ADHS und Gymnasium Bayern

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lausmaus3
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ADHS und Gymnasium Bayern

Beitragvon lausmaus3 » 25. Oktober 2017 00:09

Hallo Zusammen,

Sohnemann ist jetzt 5. Klasse Gymnasium. Er wollte da unbedingt hin, hatte in der vierten Klasse ein Zeugnis nur mit 1 und 2er. Wir hätten Ihn auch auf die Realschule geschickt, seine Grundschulleherin war sich auch nicht sicher, ob es gut gehen wird. Nach nur rund 7 Wochen Gymnasium habe ich den Eindruck , er ist total überfordert.

Jeder Hefteintrag ist unvollständig und/oder unleserlich und muß nachbearbeitet werden. Die Hausaufgaben sind auch oft falsch, sie arbeiten mit Wochenplänen, da ist auch ständig extem viel falsch. Die Kinder sollen vieles mit Selbstkontrollen überprüfen, klappt aber gar nicht, oft sind Sachen "abgehakt" ,die dann falsch im Heft sind. Noten gibt es kaum, es werden in den meisten Fächern nur 2 Schulaufgaben pro Halbjahr geschrieben. Eine 5 in Englisch hat er schon (ist eigendlich eine 6, Lehrer hat zu seinen Gunsten korrigiert...). Wir sitzen täglich (also 7 Tage die Woche) stundenlang an den schriftlichen Aufgaben, bzw. dem Lernen für die einzelnden Fächer. In Englisch hat er bereits Nachhilfe, weil er überhaupt nicht mitkommt und die Gefahr droht, das er in dem Fach komplett abschaltet. Klar, kann man argumentieren, wir haben ja noch fast keine schlechten Noten, aber ich sehe halt die Überforderung. Sport, der ja eigendlich ganz wichtig ist, fällt jetzt schon teilweise aus, weil wir einfach nicht fertig werden. Problem auch, sobald ich nicht im Zimmer bin, macht Sohnemann gar nichts mehr an Hausaufgaben, und wenn ich seine Schwester irgendwohinfahren muss, stellt er sofort den TV an, oder sucht sich unser Tablett etc. statt weiterzuarbeiten.

Wir sind denn Eure Erfahrungswerte. Ist das normal in der 5.Klasse, das die Umstellung einfach dauert, oder sollte ich bereits jetzt an einen Schulwechsel denken? Muß dazu sagen, die Sprengel- Realschule ist überfüllt, und man muß da sehr frühzeitig Bedarf anmelden, um eine Chance zu haben. Allerdings weiß ich von der Realschule auch, wie hoch der Anspruch da ist und befürchte, da wäre er auch überfordert. LG lausmaus
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Maya18Max
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Re: ADHS und Gymnasium Bayern

Beitragvon Maya18Max » 25. Oktober 2017 10:24

Hallo,

das hört sich fies an.

Nimmt dein Sohn denn Medikamente? Besucht er Therapien bzw hat er eine Teilleistungsstörung (LRS oder Rechenschwäche) bzw wurde das ausgeschlossen? Vielleicht konnte er bisher seiner Intelligenz entsprechend viel kompensieren. Oft kommen Teilleistungstörungen erst später ans Licht.

Ich finde seltsam, dass die Lehrerin bei Noten von 1 und 2ern Zweifel am Gymnasium hat. Wurde tatsächlich objektiv bewertet? Problematisch sind für ADHSler eben auch das selbstständige Lernen/Organisieren/Strukturieren. Hatten sie Wochenpläne nicht in der Grundschule? Wie ging er da damit um?

Realschule kann, je nachdem wie das Konzept ist auch in die Hose gehen. Renommierte Fachleute raten bei uns von der Gemeinschaftsschule ab. Da hier selbstbestimmt gelernt wird. Ein Kind, das stände Selbstzweifel (ADHS lässt grüßen), wird sich hier grundsätzlich für die falsche Leistungsstärke entscheiden. Oft wird der Unterricht sehr offen gehalten, was ebenso zum Nachteil ist. Unsere Kinder brauchen eher den Frontalunterricht, der am ehesten im Gymnasium der Fall ist.

