Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

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Sara Folie
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Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Sara Folie » 9. Juli 2018 18:03

Hallo ihr Lieben,
ich hab mich heute erst angemeldet und weiß noch nicht genau wie das alles hier funktioniert - weißt mich also bitte auf Fehler liebend gerne hin.
Ich bin aktuell wirklich sehr verwirrt, verunsichert und fix und fertig - ich bin 31 Jahre alt, Sozialpädagogin von Beruf und habe seit vergangenen Donnerstag die Diagnose ADHS. Ich wusste schon immer das was "nicht so richtig normal läuft", aber ich hab das immer als äh "arbeitsintensive Gabe" gesehen und auch anderen Leuten wo "komischerweise die Energie übertrieben gepasst hat" immer so vermittelt. Und jetzt sind meine tiefsten Überzeugungen und auch "vieles, worauf ich stolz bin" einfach kaputt gegangen. Ich weiß gar nicht genau wie ich das sagen soll. Die Psychologin meinte ich soll Ritalin nehmen, Selbsthilfegruppen etc.pp. - witziger- und absurderweise bin ich das nur angegangen weil ich mich noch nie so "gesund" gefühlt habe - im Gegensatz zu jetzt war mein Leben ein einziges verrücktes, buntes, anstrengendes Chaos...aber SICH SELBST jetzt im Internet 1 zu 1 nachlesen zu können...ist absolut gruselig, niederschmetternd und...ah ich weiß nicht, bitte - und das sag ich selten - bitte könnt ihr mir sagen wie ich damit umgehen kann? Habe grade das Gefühl mein ganzes Leben war eine Lüge und JEDE meiner Reaktionen ist nur diese "Gabe" (früher!!!) JETZT: Störung. Ich war vorher nie beim Therapeuten oder hab Medikamente genommen...
Ich wäre euch wirklich sowas von dankbar - aktuell sitze ich Montag nachmittag auf meinem Balkon und betrinke mich seit Stunden mit Honigrum - eieieiei -sonst hätt ich hier bestimmt nicht reingeschrieben.
Liebe Grüße,
Sarah
Sara Folie
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Sara Folie » 9. Juli 2018 18:15

Also ich hätte mich das nicht getraut meine ich...und das alles "geil" war vorher kam glaub ich auch falsch rüber...es war eher so, dass ich einfach dachte "mir fehlt das 10.te Buch des Lebens", dafür kann ich viele andere Sachen wesentlich besser als andere. Aber seit ich das alles so lese merke ich erst wie "bescheuert" ich auch jetzt immer noch bin und wieviele "stinknormale" Sachen ich z.B. versuche zu vermeiden um nicht in Situationen zu geraten in denen ich völlig den Bezug, Fokus, Sinnzusammenhang, Konzentration etc. verliere.
Daydreamer
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Daydreamer » 9. Juli 2018 18:30

Hallo Sara Folie,
zuerst einmal: Herzlich willkommen im Forum.

Als erstes möchte ich dir sagen: Lass den Kopf nicht hängen! Es mag sein, dass dir das jetzt sehr schlimm vorkommt. Glaube mir, am Anfang war es bei mir auch nicht gerade ein "Juhu, endlich weiß ich warum ich anders bin".
Aber dann habe ich bei einem Seminar jemanden kennengelernt. Eine junge Frau. Und die sagte dann: "wir sind nicht doof. Wir spielen das Leben nur auf einer anderen Schwierigkeitsstufe".

Soll heißen: ja, es gibt einige Dinge, die mit AD(H)S schwerer fallen als ohne. Ja, es kann anstrengend sein. ABER: es gibt dennoch Dinge, die wir gut können. Dinge, auf die wir stolz sein können und dürfen!

Und jetzt sind meine tiefsten Überzeugungen und auch "vieles, worauf ich stolz bin" einfach kaputt gegangen. Ich weiß gar nicht genau wie ich das sagen soll.

Warum? Was bringt dich dazu, deine Überzeugungen über Bord zu werfen, nur, weil das Kind jetzt einen Name hat? Nur weil du jetzt eine Diagnose hast, heißt das doch nicht, dass sich jetzt alles ändert.
Was ist es denn, worauf du stolz bist?

