Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

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MadMax16
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Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von MadMax16 » 27. Juli 2018 09:18

Hallo an alle,

Ich habe seit circa 6 Monaten die Diagnose ADHS. Von meinem Doc habe ich auch Medikinet verschrieben bekommen.

Ich bin nicht der Medikamentenfan und meinte zu ihm das ich sie vermutlich nicht dauerhaft nehme und nur in zeiten höchster Belastung. Daraufhin meinte er zu mir das von dieser Einnahmeart abzuraten wäre.

Wie steht ihr dazu?

Lg
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chaoten-tom
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von chaoten-tom » 27. Juli 2018 11:23

Meine Begeisterung über die Einnahme von Medikamenten hält sich auch in Grenzen....
Glücklicherweise funktioniert bei mir die punktuelle Einnahme von nicht retardiertem Ritalin problemlos.
Aber so verschieden wir alle sind, so verschieden reagieren wir auch auf die Medikamente.
Das sieht auch mein Arzt so und hat auch kein Problem mit meiner Art der Einnahme. Vielleicht haben es ja Patienten von Deinem Arzt probiert und damit schlechte Erfahrungen gemacht. Das würde mich sehr interessieren! Frag Ihn mal ob er Dir durch eigene Erfahrungen davon abrät oder nur den Beipackzettel gelesen hat.. ;-)
Verabschiede Dich von der Vorstellung Du nimmst eine Aspirin und der Schmerz lässt nach. Wie sich Methylphenidat bei Dir anfühlt, was für eine Dosierung und Einnahmeart für Dich gut ist und was für Nebenwirkungen Du dafür in Kauf nehmen musst, lässt sich nur experimentell rauskriegen.
Liebe Grüße und die besten Wünsche, Chaoten-Tom
Drei
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von Drei » 11. Oktober 2018 21:35

Mein Arzt meinte auch, man könnte es nur bei Bedarf nehmen. Der Beipackzettel liest sich aber anders. Und die Wirkung (inklusive starker, unangenehmer Nebenwirkungen) hat bei mir auch erst nach ein paar Tagen eingesetzt.
ULBRE
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von ULBRE » 11. Oktober 2018 22:53

Methylphenidat nur in einzelnen Momenten zu nehmen ist wie einen Regenschirm durch den Regen mitzuschleppen und ihn erst dann aufzuspannen, wenn das Unterhemd nass ist.

AD(H)S beschreibe ich gerne wie eine Regentonne, die zu schnell voll läuft. Den Regenschirm erst dann drüber zu halten, wenn sie überläuft, kann helfen, das Überlaufen abflauen zu lassen. Es hilft aber nicht, das Überlaufen zu vermeiden. Der innere Druck ist immer da, die Hochsensibilität, die Rejection Sensitivity (Kränkbarkeit). Dass sie nicht immer explodiert heisst nicht dass sie nicht immer da wäre.

Ich würde es ganz stupide mal ein halbes Jahr durchnehmen. Erst dann erkennt man den Unterschied. Wenn jemand dann sagt, nee, will ich doch nicht, brauche ich doch nicht, habe ich jedes Verständnis. Bis dahin vergleicht man aber Zustände, die man gar nicht kennt.

Was mich ärgert, ist, dass viele Nebenwirkungen vermeidbar wären, wenn laaaangsaaaaam genug hochdosiert würde. Innerhalb von wenigen Tagen von null auf 20 mg kann man machen - man kann sich aber auch anders verletzen.
Dass Betroffene, die so schnell hochdosiert haben, dann über Nebenwirkungen berichten, hält andere ab, ein hilfreiches Medikament zu nehmen. Und das ärgert mich dann schon ziemlich...