Alles Gute und LG Maya
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ripley
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Re: ADHS und Gymnasium Bayern

Beitragvon ripley » 25. Oktober 2017 12:48

Maya18Max hat geschrieben:das hört sich fies an.

Nimmt dein Sohn denn Medikamente? Besucht er Therapien bzw hat er eine Teilleistungsstörung (LRS oder Rechenschwäche) bzw wurde das ausgeschlossen? Vielleicht konnte er bisher seiner Intelligenz entsprechend viel kompensieren. Oft kommen Teilleistungstörungen erst später ans Licht.


Das wären auch meine Fragen gewesen.

Ansonsten: Bitte koppele dich DRINGEND mit den Lehrern rück und lass dir deren Sicht schildern. Manches, was wir Eltern schon als Katastrophe sehen, ist in den Augen der Lehrer weit weniger dramatisch - oder umgekehrt. Und, ja, viele Kinder kämpfen mit dem Übertritt auf die weiterführende Schule. Wie stark das ausfällt, das differeriert aber.

Euer Nacharbeits- und Lernpensum ist m.E. VIEL zu hoch, auch wenn ich (vermutete, wir sitzen in RLP) "bayrische" Maßstäbe versuche anzusetzen. Bitte auch hierzu mit den Lehrern sprechen. Unleserliches "nachschreiben" lassen ist extrem demotivierend. Muss das WIRKLICH sein (Lehrer fragen!)? ADHSler HABEN oft eine wahre Sauklaue. Die Frage ist, ob man wirklich neu schreiben lassen muss, oder ob das "noch so durchgeht".

Wochenpläne etc. ...puh, ja, daran geht der ADHSler regelmäßig zugrunde. Mein eigener war damit in der Unter- und großteils auch Mittelstufe völlig überfordert. Also habe ICH das häusliche Strukturieren übernommen: heute dies, morgen das, übermorgen jenes, Stück für Stück beißen wir uns durch.

Sobald ich nicht im Zimmer bin, macht Sohnemann gar nichts mehr an Hausaufgaben, und wenn ich seine Schwester irgendwohinfahren muss, stellt er sofort den TV an, oder sucht sich unser Tablett etc. statt weiterzuarbeiten.

Nunja, kann man es ihm verdenken? Wenn er zusätzlich zum vormittäglichen Unterricht nachmittags UND am Wochenende noch "Stunden" weiter "Schule" hat? Wenn sogar der Sport ausfallen muss? Wieviel Zeit hat er noch für Dinge, auf denen NICHT "Schule" steht?


Vorschlag:
- Medikation zusammen mit dem Arzt überprüfen bzw. falls nicht vorhanden, ggf. anleiern.
- Parallel Gespräche mit den Lehrern, ob (!) und wo es aus IHRER Sicht hakt (s.o.)
- Häusliches Pensum DEUTLICH runterfahren, reduzieren auf das wirklich Wesentliche und Unumgängliche. Mit klarer Zeitvorgabe ("Jetzt machen wir eine halbe Stunde XYZ") Was immer dann nicht fertig ist, ist eben nicht fertig. Vermerk an den Lehrer und aus die Maus!
- In dieser Zeit DABEI BLEIBEN! Wenn er sich alleine nun mal nicht konzentrieren kann, ... tja, dann musst du wohl erst mal noch dabei bleiben, oder? Weggehen und sich dann aufregen, weil es nicht klappt - nützt nichts.
- Wieder Zeit für Spaß, Sport und Spiel schaffen. DRINGEND!
- Ich hatte lange Zeit eine Postkarte an meinem Monitor kleben "Hast du dein Kind heute schon gelobt?" - Jeden, wirklich JEDEN Tag für etwas loben, das gelungen ist. Und möglichst viel von der Kritik, die du normalerweise anbringst (du hast xyz ja schon wieder nicht fertig, nicht schön geschrieben, falsch gemacht ...) RUNTERSCHLUCKEN! Du bist die Erwachsene, du kannst das eher wegstecken als der Zwockel. (Im Vertrauen, das war für mich das Schwerste. WEIL ja so vieles suboptimal, genauer gesagt: anders lief, als ich das für richtig befunden hätte)