Zum Thema Medikamente: bevor ich Medikamente bekam kannte ich mich, mein Leben, meine Umgebung nur so - ohne Medis. Im Nebel. Durch die Medikamente habe ich erkannt, dass ich nie so 100% anwesend war, dass immer etwas "zwischen mir und der Welt da draußen" war.
Mit Medikamenten nehme ich alles viel klarer wahr, kann mich besser fokussieren, bin nicht mehr so durcheinander ...

Kurz gesagt: es ist auf jeden Fall einen Versuch wert, findest du nicht? Ich meine, es wird ja einen Grund gegeben haben, dass du dich hast diagnostizieren lassen, oder? Du hast das ja sicher nicht zum Spaß gemacht.

Aber seit ich das alles so lese merke ich erst wie "bescheuert" ich auch jetzt immer noch bin und wieviele "stinknormale" Sachen ich z.B. versuche zu vermeiden um nicht in Situationen zu geraten in denen ich völlig den Bezug, Fokus, Sinnzusammenhang, Konzentration etc. verliere.

Wie meinst du das? Seit du was alles liest? Die Symptome? Den Zusammenhang mit AD(H)S? Was genau?

Ich hoffe, das hilft dir irgendwie weiter.
Wie gesagt: Kopf hoch. Kann sein, dass es ein bisschen dauert, aber du wirst damit umgehen lernen. Und du wirst sehen, je besser du dich kennelernst (und das meine ich wirklich so, ich habe so viel über mich erfahren im letzten Jahr), desto besser wirst du damit umgehen können.
Und wenn du Fragen hast: hier kannst du sie immer stellen :)

Lg, Daydreamer
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Mitglied1900 » 9. Juli 2018 18:55

Ich denke viele kennen es von klein auf, das was nicht stimmt. Ich auch.
Ist es schwierig mit der Diagnose. Ja und nein, denke ich.
Man sollte nicht alles auf die Diagnose schieben, aber viele hängt bestimmt damit zusammen. Auch nicht verzweifeln deswegen.
Hat man Lust auf Medikamente und Therapeuten. Kann von mir sprechen, ich eig. nicht. Ist aber sinnvoll.

Bin momentan auch gerade noch eher in der Findungsphase bzw. wie es weiter geht Arbeit / Medikamente. Wenn Fragen hast / schreiben möchtest. Kannst mich anschreiben.


Es können auch viele Rückschläge auftreten. Sei es Medis wirken nicht bzw. NW. Oder Ärzte / Leute die sich nicht auskennen, meinen man wirke nicht wie ein ADHSler. (Da man vielleicht an sich gearbeitet hat bzw. nicht jeder gleich ist.)

Aber es braucht wohl Zeit und an Geduld mangelt es uns bekanntlich. ;)
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Skuzy
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Skuzy » 9. Juli 2018 19:22

Beschreib mal wie dein Leben jetzt weitergelaufen wäre ohne das Wissen über ADS ?

Ich finde es klang alles sehr positiv. Du hast einen total schönen Beruf, bist sicher sehr viel mit Menschen in Kontakt. Diese kennen Dich seit Jahren so wie du bist mit deinen Stärken und Schwächen.

Wünschst Du Dir den Veränderung? Das kam nicht so ganz raus.




Lieben Gruß Marco
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chaoten-tom
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon chaoten-tom » 9. Juli 2018 20:26