Viele Grüsse

UlBre
„Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was bedeutet dann ein leerer Schreibtisch ?“ Albert Einstein
Ich hab einen eher wissensorientierten Schreibstil. Als eine Stimme im Chor find ich das ganz ok. Mehr soll das auch nicht sein.
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von Oschi12345 » 12. Oktober 2018 13:53

Lass dich auf elvanse umstellen 1000 ma besser wie methylphenidat
Drei
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von Drei » 12. Oktober 2018 14:27

ULBRE hat geschrieben:
11. Oktober 2018 22:53
Was mich ärgert, ist, dass viele Nebenwirkungen vermeidbar wären, wenn laaaangsaaaaam genug hochdosiert würde. Innerhalb von wenigen Tagen von null auf 20 mg kann man machen - man kann sich aber auch anders verletzen.
Dass Betroffene, die so schnell hochdosiert haben, dann über Nebenwirkungen berichten, hält andere ab, ein hilfreiches Medikament zu nehmen. Und das ärgert mich dann schon ziemlich...
OT: Meine Dosis war 10mg Morgens und dann nochmal 10mg Mittags. Hätte ich zum Einschleichen in den ersten Tagen bzw. Wochen nur die Morgen-Dosis einnehmen sollen?
Bekomme jetzt Strattera. Aber einen Plan B in der Hinterhand zu haben schadet nicht.
ULBRE
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von ULBRE » 12. Oktober 2018 20:36

Hallo Drei,

das ist das übliche Vorgehen. Klar ist dann der Nachmittag nicht abgedeckt - aber es geht in dem Moment mehr darum, den Körper langsam dran zu gewöhnen anstatt bon jetzt auf gleich die Dosis zu haben, die später die wirksame Dosis sein wird.
Noch sicherer wäre es, mit 5 mg anzufangen. Gibt es nur unretardiert, macht zu eindosieren ja aber nichts.
Aber wie gesagt, das ist meine persönliche Auffassung.

Viele Grüsse

UlBre
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Falschparker
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von Falschparker » 12. Oktober 2018 21:07

5 mg unretardiert ist nicht anders als 10 mg retardiert. Das ist jetzt nicht so der große Unterschied. Als ich mit MPH anfing, gab es die Adult-Kapseln noch nicht, daher haben wir eh nur Tabletten genomen.

Wenn man gleich zweimal am Tag nimmt, muss man auch gleich mit zwei Variablen umgehen: Einzeldosis und Einnahmeabstand. Das kann eine Berg- und Talbahn geben, wenn der Abstand zu lang ist; oder eine Überdosierung, wenn er zu kurz ist.

Dazu kommt noch, dass die zweite Dosis geringer ausfallen kann (aber nicht muss). Und dazu kommt bei Medikinet Adult außerdem, dass es zwar einfach ist, passend zur ersten Kapsel zu frühstücken (wenn man frühstückt jedenfalls), aber immer genau zur richtigen Zeit Mittag zu essen bzw. zur Mittagszeit seine zweite Dosis nehmen zu müssen, ist schon kniffliger.

Daher ist es besser, sich erstmal auf die Höhe der Einzeldosis zu konzentrieren.

@Ulbre: Das mit dem Regenschirm hat ja literarische Qualitäten. 8-)

Und es stimmt wirklich. ADHS ist eine schiefe Art der Wahrnehmung; und das auch wenn es nicht gerade eskaliert. Stimulanzien, richtig eingestellt, ermöglichen eine unverzerrte Wahrnehmung. Das bemerkt man aber erst nach einer Weile kontinuierlicher Einnahme. D. h. man selbst, (Ehe-)partner bemerken es schneller. :lol:

Piero Rossi hat das vor Jahren mal beschrieben, wo es um Kinder ging und die Frage ob diese das Medikament an Wochenenden weglassen sollten:
https://web4health.info/de/answers/adhd ... ant-we.htm
MadMax16
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von MadMax16 » 21. Januar 2019 16:26

chaoten-tom hat geschrieben:
27. Juli 2018 11:23
Meine Begeisterung über die Einnahme von Medikamenten hält sich auch in Grenzen....
Glücklicherweise funktioniert bei mir die punktuelle Einnahme von nicht retardiertem Ritalin problemlos.
Aber so verschieden wir alle sind, so verschieden reagieren wir auch auf die Medikamente.
Das sieht auch mein Arzt so und hat auch kein Problem mit meiner Art der Einnahme. Vielleicht haben es ja Patienten von Deinem Arzt probiert und damit schlechte Erfahrungen gemacht. Das würde mich sehr interessieren! Frag Ihn mal ob er Dir durch eigene Erfahrungen davon abrät oder nur den Beipackzettel gelesen hat.. ;-)
Verabschiede Dich von der Vorstellung Du nimmst eine Aspirin und der Schmerz lässt nach. Wie sich Methylphenidat bei Dir anfühlt, was für eine Dosierung und Einnahmeart für Dich gut ist und was für Nebenwirkungen Du dafür in Kauf nehmen musst, lässt sich nur experimentell rauskriegen.
Liebe Grüße und die besten Wünsche, Chaoten-Tom

Hey,

tatsächlich kam die Aussage das es so auf dem Beipackzettel steht.