Und, alle Beide: Kopf hoch
Schule kann anstrengend sein, ja. Aber sie sollte auch Spaß machen (dürfen). Besonders bei noch jungen Kindern (meiner ist fast 20, da wirkt 5. Klasse sehr klein)
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Re: ADHS und Gymnasium Bayern

Beitragvon lausmaus3 » 25. Oktober 2017 21:34

Hallo Zusammen,

erst mal zu Euren Fragen. Ja, unser Sohn nimmt bereits seit seinem fünften Lebensjahr Medikamente. Wir haben fast alle Medis mal ausprobiert, die es auf dem Markt gibt. Leider reagiert er atypisch und verstoffwechselt selbst Retardpräparate in 4 Stunden. Das Nachnehmen in der Schule hat in der Grundschule nicht geklappt, deshalb wurde in den Sommerferien auf ein ganz neues Medikament umgestellt, Intuniv, das soll länger wirken, tut es aber auch nicht wirklich. Fazit: Die Medikation ändert sich grade ständig, weil die Ärztin ausprobiert. Es gibt ja keine wirkliche Rückmeldung der Lehrer hinsichtlich der Konzentration, und es ist schwierig zu beurteilen, ob Überforderung, Umstellung auf 5. Klasse oder eben fehlende Medi- Wirkung Ursache dafür sind, das es nicht läuft.

Teilleistungsstörungen sind ausgeschlossen, Intelligenz ist normal bis überdurchschnittlich in Teilbereichen. Die Lehrer meinen bisher, er sei richtig an der Schule und sei motiviert. Ja, in der Grundschule gab es Wochenpläne und er hatte eine der besten Lehrerinnen der Schule, mit viel Berufserfahrung,die den Kindern nicht geschenkt hat und die bekanntermaßen super aufs Gymnasium vorbereitet. Er hat im Arbeitsverhalten in der Grundschule eine 2 gehabt, er mußte zwar immer wieder "angeschuppst" werden, hat dann aber seine Sachen gemacht. Jetzt im Gymnasium mit 31 Kindern "schuppst" ihn halt niemand, und wenn er was nicht macht, fällt es gar nicht auf bisher. Klar, zuhause helfe ich ihm, so gut es geht, aber mit einem weiteren Kind in der vierten Klassen mit dem üblichen Probenmarathon, gibt es zeitliche Grenzen. Eurer Vorschlag, abzubrechen, wenn es zu lang dauert, führt das nicht dazu, das er nicht mehr mitkommt? Die häuslichen Aufgaben dienen ja dazu, den Lernstoff der Schule zu vertiefen.

Wie lange dauert es denn erfahrungsgemäß, bis die Kinder " angekommen" sind in der neuen Schule bzw. wann erkennt man wohl, ob die Schule die richtige ist?

LG lausmaus3
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Re: ADHS und Gymnasium Bayern

Beitragvon ripley » 26. Oktober 2017 10:04

lausmaus3 hat geschrieben:Eurer Vorschlag, abzubrechen, wenn es zu lang dauert, führt das nicht dazu, das er nicht mehr mitkommt? Die häuslichen Aufgaben dienen ja dazu, den Lernstoff der Schule zu vertiefen.

Wie lange dauert es denn erfahrungsgemäß, bis die Kinder " angekommen" sind in der neuen Schule bzw. wann erkennt man wohl, ob die Schule die richtige ist?


Zunächst zu deiner zweiten Frage: Hier in RLP gilt die Unterstufe (5. und 6.) als "Orientierungsstufe". Und, ja, die sieben/sortieren danach aus. Werden die Bayern nicht so viel anders machen. Aber sich nach knapp zwei Monaten schon komplett verrückt zu machen, zumal die Lehrer ja offenbar weit weniger Drama sehen, das ist m.E. verfrüht und kontraproduktiv.
Oh, falls er es wirklich nicht schaffen sollte (was ich derzeit wirklich nicht implizieren will): Runter vom Gymnasium geht immer, aber von einer der anderen Schulformen RAUF aufs Gymnasium, das ist erheblich schwieriger.

