Neu hier - Probleme mit fast 4-Jährigem - Adhs?

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colcha
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Neu hier - Probleme mit fast 4-Jährigem - Adhs?

Beitragvon colcha » 22. Dezember 2017 22:20

Hallo liebe Community,

ich mache mir im Moment ganz viele Sorgen um meinen 3 Jahre und 10 Monate alten Sohn. Er ist schon immer verhaltensauffällig gewesen, allerdings mal mehr, mal weniger, so phasenweise. Ich weiß oft nicht mehr, wie ich mit ihm umgehen soll, obwohl ich eigentlich nicht so schnell an meine Grenzen komme. Sein Vater ist durch das Ganze noch mehr überfordert und redet das Problem klein. Sobald er nicht mehr klarkommt mit dem Kind schiebt er ihn auf mich ab. Unter anderem auch deswegen sind wir seit 5 Monaten getrennt.

Ich erzähle mal unsere Geschichte von vorne. Es könnte lang werden.
I. ist ein absolutes Wunschkind und wir haben lange für ihn gekämpft. Allerdings war unsere Beziehung aufgrund einer Depression meines Mannes zum Zeitpunkt seiner Geburt schon überschattet. Aber ich wollte kämpfen und habe gehofft, dass alles wieder gut wird (ich weiß, das sollte man nicht ...).
I. kam nach einer Traumschwangerschaft jedoch nicht zur Welt. Ich war 12 Tage über Termin, nichts tat sich. Aufgrund von schlechten CTGs und wenig Fruchtwasser wurde ich eingeleitet. Unter den Wehen wurde das CTG noch schlechter, Kaiserschnitt. Alles ging gut: Kind wohlauf, Mutter fast keine Schmerzen. Ich war glücklich. Das Stillen klappte gut, insgesamt habe ich 12 Monate gestillt. Das Kind war sehr vital, hob den Kopf in Bauchlage über mehrere Sekunden, schaute immerzu alles an. Das Problem war von da an, dass es nicht abschalten konnte oder sich auf sich zurück beziehen konnte und es somit überhaupt nicht in den Schlaf fand. Ich trug es fast pausenlos im Tragtuch. Da war es entspannt. Sobald es auf dem Boden lag, war es auf 100.000. Wackeln, stoßen, drehen, robben, krabbeln, sitzen, laufen. Alles ging ganz schnell. I. schrie nie, außer wenn er nicht mehr einschlafen konnte. Abends, bei Müdigkeit, drehte er nochmal komplett auf. Erst um 23.00 Uhr war Ruhe. In der Nacht pünktlich alle 40 Minuten wach. Das erste Jahr war ganz schlimm wegen des Schlafmangels. (Der Vater hat leider nicht wirklich geholfen). Mit 14 Monaten habe ich nicht mehr gekonnt und - Schande über mein Haupt - ein Schlafprogramm angewandt. Endlich hatte ich nachts Ruhe!

Deswegen wurde es tagsüber immer turbulenter. I. konnte bis zum 26. Lebensmonat zwar noch fast nicht sprechen, aber er kommunizierte sehr viel mit Gesten und Geräuschen. Er forderte immerzu unsere/meine Aufmerksamkeit. Auf Spielplätzen rannte er regelmäßig weg, er ging nie an der Hand, er beschäftigte sich nie alleine.Er war gleichzeitig sehr anhänglich und brauchte sehr viel Körperkontakt. Auch heute noch muss er in den Kiga getragen werden und muss zuerst auf den Arm der Erzieherin, bevor er sich in die Gruppe begibt.

Er entspannte eigentlich nur, wenn er festgebunden war (gepuckt, Kindersitz, Buggy, Tragetuch). Je mehr Fähigkeiten er erwarb, desto anstrengender wurde er. Er hörte überhaupt nicht und machte alles nach seinem Kopf. Als er 2 Jahre und 4 Monate alt war, kam sein kleiner Bruder auf die Welt. Das hat in emotional noch mehr destabilisiert. Er war sehr eifersüchtig, hat seinen Bruder gehauen und hat angefangen sehr stark zu provozieren. Er weiß genau, was er nicht tun soll, und dann tut er es mit Absicht, am liebsten mit Zuschauern.