Seit der Diagnose bzw. meinem Post habe ich an dem Einnahmeverhalten nicht wirklich etwas geändert. Meiner Meinung nach fahre ich damit ganz gut. Einen Vergleich zu einer dauerhaften Einnahme habe ich jedoch nicht.

Die Frage an dieser Stelle wäre: Soll ich ein dauerhafte Einnahme über einen gewissen Zeitraum probieren um den Vergleich herstellen zu können?

Würde wie damals von meinem Arzt verordnet mit 5mg anfangen 1 x Morgens und das ganze dann jede Woche um 5mg steigern.
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von Schwermut86 » 21. Januar 2019 16:45

Medikinet bzw MPH ist prädestiniert für eine Bedarfseinnahme. Wenn du deine AD(H)S-Symptomatik ansonsten gut durch Verhaltensstrategien kompensieren kannst, sog. Coping, es aber 1-2 Lebensbereiche gibt, in denen immer wieder Schwierigkeiten auftreten, dann kann nach Bedarf meiner Erfahrung nach gehandelt werden. Allerdings muss man auch sagen, dass ein Psychiater zurecht an gut kompensierte Menschen mit ADHS kein MPH verschreibt. Der leidenssruck muss schon groß genug sein, dass man sie täglich bräuchte.

Jetzt als Student ist es unmöglich für mich das Medi nicht zu nehmen, aber es gab in der Vergangenheit tage, wo ich es pausiert habe. Wenn ich im Urlaub bin, nehme ich sie auch nicht. Als ich in einer beziehung war, brauchte ich sie auch öfters, jetzt als single weniger, da reicht mir auch eine dosis pro tag zum lernen und den rest der zeit verbringe ich mit dingen die mir spaß machen oder mit dem nebenjob, der mich aber auch nicht überfordert.
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von flori1994 » 21. Januar 2019 17:44

Schwermut86 hat geschrieben:
21. Januar 2019 16:45
Jetzt als Student ist es unmöglich für mich das Medi nicht zu nehmen
Verständlich. Das durfte ich auch bemerken, wenn auch (wie üblich) viel zu spät...
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von Falschparker » 21. Januar 2019 20:52

MadMax16 hat geschrieben:
21. Januar 2019 16:26
Seit der Diagnose bzw. meinem Post habe ich an dem Einnahmeverhalten nicht wirklich etwas geändert. Meiner Meinung nach fahre ich damit ganz gut. Einen Vergleich zu einer dauerhaften Einnahme habe ich jedoch nicht.

Die Frage an dieser Stelle wäre: Soll ich ein dauerhafte Einnahme über einen gewissen Zeitraum probieren um den Vergleich herstellen zu können?

Würde wie damals von meinem Arzt verordnet mit 5mg anfangen 1 x Morgens und das ganze dann jede Woche um 5mg steigern.
Hallo Mad Max,

du kannst ja tun was du möchtest, du musst nicht um uns oder deinem Arzt zu gefallen das Medikament anders einnehmen.

Ich habe aber bei deinen beiden Beiträgen leider nicht verstanden, was jetzt deine Motivation ist. Weil du nicht der Medikamentenfan bist?

Klar, Methylphenidat ist ein Medikament. Aber AD(H)S ist auch eine Störung, und keine harmlose.

Ja, ich kann dir (und jedem anderen diagnostizierten ADHS-ler) tatsächlich empfehlen, über einen mehrwöchigen Zeitraum anzuschauen, was das Medikament ausmachen kann. Welches Potenzial es für dein Leben haben kann. Ich bin der Meinung, das muss man erleben, um es einschätzen zu können.

Wenn du es nur bei Anlässen, wenn du schon vorher weißt dass sie herausfordernd sind, einsetzt, siehst du möglicherweise nicht wie das Medikament auch das normale Leben beeinflussen kann.