Zu deiner ersten Frage: Nunja, erst mal führt es - hoffentlich - dazu, dass er mal wieder Kind, Zehnjähriger sein kann und nicht nur "Schul-Arbeiter". Und, puh, ja, ... und? Ja, Lehrer legen Wert auf Hausaufgaben. Zu Recht. Aber es muss doch machbar und im Maß bleiben.Und wenn es nicht in vernünftiger Zeit zu schaffen ist, dann müsst ihr Mut zur Lücke haben und euch auf das konzentrieren, was tatsächlich Mühe macht, noch nicht verstanden ist. Was er eh kann, wird dann halt runtergefahren. Nochmal: Nicht, um faul zu sein, sondern, um dem Kind die nötige Luft zum Leben zu verschaffen.

Wenn er zum Beispiel - Achtung ich unterstelle! - ADHS-bedingt Matheaufgaben nur langsam zu Papier bringt (also vom reinen Schreibvorgang her!), muss man dann 72 Brüche der gleichen Art rechnen lassen? Oder tun es nicht auch 10, die er aber vom Verständnis her mühelos meistert? Haken dran, Mama-Kommentar drunter, nächstes Fach!

Dem Kind helfen, heißt auch die eigene (es ist DEINE) Panik bzgl. seiner "Zukunft" soweit zu zügeln, dass sie nicht aufs Kind durchschlägt. Die Welt geht nicht unter von einem verhauenen Englisch-Vokabeltest! Schon gar nicht, wenn das Vokabellernen ausfiel, weil man am Vortag mit Freunden auf Tour war.

Überleg mal!
Ihr habt G9, ja? Und By gilt als nicht so irre einfach in der Gymnasialausbildung. Aber ... soll der Kleine sich tatsächlich die nächsten neun Jahre (NEUN! JAHRE!) so quälen wie jetzt? Die Anforderungen werden auf dem Weg zum Abi ja nicht geringer, die werden höher. Ich finde, er packt es entweder mit vertretbarem (!) Aufwand, oder es ist wirklich besser, wenn er nächstes oder übernächstes Jahr die Schulform wechselt.
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Re: ADHS und Gymnasium Bayern

Beitragvon lausmaus3 » 26. Oktober 2017 21:28

Hallo Ripley,

danke für Dein ausführliches Statement noch mal. Ja, ich glaube, ich muß da gelassener rangehen. Und ich kann alles unterschreiben, was Du sagst. Ich muß da wohl an MIR arbeiten. Bin froh, das ich mal eine andere Sichtweise von der Situation bekomme.

LG lausmaus3
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Re: ADHS und Gymnasium Bayern

Beitragvon ripley » 27. Oktober 2017 10:13

lausmaus3 hat geschrieben:danke für Dein ausführliches Statement noch mal. Ja, ich glaube, ich muß da gelassener rangehen. Und ich kann alles unterschreiben, was Du sagst. Ich muß da wohl an MIR arbeiten. Bin froh, das ich mal eine andere Sichtweise von der Situation bekomme.


Lausmaus, glaub mir, ich verstehe dich voll und ganz.
Und rückblickend hätte ich mir wirklich gewünscht, ein bisserl mehr von dem, was ich dir hier ausführlich geschrieben habe, selbst damals gelebt zu haben. Aber natürlich war ich auch viel zu lang viel zu verkrampft und zu verbissen. :roll:

Findet für EUCH raus, wie die richtige Balance zwischen Pflicht und Freizeit aussieht. Die Sache soll ja auch ein bisserl Spaß machen. Dann ist das mit dem Lernen auch nimmer ganz so zäh. Und ... wenn ich noch einen Vorschlag machen darf? Mindestens einen Tag am WE komplett "schulfrei".

Viel Erfolg!
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Maya18Max
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Re: ADHS und Gymnasium Bayern

Beitragvon Maya18Max » 27. Oktober 2017 12:58

Hallo,

leider habe ich keine Zeit länger noch mal auf den neusten Stand zu kommen.

Was mir jedoch einfiel. Je mehr Druck erzeugt wird, desto mehr Gegendruck kommt in der Regel.