Mittlerweile mag er seinen Bruder sehr und beschützt ihn vor anderen Kindern. Allerdings ist er noch immer sehr impulsiv. Ich habe immer das Gefühl: es überkommt ihn, etwas "Böses" zu tun, und er kann dem nicht widerstehen (Bruder umstoßen, Wasser auf den Boden kippen, mit dem Fahrrad in Maste oder Pfosten fahren, Lärm machen indem er in der Legokiste wühlt wie verrückt, im Auto absichtlich schreien ...).

Er kann sehr schlecht mit Regeln und Verboten umgehen, er diskutiert endlos und widersetzt sich jedem Verbot. Dabei wird er wütend und gerät komplett außer Kontrolle. Das stört mich insbesondere im öffentlichen Raum. Sage ich im Laden, er solle aufhören am Tresen zu klettern, macht er es doch. Unterbinde ich es, indem ich ihn festhalte (was ich fast nicht mehr schaffe), wird er wütend. Manchmal fängt er sogar an, Passanten gezielt einen Schlag zu versetzen oder sie anzurempeln. Ich schäme mich in Grund und Boden. Feste Strukturen und ein fester Platz in einer Gruppe helfen ihm, d.h. im Kiga ist er immer noch "lebendig", aber nicht so oppositionell und provozierend.

Auch ist er nicht ständig so schlimm. Er hat auch Phasen, in denen er fast normal ist. (Ich erkenne keine äußeren Faktoren, die die Phasen erklären könnten). Er braucht aber immer noch sehr viel Aufmerksamkeit.

Er selber ist aber nicht sehr aufmerksam. Er kann sich schlecht konzentrieren, puzzelt nicht, isst nicht ordentlich, weil er rumhampelt und nach ein paar Bissen sagt, er sei fertig und wieder aufsteht. Er malt ein paar Striche, dann verliert er die Lust. Er fängt alle drei Minuten eine neue Aktivität an.

Außerdem spricht er pausenlos, oft aber sinnloses Zeug (über Flugzeuge, die dem bösen Wolf standhalten und die deswegen "Haber" - erfundenes Wort - haben und ähnliche rein assoziative Geschichten). Er ist emotional sehr sensibel (er reagiert sehr stark auf Zurückweisungen, auch nur sehr kleine), körperlich kennt er keinen Schmerz.
Er schläft sehr viel (nachts 11-12 Stunden, tags 2-3 Stunden), wohl weil er sich körperlich und emotional so verausgabt.

Ich war mit ihm schon bei einem KJP, der hat aber keine Diagnostik gemacht, sondern ist eher auf die Familiengeschichte eingegangen. Wie gesagt, wir sind auf keinen Fall die Traumfamilie, aber auch nicht die totale Katastrophe. Ich bin konsequent, liebevoll, bedürfnisorientiert. Manchmal vielleicht etwas zu streng. Ich mache vielleicht zu viel Druck, weil ich so sehr auf eine Verhaltensänderung hoffe. Ich möchte nicht als diejenige gelten, die ihr Kind nicht erziehen kann oder ein A.kind großzieht. Der Vater ist auch sehr lieb, aber eher abwesend und nicht so stabil. Er war dem Kind nie ein Fels in der Brandung. Auch unsere Trennung ist sicher kein Glücksmoment für I., aber ich denke, dass ihn der anwesend-abwesende Vater mehr verunsichert hat als der tatsächlich abwesende. Insgesamt zweifle ich daran, dass unsere "schlechte" Familie der (alleinige) Grund für Is Auffälligkeiten sind. Vielmehr denke ich, dass einige unserer "schlechter" Reaktionen Is Auffälligkeiten verstärken oder ihnen noch ein weiteres Problem hinzufügen (etwa dass er merkt, dass er durch zerstörerische Aktionen Macht über uns/unser Verhalten hat, was ihn natürlich noch mehr verunsichert). Kurz: mit dem KJP hat es nicht gepasst.

I. macht außerdem SI-Ergo, was ihn kurzzeitig runterbringt, aber ob die Erfolge langfristig sind??Die Therapeutin hat sich bezüglich einer Diagnose (noch) nicht geäußert.

