Ich will ja wollen

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Wolkenparty
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Ich will ja wollen

Beitrag von Wolkenparty » 6. Januar 2018 14:10

Hallo ihr!

Also anders kann ich mein Problem nicht beschreiben. Ich will normal sein wollen. Ich will mich einfügen und leben wollen wie jeder andere auch. Aber ich tu es einfach nicht.
Ich sollte den Wunsch besitzen, eine Ausbildung zu machen, mir einen Freundeskreis aufzubauen und irgendwann einer erfüllenden Arbeit nachzugehen. Aber all diese Dinge empfinde ich als nervig und irgendwie verpflichtend. Ich habe das Gefühl, so anders zu sein, weil eben diese für gesunde Menschen ganz normalen Dinge mir einfach auf den Geist gehen.
Was ich tatsächlich tun will, ist total egoistisch: Ich will den ganzen Tag bei mir zu Hause in meinem Hyperfokus hocken und tun, worauf ich gerade Lust habe. Meistens ist das kreatives Zeug, das kann von langsam sterbenden Projekten, ein Computerspiel zu entwickeln, bis hin zu langsam sterbenden Projekten, einen Comic zu zeichnen gehen (und diese Dinge beherrsche ich tatsächlich in Perfektion, nur halt nicht viel anderes und beenden tue ich in seltensten Fällen was. Wenn jemand meine Bilder sieht, dann krieg ich wie vorprogrammiert abgespult 'Wow, das sieht ja aus, wie gedruckt!' und deshalb kriegt kaum einer mehr was zu sehen, weil ich damit irgendwie nicht umgehen kann, warum auch immer).
Es würde mir ja schon helfen, meine kleine Freiberufler-Niesche zu finden, aber meine Interessen sind einfach zu sprunghaft. Was mich mein ganzes Leben lang begleitet, ist die Liebe zum Ausdenken von Geschichten. Das kann ich. Aber mal ein Manuskript einschicken, sei es nun für einen Roman oder einen Comic? Urgh. Nee. Da müsste ich mir ja Mühe geben und mich unter Druck setzen und dann würde das eh wieder nicht klappen und im Endeffekt fange ich dann gar nicht erst an, irgendwelche Pläne in die Tat umzusetzen.
Sobald ich Zuhause hocke, ist alles nervig, was stört. Dann rollen sich mir die Zehennägel auf, wenn es an der Tür klingelt, oder ich eine Nachricht bei Whatsapp kriege, weil ich mich verpflichtet fühle, darauf zu reagieren, aber keine Lust habe. Es trotzdem zu tun, bereitet mir eine innerliche Anspannung, die ich fast als schmerzhaft empfinde, aber vor den Kopf stoßen will ich meine Mitmenschen ja auch nicht, also versuche ich ihnen zu erklären, dass ich meine Ruhe möchte, aber es nicht an ihnen liegt und sie es nicht persönlich nehmen sollen. Genervt bin ich trotzdem, weil immer noch Kontakt gesucht wird.
Na ja, so sieht es jedenfalls aus, wenn ich Zuhause bin. Zur Zeit besuche ich eine Tagesstätte mit integrierter Kunsttherapie und habe noch einmal die Woche tiefenfundierte Psychotherapie bei einem Arzt der sich auf ADHS spezialisiert hat. Nur leider geht's in der Therapie irgendwie nie so richtig um mich, sondern immer um die Probleme, die ich mit meinen Mitmenschen habe. Weil ich mich ständig zu irgendetwas gezwungen fühle und sei es nun, einfach nur Sozialverhalten zu zeigen, um mich selbst nicht in Schwierigkeiten und Selbstvorwurfsdepressionen zu bringen.
Aber sobald ich mal in der Tagesstätte angekommen bin, legt sich bei mir irgendwie ein Schalter um und ich werde zu einem wuseligen Sonnenschein, deren gute Laune angeblich ansteckend ist. Auf einmal hab ich null Probleme damit, den anderen Leuten ein Loch in die Backe zu quatschen und bringe selbst eine Asberger-Bekannte dazu, laut 'Ich bin durch, lasst mich Arzt' durch die Bahnstation zu brüllen.
Zack bin ich mit Herz und Seele dabei, was auch immer wir so in der Tagesstätte an dem Tag so machen - ist auf jeden Fall immer kreativ! Der Geschirrspüler muss ausgeräumt werden? Wusch, bin ich in der Küche und reiße alles an mich, begleitet von liebevollen Lachern, denn so ist eben die Wolkenparty. Manchmal krieg ich nix mit, oder störe, oder bin ausversehen zu laut. Dann wird mit mir gemeckert als wäre ich ein Kleinkind und schwupps will ich alles stehen und liegen lassen und verduften. Am besten nach Hause und ab in eine Geschichte tauchen. Übel nehme ich das nie jemandem. Ich fühle mich da ansonsten gut aufgehoben und genommen, wie ich bin, halt mit all meinen Macken, auch wenn die eben manchmal nerven. Das kann ich gut verstehen.
Na ja, jedenfalls will ich damit wohl irgendwie sagen, dass ich keine Ahnung habe, wo ich eigentlich hin will und ob ich überhaupt irgendwo hin will. Aber wenn ich gar kein Ziel habe, auf das ich hinarbeite, um mich irgendwie gesellschaftlich anzupassen, fühle ich mich so andersartig, dass mein Ego schrumpft. Also egal, was ich jetzt beschließe, es fühlt sich nichts davon richtig an. Irgendwie will ich wollen. Ich tue es nur nicht. Meh.
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Maya18Max
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Re: Ich will ja wollen