Ich habe erwartet und festgestellt, dass ich klarer Situationen überblicke und mit weniger Fehlern arbeiten kann. Oder Auto fahren. Klar.

Aber dass ich auch emotional ausgeglichener werde und dadurch gelassener und meine Lebenszufriedenheit steigt, das habe ich so nicht erwartet und ich hätte es auch nicht bemerkt, wenn ich es nur ein paar Mal im Monat für herausfordernde Aufgaben genommen hätte!

Oder auch, dass ich wesentlich weniger mit meiner Frau streite und ruhiger mit meinen Kindern umgehen kann. Da habe ich erst durch den Unterschied (d. h. erst als ich eine Weile Medis nahm) bemerkt, dass es in diesem Bereich ein Problem gibt!! Ich hatte vorher gedacht- ich bin doch die Geduld in Person! Wenn nur die Anderen nicht immer so nerven würden. :ups:

Ein unterschätztes Thema ist noch die Unfallgefahr. Bei Unfall denken die Meisten an Verkehrsunfälle, aber die meisten schweren Unfälle passieren im Haushalt oder in der Freizeit. Dann, wenn unsereiner mal eben etwas richten will. Und wenn wir dann von der Leiter gefallen sind oder der Daumen abgesägt wurde, denken wir hinterher vielleicht anders darüber, ob es eine gute Idee war, das Medikament nur punktuell einzunehmen. :oops:
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von Schwermut86 » 21. Januar 2019 21:43

Falschparker hat geschrieben:
21. Januar 2019 20:52

Aber AD(H)S ist auch eine Störung, und keine harmlose.
Ich persönliche halte ad(h)s für keine psychische störung wie zum beispiel eine schizophrenie. mitunter ist es auch eine gabe, eine fähigkeit sehr schöpferisch denken zu können, kreativ zu sein und unter umständen sehr intensiv den moment auskosten zu können und lebensfroh zu sein. mir ist schon klar, dass man es mit ad(h)s in schule, studium, bei der meisten arbeit oder konformen gesellschaften schwer hat und deshalb das medi sehr nützlich ist. aber wir sind nicht krank, sondern anders und das kann man sogar ausleben...
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von Falschparker » 21. Januar 2019 21:55

Schwermut86 hat geschrieben:
21. Januar 2019 21:43
mitunter ist es auch eine gabe, eine fähigkeit sehr schöpferisch denken zu können, kreativ zu sein und unter umständen sehr intensiv den moment auskosten zu können und lebensfroh zu sein. mir ist schon klar, dass man es mit ad(h)s in schule, studium, bei der meisten arbeit oder konformen gesellschaften schwer hat und deshalb das medi sehr nützlich ist.
Wir müssen hier nicht über Begriffe streiten. Die ADHS macht unsere Persönlichkeit auch originell und Normalos wollen wir auf gar keinen Fall sein, schon klar!! 8-)

Aber herunterspielen solltest du es auch nicht. ADHS-ler sterben überrepräsentativ durch Unfälle oder Suizid, sind überrepräsentativ suchtkrank und überrepräsentativ scheitern sie im Beruf, Ehen werden überrepräsentativ geschieden und Kinder wachsen als Folge ohne beide Eltern auf.

Das meine ich damit, es ist nicht harmlos. ADHS verursacht unermessliches Leid bei Betroffenen und auch vielen Nichtbetroffenen.
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von chaoten-tom » 21. Januar 2019 22:14