Heute war wieder ein ganz schlimmer Tag. Ich habe ihn ins Bett verfrachtet ohne Geschichte, Tür zu, konnte ihn nicht mehr sehen :-(( Total schlechtes Gefühl.Ich liebe ihn so sehr, aber ich ertrage ihn manchmal nicht mehr. Manchmal wäre ich froh, um die Adhs-Diagnose; sie würde mich vielleicht entlasten ...

- Was denkt ihr? Typische Adhs-Geschichte? Oder doch etwas anderes?
- Wie soll ich mit ihm umgehen, wenn er ausrastet und nicht mehr kontrollierbar ist?
- Ist eine Adhs-Diagnostik in dem Alter schon möglich?
- Was hilft? Welche Form von Therapie?
- Denkanstöße?

Vielen Dank, falls ihr bis hierhin gelesen habt. Ich bin unendlich dankbar für jede Antwort oder für Denkanstöße jeder Art!!!
ADHDgoesto11
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Re: Neu hier - Probleme mit fast 4-Jährigem - Adhs?

Beitragvon ADHDgoesto11 » 23. Dezember 2017 10:09

colcha hat geschrieben:- Was denkt ihr? Typische Adhs-Geschichte? Oder doch etwas anderes?


In der Beschreibung stecken einige Dinge, die ADHS alleine nicht so einfach erklären kann. Die Frage wäre in dem Fall nicht "ADHS oder etwas anderes?" sondern "ADHS und was zusätzlich?".

Der Besuch beim KJP klang nicht so, als ob dieser Arzt besonders engagiert ist. Offensichtliche Verhaltensprobleme können auch mit drei Jahren schon diagnostiziert werden - unser Sohnemann hatte seine ersten Diagnosen mit drei, die seither nur verfeinert wurden - und man kann auch in dem Alter schon mit einer medikamentösen Behandlung beginnen, wenn die Probleme schwerwiegend genug sind (bei unserem Sohnemann war es so).

Tochter *2007 ... ADHS
Sohn *2005 ADHS+Autismus
Elchi
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Re: Neu hier - Probleme mit fast 4-Jährigem - Adhs?

Beitragvon Elchi » 23. Dezember 2017 13:45

Hallo Colcha,

ich finde durchaus, dass das ADHS sein könnte. Ob da noch mehr dahinter steckt, kann ich nicht beurteilen (also auch nicht ausschließen).
Eine Diagnose in diesem Alter zu bekommen ist sicher nicht einfach, besonders, wenn die Familienverhältnisse so sind, wie sie nun mal sind. Meiner Meinung nach ist das Verhalten zwar dadurch möglicherweise verstärkt, aber sicher sind die Verhältnisse nicht Ursache. Vielleicht sind sogar die Verhältnisse Folge des Verhaltens des Kindes?
Gerade Kinderpsychologen sehen das aber sicher gerne anders.

Ihr solltet versuchen, einen Termin bei einem echten ADHS-Spezialisten zu finden. Das können Kinderpsychiater oder auch spezialisierte Kinderärzte sein, auf jeden Fall "echte" Ärzte (Psychologen sind in der Regel keine Ärzte und natürlich bestätigen auch hier die Ausnahmen die Regel :) ). Aber auch unter Ärzten gibt welche, die der Meinung sind, es gäbe kein ADHS. Also aufpassen ;)

Es gibt im Forum eine Arztsuche-Seite. Dort kannst Du die ersten beiden Postleitzahlen angeben, dann bekommst Du brauchbare Ärzte in Deiner Nähe genannt. Für einen guten Arzt lohnt sich aber auch, mal einen weiteren Weg in Kauf zu nehmen. Mit der Diagnose kann man dann in der Nähe eine Weiterbehandlung bekommen.

Lies' Dich durch das Forum, da bekommst Du ein Gefühl dafür, dass Du nicht alleine bist. Und, je nach dem, wie Dein Umfeld so drauf ist, erzähle lieber nicht, dass du den Verdacht auf ADHS hast. Es gibt leider immer noch sehr viele Menschen, die die "Schuld" den Eltern in die Schuhe schieben. Bei ADHS ist das absolut nicht der Fall.

LG
Elchi
Falschparker
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Re: Neu hier - Probleme mit fast 4-Jährigem - Adhs?

Beitragvon Falschparker » 30. Dezember 2017 22:26

Hallo Colcha,

liest du denn hier noch? Dieses Forum ist leider nicht sehr gut besucht in letzter Zeit, das tut mir leid.