Hallo Sara Folie!
Schön dass Du da bist! Ich finde nämlich die positiven Aspekte von AD(H)S auch geil !!!
Und fühle mich hier im Forum damit total unterrepräsentiert ;-)
Klar ist es seltsam so eine gute Beschreibung seiner Selbst im Internet zu lesen, aber Kopf hoch, da ist sicher noch genügend Luft für Individualität vorhanden.
Wie man mit der Diagnose umgehen soll? Na als erstes freu Dich, dass Du die Gewissheit für das hast, was Du mit Sicherheit schon lange vermutest: Du bist etwas anders als andere! Gratuliere!! Darauf am besten noch einen Honigrum ;-)
Zur Diagnose möchte ich anmerken: Was man als Gabe oder als Störung bezeichnet, ist reine Interpretationssache.
Du wärst allerdings sicher nicht hier im Forum gelandet, wenn Du nicht das ein oder andere Problem durch AD(H)S hättest.
Durch diese Probleme, die bei AD(H)S in unterschiedlich schweren Formen auftreten ist es zur Störung geworden.
An den Problemen kann man arbeiten. Wie weit Du dabei Dein geliebtes verrücktes, buntes, anstrengendes Chaos ordnen willst, ist alleine Deine Entscheidung! Auch die von Dir angesprochene Einnahme von Medikamenten funktioniert bei jedem anders. Ich habe mir z.B schon in seltenen Fällen eine Ritalin geschnorrt um mal ganz ungeliebte Dinge zu erledigen, bei denen ich sonst tausenderlei andere Sachen gemacht hätte, nur nicht das was gerade nötig ist...Auch der Psychologe, der bei mir ADS diagnostiziert hat, hätte bei mir gegen eine rein punktuelle Einnahme nichts einzuwenden. Ich habe die interessante Erfahrung gemacht, dass die Erkenntnis, wie gut und schnell und konzentriert etwas mit Medikament läuft manchmal ausreicht, dass es das nächste mal auch ohne Medikament deutlich besser geht.
Liebe Grüße, Chaoten-Tom
Falschparker
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Falschparker » 9. Juli 2018 20:55

Hallo Sarah und herzlich willkommen,

ich verstehe dass du verwirrt bist, aber ich kann dich beruhigen, du musst nicht aufhören, dich mit den schönen Seiten deiner Persönlichkeit zu identifizieren! :knuddel:

Du musst dich ja auch nicht behandeln lassen. Das hängt vom Leidensdruck ab. Wenn du dich gut fühlst, who cares?

Du kannst dich behandeln lassen, also die negativen Seiten mildern, und die positiven Seiten, die zu dir gehören, weitgehend immer noch genießen. Durch medikamentöse Behandlung werden wir nicht zu langweiligen Normalos!
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Sara Folie » 9. Juli 2018 23:03

Hallo ihr Alle,

ihr wisst gar nicht wie dankbar ich euch bin, dass ihr geschrieben habt!!! Und tausendmal Danke für eure Offenheit und eure Gesprächsangebote!!! Danke, danke, danke....Wahrscheinlich übertreib ich grade völlig (wie immer - aber das ist ja jetzt meine "Störung" :-))
Hey Chaoten-Tom...ich habe sogar vor Jahren ein ganzes literarisches Konzept darüber geschrieben wie toll es ist "so" zu sein (also da wusste ich nix über adhs...) - wenn du magst kann ich dir die wichtigsten 3 Seiten daraus schicken:-) - aber absurd ist es schon dass man jetzt immer denken muss "man muss diese und jene Entscheidung für sich treffen bla" - nd mit den Medis...ich hab mich vor ein paar Jahren kurz vor "zu spät" (viel Excess mit allem drum und dran) nicht umsonst - auch mit allem drum und dran - "gesund gelangweilt" - das war der Horror! Und wenn ich Ritalin nehme, dann komm ich mir so vor, als würde ich eine meiner "Überlebens-Prinzipien" (Keine Drogen für mich mehr) über Bord werfen! Aber als gäbe es plötzlich eine Möglichkeit endlich mal den "einfachen Weg" zu gehen - obwohl man auch immer so stolz war dass man Schlangenlinien, Zick-Zack-Muster und so macht - aber halt auch meeeega frustierend, anstrengend, deprimierend traurig - hat man wenn man das jetzt also wirklich WEIß nicht auch die Verantwortung? Ist es dann nicht schwerstbehindert es nicht zu machen?
Wie macht ihr sowas? Kennt ihr sowas?
Und wie haltet ihr "auseinander" was IHR seit und was dieser minimierte neuronale Kortex ist?!?! ....

Marco: Ich danke dir jetzt schon für diese Frage! - ich bin grade so emotional aufgewühlt dass ich so perspektivisch gar nicht mehr denken kann! Darf ich die einige Tage mitschleppen und dir dann darauf antworten? Wäre großartig, wenn du dass mit mir teilst...

