, dazu komme ich noch. Und selbst wenn, was ist es für ein Trost zu sagen, halte 10 Jahre durch? Die Jahre, als du dich schlecht fühltest als Kind und als Jugendlicher, kann dir niemand zurück geben.

Mir ging es übrigens ähnlich. Ich habe mich als Kind und Jugendlicher oft schlecht gefühlt, hatte wenig Freunde, war unausgeglichen und wurde oft geärgert. Mit Ende der Schulzeit, Zivildienst und Studium wurde es viel besser. Trotzdem bin ich immer noch ADHS-ler, und als ich 37 war wurde es diagnostiziert und seitdem auch behandelt.

Der Unterschied ist aber, dass es in den 70-er und 80-er Jahren keine effektive ADHS-Behandlung gab, in den 00-er und 10-er Jahren aber schon. Und mindestens kann man dem Kind sagen, dass die Verpeiltheit und die vergessenen Hausaufgaben nicht an persönlicher Faulheit, sondern an einer Störung liegen, für die man nichts kann.

Es reicht nicht, Eltern oder Kindern zu sagen, es kann besser werden, sondern auch: ADHS ist eine ernsthafte Störung, die man so früh wie möglich behandeln kann und auch sollte.

Denn oft wird es eben auch nicht besser, und manche ADHS-ler überstehen ihre Jugend nicht so wie glücklicherweise du oder ich. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Unfall verletzt oder getötet zu werden, ist um ein Mehrfaches höher als bei Nicht-ADHS-lern. Viele Betroffene kommen an Alkohol oder Drogen, und manche begehen auch Suizid. Nicht nur Schul- oder Ausbildungsabschlüsse, auch Partnerschaften gelingen seltener.
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