Wir lassen ihn komplett (so gut es eben meine Mutterseele über das Herz bringt) alleine machen. Ich mach ihn auf die ein oder andere Sache aufmerksam was Schule betrifft. Ich biete auch das gemeinsame Lernen an. Breche es aber definitiv ab sobald gemotze, gemaule, beschimpfungen oder sonstiges stattfinden. Auch auf "dummstellen" oder Diskussionen/Erpressungen gehe ich nicht ein. Ich kündige es einmal, evtl zweites mal an. Gut is. Leider müssen sie den Rest selbst lernen, auch wenn das länger dauert, als bei Normalos.

Bezüglich Medikation; hattet ihr Elvanse auch schon? Dosishöhe ist korrekt? Kann ja auch in der Pubertät sich verändern. (sorry wenn ich es je schon geschrieben hätte)

LG und viele Nerven,
Maya
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Re: ADHS und Gymnasium Bayern

Beitragvon Hanghuhn » 28. Oktober 2017 10:24

Hallo lausmaus3,

als Mutter eines intelligenten Kindes (leichtes ADHS mit Medikamentenverweigerung, hochsensibel), das an einem bayrischen Gymnasium "sitzen geblieben" ist, möchte ich Dir hier auch mal schreiben. Die Grundschullehrerin hatte einen sehr guten Blick auf Deinen Sohn. Es wird gemunkelt, dass vor allem Jungs, die das Zeug fürs Gymnasium haben, oft besser auf der Realschule aufgehoben sind. Ob das aber auch für AD(H)Sler gilt, weiß ich nicht. Außerdem sind alle bayrischen Schulformen vor allem auf gute Organisationsfähigkeit der Schüler fixiert.

Als vonseiten der Lehrer laut darüber nachgedacht wurde, mein Kind an die Realschule wechseln zu lassen, habe ich (leicht naiv, aber im Nachhinein bestätigt) gesagt, das Kind sei an der richtigen Schule, was von den Lehrern mit Augenverdreher-Blicken quittiert wurde. Für das Kind war das Sitzenbleiben ein großes Problem, wir hatten Befürchtungen, dass es noch einmal sitzen bleiben wüde, weil die Motivation im Keller war. Es hatte sich aber nach zwei Jahren "aufgerappelt". Auch wenn mir das bayrische Schulsystem in einigen Punkten total widerstrebt, mein Kind hat es geschafft und studiert jetzt.

An allen bayrischen Schulformen muss man sehr viel lernen. Auch die Hauptschüler haben ein ganz erkleckliches Lernpensum. Ob jemand den Paukstoff verstanden hat, spielt vor allem am Gymnasium eine eher zweitrangige Rolle. Hauptsache war, dass die Noten stimmten, Was nicht immer und in jedem Fach bedeutete, dass der Stoff verstanden wurde. Es wurden Methoden gepaukt, ohne das Verständnis dafür, warum die Methode der richtige Weg ist, zu fördern. Was man nicht verstanden hat, muss man sinnlos pauken, das wird inkauf genommen.

Ich hatte sehr gute Lehrer erlebt, denen es trotzdem nicht egal war, ob die Kinder den Stoff verstanden hatten. Ich hatte aber das Gefühl, dass das vor allem ihr eigener Anspruch an sich selbst war. Ich hatte auch ausgesprochen arrogante Lehrer erlebt, die "schlechte" oder unorganisierte Schüler (halt zu doof) einfach fallen ließen.

Mein Kind hatte auch eine Begegnung der dritten Art: mit einem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unbehandelten ADHS-Mathematiklehrer, der auch den dritten Lösungsweg für ein und dieselbe Aufgabe von der Tafel abwischte (weil falsch) und einen erneuten Lösungsweg anbot. An bayrischen Gymnasien wechseln laufend die Lehrer, mehr als zwei Jahre sollte eine Klasse einen Lehrer nicht in ein und demselben Fach haben. Der Mathelehrer blieb meinem Kind auch nach den zwei Jahren erhalten (MINT-Lehrermangel).