Daydreamer: Mir ging und geht es GENAU SO! Dieses "Ding zwischen mir und der Welt" oder die Welt ist ungefragt "in mich reingefallen". Ich bin nie ganz da und dazubleiben (außer beim Feiern, After-Hours etc.) kostet mich unendlich viel Kraft. Wenn die Leute davon berichten, dass sie mit Medikamenten wie du auch anscheinend endlich mal DA SIND WO SIE SIND und irgendwie...nicht so schemenhaft...oh mann, ich würde das so gerne mal erleben!!! Und ohne Zerissenheit, Reizüberflutung, einfach ruhig sein - mal normale Tage an denen ich meine Beziehung nicht mit kathastrophalen Weltthemen belästige oder streite - oh mein Gott ich stell mir das so schön vor und soooo angenehm, ich weiß gar nicht...so "Urlaub von mir Selbst" (und für die anderen) oh mann, ich werd jetzt schon ganz aufgeregt - grrrrr
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Stefan SRO » 10. Juli 2018 07:38

Hallo Sara Folie,

Du bist noch immer die Selbe.

"Die Gabe" sorgte bei mir für ein Hochgefühl, wenn ich mich richtig rein gekniet habe. Dir ist zum Glück der Burny erspart geblieben, der mich gestoppt hat. Nach dem Krankenhaus und einem bleibenden Nervenleiden wegen der gnadenlosen Überreizung hat es noch mal 4 Jahre, erfolglose Psychotherapie, Stimmungsaufheller usw. gedauert, bis die Beobachtung des Verhaltens meines Sohnes mich zu mir geführt hat.
Seit 04.06.18 (Diagnose) lerne ich nun etwas genauer auf mich zu achten.
Alles das was Du über Dich geschrieben hast kenne ich 1:1 oder zumindest ähnlich. Es ist unsere "Gabe" und sie gehört zu uns. Ja, ich werde mit Medikamenten anfangen, jedoch nur, weil ich beruflich ein paar Probleme bekommen habe, die mir nachhaltig schaden könnten. Vor allem beginne ich aber mir der kombinierten Behandlung, weil ich meinem ebenfalls betroffenen Sohn eine mögl. gute Stütze sein will.
Der durchlebt gerade alles, was mich in der Kindheit von den anderen Kindern trennte. Da er aber im Übrigen (wo her hat er's wohl? ;) ein schlaues Kerlchen ist, soll er alle Chancen bekommen.

Kurzum. Die Diagnose ist eher ein AHA als ein OHWEH.
Wenn manfrau die Problemzonen besser kennt, könne sie besser gemieden werden und das Leben geht weiter.

Also einfach rein lesen, sich mögl. viel Input von Anderen holen, um sich auf der Suche nach Vermeidungsstrategien nicht zu oft zu verlaufen.

Genieße einfach weiter den Job und das Leben und denke daran:
Anderen geht es viel schlechter.

VG
Stefan
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon chaoten-tom » 10. Juli 2018 10:17

Hallo Sara Folie,
Sara Folie hat geschrieben:ich habe sogar vor Jahren ein ganzes literarisches Konzept darüber geschrieben wie toll es ist "so" zu sein (also da wusste ich nix über adhs...) - wenn du magst kann ich dir die wichtigsten 3 Seiten daraus schicken:-)

Kannst Du mir gerne auch komplett als PN schicken, würde mich sehr interessieren!

Sara Folie hat geschrieben:Und wie haltet ihr "auseinander" was IHR seit und was dieser minimierte neuronale Kortex ist?!?! ....

Ich seh das eher so: man IST dieser neuronale Kortex! Nur der Umstand, dass man von sich die 2 extremen Zustände der übersteigerten Wachheit und des passiven, allen umgebenden Reizen ausgeliefert sein kennt, lässt einen schließen man ist der "Wache" und das andere ist man nicht wirklich selbst.
Aber glücklicherweise ist unser neuronaler Kortex sehr flexibel, lässt sich trainieren und medikamentös beeinflussen, im Idealfall so, dass man die positiven Seiten behält und die negativen minimiert.
Dabei wünsche ich Dir, das alles was Du Dir davon erhoffst in Erfüllung geht!