Beitrag von Maya18Max » 6. Januar 2018 22:43

Hallo und herzlich willkommen bei uns,

leider ist nicht so viel los bei uns zur Zeit.

Deine Geschichte kenne ich in Ansätzen zu gut. Vor allem einfach zu Hause nix auf die Reihe bekommen und in Gesellschaft geht einem alles oder vieles einfacher von der Hand. Mittlerweile konnte ich mich sehr gut strukturieren mit ein paar Kniffs und Tricks und so klappt einiges doch ganz gut.

Schade, dass du die Dinge noch nicht zu Ende bringen konntest, die du wahrlich gut kannst. Es ist schwer dann das Lob dafür anzuerkennen und innerlich sich das auch einzugestehen. Auch das komt mir sehr bekannt vor. Doch mit den Medis und viel Infos über ADHS kann ich mittlerweile meine innere Mitte sehr gut gefunden (mal mehr mal weniger natürlich) und mein Selbstwert hat doch positives verbucht, das ich nicht mehr verdränge.

Nimmst du denn Medikamente für AD(HS)? Oftmals helfen diese erst sich auch die Tipps und Tricks und Therapien besser umzusetzen. Wenn das mit der Therapie so gar nicht gut klappt, vielleicht gibt es die Möglichkeit dass du dir einen Coach suchst, der dich irgendwie begleitet auch gerade im häuslichen oder bei deinen kreativen Arbeiten, der dir hilft dich zu strukturieren und ihr gemeinsam nach kniffs sucht, dass du deine Werke auch vollenden kannst, wenn DU ES MÖCHTEST und BEREIT DAZU BIST.

Ich wünsche dir, dass du an die richtigen Personen/Ärzte/Therapeuten kommst, die dir weiterhelfen auf deinem Weg.

LG Maya
Eine völlig Chaotische Familie:
Und immer geht es Berg und Tal, wie bei einer Achterbahn :mrgreen:
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Wolkenparty
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Re: Ich will ja wollen

Beitrag von Wolkenparty » 7. Januar 2018 00:35

Hallo du!