Ich nehme mal die wieder aufkeimende Diskussion zum Anlass um mich noch mal zu diesem Thema zu äußern.
ULBRE hat geschrieben:
11. Oktober 2018 22:53
Methylphenidat nur in einzelnen Momenten zu nehmen ist wie einen Regenschirm durch den Regen mitzuschleppen und ihn erst dann aufzuspannen, wenn das Unterhemd nass ist.
Da würde ich mal das gegensätzliche Bild malen und behaupten, es wäre wohl übertrieben sein ganzes Leben mit aufgespanntem Regenschirm umherzulaufen, damit man auch sicher nicht nass wird, wenn es mal tröpfelt....Ich nehme meinen Regenschirm mit wenn Regen angesagt ist und benutze ihn falls die Vorhersage zutrifft.
ULBRE hat geschrieben:
11. Oktober 2018 22:53
AD(H)S beschreibe ich gerne wie eine Regentonne, die zu schnell voll läuft. Den Regenschirm erst dann drüber zu halten, wenn sie überläuft, kann helfen, das Überlaufen abflauen zu lassen. Es hilft aber nicht, das Überlaufen zu vermeiden. Der innere Druck ist immer da, die Hochsensibilität, die Rejection Sensitivity (Kränkbarkeit). Dass sie nicht immer explodiert heisst nicht dass sie nicht immer da wäre.
Mit dem Bild ist eher was anzufangen. Die übergelaufene Tonne sind die Komorbitäten, die sich einstellen, wenn wir unter dem Druck der Anforderungen die auf uns lasten und die wir aufgrund unseres AD(H)S nicht erfüllen können zusammenbrechen. Zu diesem Zeitpunkt ist es deutlich zu Spät um den Schirm aufzuspannen. Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Das gilt es dringend zu vermeiden, auch mit dem Einsatz von Medikamenten.

Ich habe im lauf meines Lebens Dinge gefunden, die mich so erfüllen, dass sie wie Zapfhähne an meiner Regentonne wirken. Mit deren Hilfe kann ich kann ich den Pegel auf einem guten Level halten. Und wenn es dann wirklich mal so ausschaut, als würde es gleich richtig übel schütten, dann spann auch ich sicherheitshalber mal den Regenschirm auf.

Nachdem ich den Eindruck habe, dass hier im Forum das bedarfsweise Einnehmen von Medikamenten als eher abwegig betrachtet wird, habe ich mir mal die Mühe gemacht meinen Psychologen, der mein AD(H)S damals diagnostiziert hat, danach zu Fragen. Er behauptet viele erwachsene Patienten zu haben, die MPH nur bedarfsweise nutzen. Wie gesagt, ich bin kein Gegner der Einnahme von Medikamenten bei AD(H)S, aber ich wäge deren Einsatz sehr genau ab.

Grüße, Chaoten-Tom
Falschparker
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von Falschparker » 21. Januar 2019 22:27

chaoten-tom hat geschrieben:
21. Januar 2019 22:14
Nachdem ich den Eindruck habe, dass hier im Forum das bedarfsweise Einnehmen von Medikamenten als eher abwegig betrachtet wird
Hallo Tom,

es ging eher um die Frage, ob es gut ist von Anfang an Medis nur bedarfsweise zu nehmen, ohne überhaupt die Erfahrung zu machen, wie es wäre wenn man sie über einen längeren Zeitpunkt nähme. Und da sage ich, versucht es besser mal ein viertel oder halbes Jahr und beurteilt dann ob ihr das Medikament weiter dauerhaft, gar nicht oder gelegentlich nehmt.
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von MadMax16 » 21. Januar 2019 23:53

Hallo an alle :)

Ich finde es ja super das sich so viele an der Diskussion beteiligen. Auch für mich sehr spannend und interessant zu lesen wie ihr darüber denkt.

Ich studiere auch und lass mich besonders beim lernen extrem leicht ablenken. Teilweise habe ich es selber im Griff teilweise greife ich aber auch zu Medikinet sowohl retard als auch unretard. Ich mag das Gefühl doch sehr gerne wenn das Medikament wirkt. Ich bin gelassen, meine Gedanken sind strukturiert, ich streite mich unter Medikinet eigentlich nie mit meiner freundinn weil ich mich nicht von meiner Wut leiten lasse (die teilweise ins unermessliche steigt) sonder einen klaren Kopf behalte. Dabei geht es garnicht um die Tatsache das ich ausfallend werde oder rum schrei sondern ich bin innerlich extrem aufgewühlt. Unter medikinet kann ich das alles besser ordnen und verarbeiten.

Trotzdem bringt eine dauerhafte Einnahme für mich auch ein gewisses Angstgefühl mit sich. Ich habe Angst davor irgendwann nicht mehr ohne die Medikamente leben zu können wenn ich sie über einen längeren Zeitraum nehme. Ein weiterer Faktor für mich ist die Tatsache das ich auf jede Tablette (Ibuprofen Antibiotika etc) soweit es geht verzichte um meinen körper nicht unnötig zu belasten. Bei Medikinet würde ich es dauerhaft einnehmen was in mir irgendwie ein mulmiges Gefühl erzeugt.