Liebe Grüße, Chaoten-Tom
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Chrüsi » 10. Juli 2018 11:27

Hallo liebe Sara Folie

Ein herzliches Willkommen - schön dass du hier bist und geschrieben hast!
Kann dir sehr gut nachfühlen :knuddel:

Selber bin auch recht neu hier und langsam (aber es kommt) freue ich mich dann darauf, nun nach der eher "runterziehenden" Abklärungszeit wo man sich v.a. mit den Schwächen beschäftigen muss(te), nun vermehrt den Blick auf die Stärken von AD(H)S zu richten.
Möchte selber auch nicht anders sein.

Alles Gute dir!
Liebe Grüsse,
Chrüsi
ich wünsche mir die gelassenheit, dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann; den mut, dinge zu verändern, die ich ändern kann; und die weisheit, beides voneinander zu unterscheiden
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Falschparker » 10. Juli 2018 11:33

Sara Folie hat geschrieben:Ich bin nie ganz da und dazubleiben (außer beim Feiern, After-Hours etc.) kostet mich unendlich viel Kraft. Wenn die Leute davon berichten, dass sie mit Medikamenten wie du auch anscheinend endlich mal DA SIND WO SIE SIND und irgendwie...nicht so schemenhaft...oh mann, ich würde das so gerne mal erleben!!! Und ohne Zerissenheit, Reizüberflutung, einfach ruhig sein - mal normale Tage an denen ich meine Beziehung nicht mit kathastrophalen Weltthemen belästige oder streite - oh mein Gott ich stell mir das so schön vor und soooo angenehm, ich weiß gar nicht...so "Urlaub von mir Selbst" (und für die anderen) oh mann, ich werd jetzt schon ganz aufgeregt - grrrrr


Hallo Sara,

das wünsche ich dir sehr! :D

Ich hoffe aber nicht, dass deine Erwartung übersteigert ist, nachdem du so viel gelesen hast. Ich bekam meine Diagnose ja 2003, da gab es längst noch nicht so viel Literatur und Foren (jedenfalls auf deutsch) über Erwachsenen-ADHS. Ich wollte einfach etwas gegen mein Chaos, meine Unzuverlässigkeit und mein Abschweifen. Erst mit der Zeit merkte ich, dass ich (mit der richtigen Dosis) viel weniger gereizt bin und weniger streite (ich, jähzornig? Ich bin doch die Ruhe in Person, dachte ich, aber von wegen).

Und wenn ich Ritalin nehme, dann komm ich mir so vor, als würde ich eine meiner "Überlebens-Prinzipien" (Keine Drogen für mich mehr) über Bord werfen!


Nee, ganz im Gegenteil. Ja, man kann Medis nehmen wie Drogen, zur Stillung kurzfristigen Unbehagens. Aber von Stimulanzien profitiert man am Meisten wenn man es nimmt wie ein Spießbürger, jeden Tag dieselbe Menge zu denselben Zeiten (die natürlich trotzdem variieren je nachdem wann man aufsteht, klar). Wenn die richtige Dosis und der richtige Abstand gefunden sind selbstverständlich.

Die "Droge", die ich bis dann genommen habe, um überhaupt wach und gesammelt zu sein, war schwarzer Tee, aber stark und kannenweise. Trinke ich jetzt (fast) gar nicht mehr, macht mich (zusätzlich zum MPH) rappelig. Und Alkohol- wurde unangenehm, ich habe schon vorher sehr wenig getrunken, seitdem nichts mehr, und ich vermisse auch nichts. D. h. das genaue Gegenteil ist eingetreten, ich bin so drogenfrei (jedenfalls stoffgebunden) wie nie, ich nehme nur täglich die allerdings nicht geringe, aber seit vielen Jahren gleiche Menge Methylphenidat.
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Falschparker » 10. Juli 2018 11:40

Und wie haltet ihr "auseinander" was IHR seit und was dieser minimierte neuronale Kortex ist?!?! ....