Danke für deine Antwort! Es ist gut zu wissen, dass ich zumindest bei den ADHSlern nicht die Einzige bin, die solche Probleme kennt.
Ich bin seit etwa 2 Jahren auf Medikinet adult retard eingestellt, 15mg morgens, 10mg mittags, dazu noch Venlaflaxin wegen gelegentlicher diffuser Angstattacken, die früher eine ausgewachsene Soziale Phobie waren (plus Depressionen).
Seitdem ich MPH nehme, geht mir bereits vieles leichter von der Hand. Es geht schon damit los, dass ich kaum noch Termine vergesse. Vorher war es so, dass ich mir teilweise zehn Minuten vor dem Losfahren zu einem Termin noch gesagt habe, dass ich gleich los muss und fünf Minuten später wusste ich nur noch, dass da irgendwas war. Keine Ahnung, ob das nun eine stark ausgeprägte Form von ADHS ist, oder nicht. Das Zuhause einbuddeln und stundenlang im Hyperfokus rumsitzen mache ich schon von der Kindeheit an. Das Problem ist wohl auch, dass mir das so gut gefällt und ich gar nicht stoppen will, wenn ich erst einmal angefangen habe.
Lange Zeit hatte ich auch trotz MPH auch noch arge Probleme mit der Organisation. Habe gefühlte 100 Kalender ausprobiert, plus Wecker stellen und pipapo. Bei den Kalendern habe ich dann entweder vergessen, Dinge einzutragen, oder vergessen, reinzuschauen was ansteht (also quasi vergessen dass sie existieren) und wenn mein Wecker bimmelte, wusste ich zwar, dass er mich an irgendwas erinnern sollte, aber nicht mehr, an was. Und wenn ich es dann wusste, war es mir manchmal dann doch zu egal, weil irgendetwas wieder wichtiger war.
Na ja, inzwischen habe ich die schmalen, langen Kalender für den Tisch für mich entdeckt. Der ist immer sichtbar anwesend, den kann ich nicht vergessen oder übersehen. Inzwischen schaffe ich es auch, mich öfter dazu zu bekommen, da auch was reinzuschreiben. Da fehlt wohl nicht nur ein Ordnungskonzept bei mir, sondern auch noch der Antrieb, oder wie siehst du das?
Oh und dann sind da noch so unangenehme Sachen, wie meiner Betreuerin meine neue Handynummer zu geben. Hier fliegen noch irgendwo zwei liebe Briefe von ihr rum mit der Bitte, mich doch mal zu melden und ich hab es immer noch nicht getan und hab keine Ahnung, wie ich mich selbst dazu kriegen soll, obwohl ich weiß, wie wichtig das eigentlich ist. Aber wie bei so vielen Dingen, die mit Pflichten zusammenhängen, bekomme ich es nicht gebacken. Und wie gesagt, ohne MPH war das nochmal ne Ecke schlimmer, also eigentlich ist der Schwierigkeitsgrad schon runtergesetzt, aber klappen tut es trotzdem nicht. Null Motivation, irgendwie.
Dann hat mein Arzt mal versucht, meine Dosis zu erhöhen und ich hab nicht mehr schlafen können, also wieder 5mg runter. Heißt wohl mit anderen Worten, dass meine Dosierung schon okay ist, wie sie halt ist.
Er ist ansonsten auch der Meinung, dass ich einen psychisch gesunden Eindruck mache. Ich kann ziemlich präzise meine Gefühle benennen und Zusammenhänge beschreiben. Offenbar fehlt es mir an Selbstwertgefühl, denn ich schätze meine Leistungsfähigkeit viel geringer ein, als mein Arzt. Deshalb hab ich auch eigentlich bei der Tageststätte angefangen. In erster Linie wollte ich wissen, ob ich das täglich 6 Stunden durchhalte, oder wie früher einfach wieder schwänzen gehe. Meine Fehltage waren bisher ziemlich überschaubar, aber mit zunehmender Zeit fange ich auch zunehmend an, an mir und meiner Wahrnehmung zu zweifeln, was aber wohl eher was mit meiner psychisch kranken Mutter zu tun hat, mit der der Kontakt zwischendurch etwas zu intensiv geworden ist.

Was für Kniffe hast du denn für dich gefunden, um dich selbst auszutricksen? Ich würde wirklich gerne mal was machen, was auch zu was führt, wenn ich Zuhause bin, aber sobald ich alleine bin, habe ich keine Lust mehr drauf :/
Meinem Selbstwert hat übrigens auch die Diagnose allein schon sehr gut getan. Habe sie ja erst vor 2 Jahren bekommen und im Nachhinein kann ich dadurch aufhören, mich wegen so vielen Dingen schlecht zu fühlen. Meine Depressionen kamen wohl auch daher, dass ich immer dachte, ich wäre unfähig und faul und krieg mich nicht hoch und kann selbst nichts dagegen tun, egal was ich versuche. Das erzeugt so eine Ohnmacht in einem, dass man sich sich selbst völlig ausgeliefert fühlt. Jetzt weiß ich, dass es gar nicht meine Schuld ist und dass ich nicht aus eigenem Versagen nichts hinbekomme. Das nimmt schon massig Druck raus
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