Allen eine gute Nacht und auf weiter Diskussionen :)
Schwermut86
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von Schwermut86 » 22. Januar 2019 10:40

Falschparker hat geschrieben:
21. Januar 2019 21:55

Aber herunterspielen solltest du es auch nicht. ADHS-ler sterben überrepräsentativ durch Unfälle oder Suizid, sind überrepräsentativ suchtkrank und überrepräsentativ scheitern sie im Beruf, Ehen werden überrepräsentativ geschieden und Kinder wachsen als Folge ohne beide Eltern auf.

Das meine ich damit, es ist nicht harmlos. ADHS verursacht unermessliches Leid bei Betroffenen und auch vielen Nichtbetroffenen.
Ich spiel es nicht runter. Diejenigen, die sich hier an der Diskussion beteiligen, ist es bewusst, dass sie ADHS haben und dass sie Wege finden müssen damit zu recht zu kommen. Und genau das ist die Rettung. Ob es nun Medikamente oder Verhaltensstrategien sind. MPH oder AMP alleine hilft in Krisen auch nicht, ich weiß aus eigener Erfahrung dass man häufig komorbide Störungen entwickelt. Und ich habe psychiatrie-erfahrung für 10 menschen...

Am ende haben auch menschen mit adhs alles in sich was man zum überleben bräuchte, aber klar es ist schwierig für uns an die eigenen ressourcen ranzukommen, wenn man sie braucht, besonders in dieser narzisstischen gesellschaft...

aber es ist nun mal fakt, dass je nach individualität menschen mit adhs im leben mit mph auf bedarf besser durchs leben kommen statt mit dauerkonsum. mph und amp, alles hat nebenwirkungen, es beseitigt bei guter einstellung das eine, aber stört an anderer stelle systeme im körper (liegt daran, dass medikamente systemisch wirken, aber adhs sich lokal in gewissen hirnareal abspielt) den weg muss jeder für sich selber finden.

viele grüße
Stefan SRO
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von Stefan SRO » 22. Januar 2019 13:42

Das Thema Mortalität und Delinquenz hatten wer letzte Woche bei einer Veranstaltung mit Dr. U-W Gerlach.
https://adhs-zentrum.de/calendar/event/ ... n-erwachs/

Er betreut das Thema schon seit Jahrzehnten und hat viel Kinder erwachsen werden sehen. Viele die die Medikation in der Adoleszenz abgesetzt haben oder mit 18 absetzen mussten, haben eine traurige Karriere hin gelegt.

Glücklicherweise gibt es nun auch für Erw. Medikamente, auch wenn die (3 Stück mit Zulassung) oft nicht passen.
Die alten Haudegen beim ADHS-Deutschland e.V. erzählen oft abenteuerliche Geschichten aus der Zeit, als Erwachsene generell keine Hilfe bekamen oder nur die Komorbiditäten behandelt wurden.

Es gibt Betroffene, die in weniger schwerer Form betroffen sind oder ein gut funktionierendes Coping entwickelt haben. Die beneide ich sehr darum und es sei ihnen gegönnt, ohne Med durchs Leben zu kommen.
"Mein Hirn kann nicht still sitzen..."
-
Was heute noch logisch und klar erscheint, ist morgen schon undurchsichtig rätselhaft.
-
-Mal Einstein und mal taube Nuß.-
-Was man nicht all´s ertragen muß.-
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Re: Medikinet nicht dauerhaft nehmen?

Beitrag von flori1994 » 27. Januar 2019 01:07

Stefan SRO hat geschrieben:
22. Januar 2019 13:42
Es gibt Betroffene, die in weniger schwerer Form betroffen sind oder ein gut funktionierendes Coping entwickelt haben. Die beneide ich sehr darum und es sei ihnen gegönnt, ohne Med durchs Leben zu kommen.
Coping alleine hilft auch nicht für immer. :( Jedenfalls darf ich das immer stärker bemerken... Nix is schlimmer als diese ständige innere Unruhe gepaart mit Antriebsmangel. Ergibt dann immer ne Mischung ala Köper sagt "Lass mal wieder joggen gehen" Kopf " Ach ne, kein Bock."
Furcht ist der Gegner, der einzige Gegner.

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