Na, ich bin schon so egoistisch, mich mit den guten Seiten meiner ADHS zu identifizieren und mit den schlechten nicht.

Also dieses verrückte Assoziieren, Zusammenhänge finden wo oberflächlich gesehen keine sind, über den Tellerrand gucken, Hinterfragen, das bin ich. Die Trotteligkeit, die Beinahe-Unfälle, die Gereiztheit, das Vergessen von Terminen, das ist meine ADHS. :lol:

Stolz auf mich zu sein möchte ich allerdings sowieso ablegen, das ist ja eigentlich keine gute Eigenschaft.
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chaoten-tom
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon chaoten-tom » 10. Juli 2018 12:06

Falschparker hat geschrieben:Stolz auf mich zu sein möchte ich allerdings sowieso ablegen, das ist ja eigentlich keine gute Eigenschaft.

Die Definition von Stolz ist ja etwas zwiespältig, ich hoffe Du meinst damit "in seinem Selbstbewusstsein überheblich und abweisend"
denn Stolz als "von Selbstbewusstsein und Freude über eine eigene Leistung erfüllt"( Wenn es denn auch wirklich eine gute Leistung war....) empfinde finde ich als sehr angenehmes Gefühl und würde es mir nur ungern schlechtreden lassen.
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon zoraya » 12. Juli 2018 20:33

Ach du hast das jetzt formuliert, was ich auch meinte. Ich verstehe auch nicht, was nun "ich"bin oder die störung...
:?:
Das ist auch mein Problem.
Und ja ich hab dieselben Gefühle bzgl. Medis und auch schon Erfahrung mit Amphetaminen. Aber die Medis wirken echt anders geschluckt, kannst überall nachlesen.
Es gibt auch so Tabletten, die man nicht schnupfen kann oder so.
Lg Zoraya
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon ULBRE » 13. Juli 2018 22:42

Huhu,

die Dosis macht das Gift.

Ob man nun Wasser trinkt um nicht zu verdursten oder sich damit totsäuft (3 Liter am Stück oder 5 Liter Wasser am Tag töten recht zuverlässig) oder ob man Medikamente nimmt, die den Dopaminspiegel laaaangsam ansteigen lassen und nur auf das Mass, das sein soll, und damit ein bestehendes Defizit ausgleicht und deshalb bestehende Probleme drastisch verringert oder ein ähnliches Zeug als Droge nimmt (hohe Dosis, schnell wirkend, Dopamin ausschüttend statt Wiederaufnahme hemmend und deshalb Rauschzustand herbeiführend) macht schon einen ziemlichen Unterschied.
Den zwischen Medikament und Droge oder den zwischen Leben und Tod.
Mit Insulin kann man schwere Probleme beheben oder töten. Genau das selbe machen Stimulanzien - man kann sie gebrauchen oder missbrauchen.

Meine Bitte daher: nennt die Medikamente nicht Drogen und vergleicht sie nicht damit - es sind keine.
Drogen definieren sich über die Funktion, nicht über den Stoff.

Da draussen laufen so viele Menschen rum, die ihre Probleme nie auf die Reihe bekommen werden, weil ihnen irgend ein Heinz diesen Unfug ins Ohr tröpfelt.

Danke

UlBre
„Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was bedeutet dann ein leerer Schreibtisch ?“ Albert Einstein
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Murmel » 14. Juli 2018 08:42

Hallo und herzlich Willkommen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass du jetzt erst einmal fertig bist. Aber das Kind hat jetzt einen Namen und es heißt nach
vorne schauen. Du bist immer noch der gleiche Mensch wie vor der Diagnose. Jetzt kannst du es jedoch in Angriff nehmen
und an dir arbeiten. Nach einiger Zeit wirst du schon nicht mehr an die erste Zeit nach der Diagnose denken, sondern
einfach immer weiter nach vorne schauen. So war es jedenfalls bei mir.

LG Murmel
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Hanghuhn » 14. Juli 2018 10:44

Falschparker hat geschrieben:Na, ich bin schon so egoistisch, mich mit den guten Seiten meiner ADHS zu identifizieren und mit den schlechten nicht.