In Bayern wird schon in der Unterstufe darauf gedrungen, die Schulart zu wechseln, wenn ein Kind Schwierigkeiten hat. Das hat auch seinen Grund. In den ersten beiden Jahren fällt den Kindern der Wechsel an eine Realschule relativ leicht. Später wird es zunehmend schwerer für die Kinder, weil die Unterrichtsmethoden am Gymnasium und an der Realschule sehr unterschiedlich sind und weil es an der Realschule zunehmend Fächer gibt, die es am Gymnasium nicht gibt, so dass ehemalige Gymnasiasten starke Anpassungsprobleme haben. Sie müssten dann, obwohl sie in einigen Fächern viel weiter sind, ein Jahr wiederholen, oder sie werden an die Hauptschulen "weitergereicht". Für die Kinder ist das bitter.

Allerdings sind an bayrischen Gymnasien die ersten beiden Jahre die schwersten. Ich habe noch nie verstanden, wie man sehenden Auges einem zehnjährigen Kind so eine Vielzahl an Wechseln zumuten kann. Im Allgemeinen haben sich die Kinder nach den ersten beiden Jahren an das Anforderungsniveau angepasst.

Mein Kind ist jetzt erwachsen, hat Freunde aus anderen Bundesländern und tauscht sich gern mit ihnen über das erlebte Schulwesen aus. Sein Fazit: Die anderen hatten es leichter, weil sie nicht so viel pauken mussten.

Es gibt kaum ein Kind, das beim Übertritt an ein bayrisches Gymnasium keine Probleme hat. Die Lehrer kennen das und reagieren erstmal gelassen auf die Schwierigkeiten der Kinder. Gerade Kinder, die es in der Grundschule leichter hatten, tun sich schwer damit, dass der bisherige Aufwand (gegen 0 laufend mit Noten: 1en und 2en) so gar nicht mehr reichen will (war bei meinem Kind so, kenne ich aber auch aus den Gesprächen mit Eltern anderer Kinder). Gerade dieser Umstand ist an bayrischen Gymnasien besonders arg.

Dem, was ripley schrieb, schließe ich mich an. Wenn Dein Sohn, ohne Deine oder schulische Konsequenzen zu fürchten, einfach nicht mehr weitermacht mit Schule, sobald er allein ist, dann ist er nicht faul oder frech. Er nimmt sich einfach die Entspannung, die er dringend braucht.

Die Entscheidung, mein Kind am Gymnasium zu lassen, habe ich nie bereut, ist auch von meinem Kind im Nachhinein positiv bewertet worden. Ob ich das "Sitzenbleiben" hätte verhindern können, weiß ich nicht. Ich hätte ihm diese Erfahrung gern erspart, ein Wechsel an die Realschule wäre die beiweitem schlechtere Entscheidung gewesen.

Mein Kind war und ist schon sehr speziell. Die Art Schule, wie sie in Deutschland angeboten wird, war wohl nichts für mein Kind. Das letzte Schuljahr verbrachte es an einem Privatgymnasium, das nach Angaben meines Kindes die effektivste Unterrichtsszeit (eher weniger Stunden, mit motivierten Lehrern) an allen Gymnasien bot.

Ich glaube nicht, dass es angebracht ist, Deinen Sohn vom Gymnasium zu nehmen. Er ist intelligent, es ist die richtige Schulform für ihn.
LG Hanghuhn
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Re: ADHS und Gymnasium Bayern

Beitragvon lausmaus3 » 28. Oktober 2017 21:29

Hallo Maya,

ja Elvanse hatten wir auch schon. Passte auch nicht. Die richtige Medikation und die richtige Dosierung zu finden, ist megaschwer. Momentan sind wir bei Intuniv 2 mg + Kinekteen 36 mg.

Hallo Hanghuhn,
interessant, was Du schreibst. Wir werden jetzt mal abwarten. Hatte heute auch ein Gespräch mit meiner Freundin (Psychologin in einem Integrationshort) und die hat auch gemeint, abwarten. Sie kennt meinen Sohn ja bestens und bestätigt, was Ihr alle so geschrieben habt.

Danke das Ihr hier schreibt und antwortet und andere an Euren Erfahrungen teilhaben lasst.

LG lausmaus3

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