- Was denkt ihr? Typische Adhs-Geschichte? Oder doch etwas anderes?
- Wie soll ich mit ihm umgehen, wenn er ausrastet und nicht mehr kontrollierbar ist?
- Ist eine Adhs-Diagnostik in dem Alter schon möglich?
- Was hilft? Welche Form von Therapie?
- Denkanstöße?


Ich will einer Diagnose nicht vorgreifen, aber ja, es ist eine typische ADHS-Geschichte. Das fängt mit der begrenzten Geduld beim Vater an (denn ADHS vererbt sich, und Depression ist eine häufige Komorbidität v. A. bei unbehandelten Betroffenen), das geht weiter bei den sehr einschlägigen Kleinkindsymptomen ("je mehr Fähigkeiten er erwarb, desto anstrengender wurde er"), der Impulsivität, dem Provozieren und dem endlosen Diskutieren.

Wie sollst du reagieren? Absichern, dass deinem Kleinen, dir und ihm selbst nichts Schlimmes passiert und Abwarten bis es vorbei ist. Und selbst in solchen Momenten nicht diskutieren, das bringt gar nichts. Und vor allem immer wieder daran denken: Er macht das nicht um euch zu ärgern, er will ganz bestimmt nicht so sein.

Man kann offiziell ADHS ab 6 Jahren diagnostizieren, aber nach Auffassung der meisten Experten ist auch schon ab 4 Jahren eine einigermaßen zuverlässige Einschätzung möglich. Und wenn es so extrem ist wie bei deinem Jungen, dann wäre es auch falsch, mit einer medikamentösen Behandlung bis zum 6. Geburtstag zu warten. Aber eine/n KJP zu finden, die/der sich darauf einlässt, ist nicht immer einfach.

Ergotherapie ist sicher gut. Nicht wegen "langfristiger Erfolge", sondern einfach weil dein Sohn dadurch positive Aufmerksamkeit kriegt und Erfolgserlebnisse hat, das allein ist schon sehr viel wert.

Und was Elchi schreibt, möchte ich auch unterstreichen: Vermeide das Thema ADHS bei Gesprächen außerhalb der Kernfamilie. Also Omas, Tanten oder Erzieherinnen haben dazu sicher alle eine Meinung, aber die willst du gar nicht wissen, weil diese Meinung mit deinem Kind vermutlich nichts zu tun hat. Besprich die Sache mit einem ADHS-kundigen Arzt und niemand Anderem. Na gut, mit dem Vater auch, falls dieser einer Behandlung zustimmen muss, lässt es sich ja nicht vermeiden. Aber sonst nur mit Leuten, die ebenfalls betroffen sind oder ein betroffenes Kind haben. Denn man macht sich nur angreifbar, das Thema ist leider sehr verrufen.

Ich selbst habe meine ADHS an beide Kinder vererbt. Mein großer Sohn wurde behandelt, seit er 5 1/4 war, der Kleine dann mit vier. Und es war nicht zu früh und es hat beiden nicht geschadet. Also genauer gesagt wir waren mit mit dem Kleinen bei der KJP als er 4 Jahre und drei Monate war, sie hat natürlich erst einmal beobachtet wie es nur mit Ergo und Logopädie geht, und Medikamente kriegt er seit er vier Jahre und sieben Monate ist, aber nur wie sie sagt auf unseren ausdrücklichen Wunsch. Wir hatten keine Bedenken, weil unsere Erfahrungen mit ADHS-Medikamenten bei unserem Großen und auch mir selbst ausschließlich positiv waren bzw. sind.

Kleine Kinder brauchen meist eine erstaunlich kleine Dosis, lieber länger beobachten als zu schnell steigern!

ADHS-Kinder brauchen viel Liebe und Ermutigung. Und dass dein Kleiner nicht zu kurz kommt, ist natürlich auch wichtig. Ich könnte mir das alleinerziehend gar nicht vorstellen, aber du kannst es dir ja leider nicht aussuchen.

Speziell was Kinder betrifft sind die Bücher von Cordula Neuhaus sehr augenöffnend.
http://www.menschen-mit-adhs.de/allgeme ... dhs/797-2/

Das Tragetuch haben beide Kinder total geliebt! :wedeln:

Viele Grüße und alles Gute
Falschparker

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