Also dieses verrückte Assoziieren, Zusammenhänge finden wo oberflächlich gesehen keine sind, über den Tellerrand gucken, Hinterfragen, das bin ich. Die Trotteligkeit, die Beinahe-Unfälle, die Gereiztheit, das Vergessen von Terminen, das ist meine ADHS. :lol:

Stolz auf mich zu sein möchte ich allerdings sowieso ablegen, das ist ja eigentlich keine gute Eigenschaft.

Bild Bild

@Falschparker, bloß mit dem Stolz-Sein bin ich nicht 100%ig deiner Meinung. Man darf sehr wohl stolz sein, solange es nicht in Arroganz ausartet.
P.S.: ... und andere nicht 'runtermacht.
LG Hanghuhn
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Stefan SRO » 14. Juli 2018 16:11

... lasst mich auch noch mal die Fanfare stoßen, um unsere "Gabe" zu preisen.

Hallo Sara Folie!
- und alle die mit sich hadern.

Die meisten hier im Chat haben ihre Diagnose sehr spät bekommen und bis dahin meist sogar eine gute Kariere hin gelegt.
Wenn man betrachtet, dass man ja mit den Defiziten über 100% lag, müssen die positiven Aspekte schon sehr besonders sein.

Wie viele hier möchte ich "nur" das mildern, was mir immer wieder die Tour versaut hat oder das Leben nur sinnlos anstrengend macht.
Der kreative Wirrkopf, der in der Vergangenheit immer wieder die Vorgesetzten eingelullt hat, hat Talent. Das Feld auf dem "wir" uns bewegen ist eben anders gestrickt als "100 Stück und Feierabend". Da entwickeln sich Bilder und Szenarien, für die man andere Begeistern kann, da sie selbst nicht die Fantasie dazu haben.

Andere stehen am Tag am Band und machen immer das Gleiche. Sie würden durchdrehen, wenn Sie nicht "Wetten Dass" oder den Swingerclub als Ziel vor Augen hätten.
Wir haben eben den Swingerclub im Kopf. Und dass die Ganze Woche.

(Sollten hier Kinder unter 18 mit lesen: Swing ist ein Musik. Ein Tanz! Die Tanzen dort den ganzen Abend;)

Wir brauchen uns also nicht zu verstecken.

Ich bin sehr froh über die Diagnose, da ich nun klar weis woher es kommt und mir ggf. Rat holen kann, was ich machen kann, um es zu steuern.
So ist/wird es bei mir und auch meinem Sohn.
(die Mendelschen Gesetze halt)

VG
Stefan
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Re: Neu mit der Diagnose...ich bin völlig fertig

Beitragvon Falschparker » 14. Juli 2018 17:18

Stefan SRO hat geschrieben:Die meisten hier im Chat haben ihre Diagnose sehr spät bekommen und bis dahin meist sogar eine gute Kariere hin gelegt.


Wieso das denn?

Die Meisten hier im Forum sind vor ihrer Diagnose nicht an einem Unfall gestorben (sonst wäre es ja nicht zur Diagnose gekommen). Sie bekommen es auch irgendwie hin, sich schriftlich auszudrücken (sonst würde man von ihnen ja nichts hier lesen).

Von daher ist hier nicht der Durchschnitt aller erwachsenen ADHS-ler. Unter Lernbehinderten, Suchtkranken oder Gefängnisinsassen ist die Wahrscheinlichkeit, ADHS zu haben, weit höher als in der Normalbevölkerung. Wir dagegen konnten unsere ADHS ein Stück weit kompensieren bzw. sind nicht so stark betroffen wie Andere.

Von schulischen, beruflichen oder privaten Katastrophen kann man hier aber schon Einiges lesen.

Ich will mich auch nicht beschweren, offenbar hatte ich mit meinen Eltern, meiner Studienfachwahl und insbesondere meiner Frau einfach großes Glück. Aber "gute Karriere", da verstehe ich etwas Anderes drunter. Stabilisiert hat sich mein Berufsweg erst, seit meine ADHS behandelt wird. Und auch meiner Ehe tut es sehr gut.

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