Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Dieses Board ist auch für Gäste sichtbar!
Antworten
Turbine91
Forummitglied
Beiträge: 2
Registriert: 11. April 2016 18:04

Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von Turbine91 » 11. April 2016 18:47

Schönen juten Tag!

Heute beschäftigt mich aus eigener Betroffenheit heraus die Frage, ob man als ADHSler rein ohne MPH, Nikotin, Alkohol etc. klar kommen kann oder ob diese Abstinenz unmöglich ist....

Ich selbst bin ein seit der Kindheit diagnostizierter ADHSler, wurde lediglich nur zu Grundschulzeiten sehr gering dosiert mit MPH behandelt.
Ab der Realschule wurde mir es nicht mehr verabreicht. Was folgte, war eine Schullaufbahn mit Höhen und vor allem auch sozialen Tiefen, die jedoch letztendlich mit einem guten Abi-Zeugnis endete.

Bis zum 15.Lebensjahr habe ich auch weder Nikotin noch Alkohol konsumiert.
Ungefähr ab 18 wurde ich zum "richtigen" Raucher, teilweise mit Tendenzen zum Kettenrauchen
Mit 22 kam ich intensiver mit Cannabis in Verbindung, dessen Konsum eine Zeit lang regelmäßig war, heutzutage nur noch gelegentlich. Seit dem ich diese Substanz für kreative (bin Musiker/Gitarrist) sowie entspannender Zwecke eingesetzt habe, ging mein Alkoholkonsum nahezu gen 0

Da ich der Meinung bin, dass ich keine Substanz in kontrollierten Maßen konsumieren kann und die Nachteile weit dem Nutzen der "Selbstmedikamentation" übersteigen, möchte ich am liebsten OHNE ALLEM auskommen! Vor allem der Tabakkonsum bereitet mir Sorgen, einerseits scheine ich das Rauchen zu mögen, andererseits spüre ich manchmal förmlich, wie ich meinen Körper vergifte.
Dazu bin ich besorgt darüber, später irgendwann an Krebs, OCPD oder an anderen grausamen Raucherkrankheiten zu krepieren.

MPH kommt für mich nicht in Frage, da ich a) mit meiner Art zu Lernen keine Probleme mit mangelnder Konzentration habe und b) das Lernen an sich wie auch das Mitmachen in der Vorlesung irgendwie Spaß bereitet! Das merke ich daran, dass ich manchmal, wenn ich im Lern-Flow bin, mich über das "Wissen aufsauge" freue. Das äußert sich auch dahin, dass ich wie früher als Kind mit den Händen rumhibbel, wie wenn ich mich über etwas freue.
Und c) hätten wir da auch wieder eine Abhängigkeit an eine Substanz. Ich scheue mich davor, langfristig MPH einzunehmen, da ich mir Gedanken über unvorhersehbare Langzeitfolgen mache.

Der Schritt zur Abstinenz erscheint mir aus folgenden Gründen irgendwie utopisch:

- Über dieses Thema habe ich bereits im Internet recherchiert. Meiner Wahrnehmung nach lautet der O-Ton immer so: "Ohne Nikotin, MPH oder andere Substanzen kommt der ADHSler nicht klar und dreht durch". Man ließt nur etwas über Drogenmissbrauch, MPH etc etc...aber kaum irgendein Beispiel, welches aufzeigt, dass es auch ohne geht für uns...

- Oft heißt es, wenn ADHSler z.B. sich vom THC-Konsum losreißen, dass auch schon wieder der Alkohol als Substitution um die Ecke lauert...ich will unter KEINEN Umständen regelmäßig trinken oder gar Alkoholiker werden...


Aber das kann es doch nicht sein? Es kann doch nicht sein, dass man als ADHSler dazu verdammt ist, sein Leben lang mit Substanzen seinen neuro-biologischen Haushalt zu regulieren...

Dazu frage ich mich auch, ob die Gründe, weshalb ADHSler häufig Drogenabhängig werden (Alkohol und Nikotin zähle ich auch als Drogen), wirklich rein neuro-biologisch bedingt ist oder ob es nicht eher die Suggestion ist, dass der Betroffene so etwas brauch. Also dass die Krankheit quasi unterbewusst als Rechtfertigung hinhält...

Ich versuche mir einzureden, dass diese ADHS-Geschichte nur ein gedankliches, psychologisches Konstrukt ist und dass körperlich im Grunde nichts dagegen spricht, abstinent im Leben klarzukommen.

Außerdem vertrete ich die Meinung, dass Selbstmanagement und vor allem das sich selbst kennen bzw. die Symptomatik verstehen, ungemein vieles dazu beitragen kann, gut zurecht zu kommen.
Bei mir z.B. ist es so, wenn ich eine Verhaltensweise oder negative Gedanken/Gefühle als Symptom des ADHS wahrnehme, schaltet sich in den meisten Fällen meine "innere Stimme der Vernunft" ein, die die ganze Situation aus einem objektiveren, gesünderen Blickwinkel sieht.

Klar, jeder Mensch ist anders und auch ADHS hat zich verschiedene Facetten und Ausprägungen...

Aber vielleicht lässt sich hier die Frage klären, ob komplette Abstinenz generell für uns möglich ist und welche Faktoren es begünstigen können.
Hoffentlich gibt es jemanden unter euch, der da ist, wo bestimmt viele von uns hinwollen...und zwar bei der totalen UNabhängigkeit!

Grüße
laetitia
Foruminventar
Beiträge: 1030
Registriert: 18. Februar 2015 20:35

Re: Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von laetitia » 11. April 2016 19:12

Hm...irgendwie bist du etwas seltsam informiert finde ich. Es gibt genügend Menschen mit ADHS, die keine Medikamente nehmen, auch keine anderen Drogen, Alk oder Nikotin konsumieren. Die Frage ist, ob du persönlich mit den Einschränkungen leben kannst, ob du dir einen Lebensstil leisten kannst, der dir entgegen kommt...ich habe einen Bekannten in den USA, der ADHS hat und aufhörte, Medis zu nehmen. Er lebt in einem Wohnmobil, ist Eventmanager im Marketingbereich, heisst er reist von Ort zu Ort und organisiert für Firmen Promotionsanlässe...Messestände etc. Das lässt ihn sein eigener Chef sein, gleichzeitig hat er die Abwechslung und das Abenteuer, das er braucht, Deadlines, Spontanität etc.

Wie du aber schreibst, scheinst du nicht ohne etwas auszukommen...und wie so viele mit denen ich rede, die MPH verteufeln, benutzt du Tabak und hast auch sonstiges benutzt, um runter zu kommen...ob das dann wirklich besser ist...?

Was hält dich davon ab, mit dem Rauchen aufzuhören? Warum hast du angefangen?

Geraucht habe ich immer nur gelegentlich...mit dem Alkohol habe ich es auch so gehalten. Ich trinke äusserst selten was und dann meistens so, dass ich noch mit dem Auto nach Hause fahren darf...irgendwie ist mir das was ich am nächsten Tag für einen lockeren Abend durchstehen muss, zu unangenehm...

Solange du gut zurecht kommst, sagt ja auch niemand, dass du was nehmen musst. Dann freue dich darüber und mach deinen Weg. Es gibt ja auch unterschiedliche Ausprägungen.

Für diejenigen, die durch die ADHS-Bedingten Schwierigkeiten immer wieder in Depressionen fallen oder einen Job nach dem anderen vermasseln...die eigentlich gern studieren würden, aber das Abi nicht schaffen, obwohl es ihnen nicht an Intelligenz fehlt...die einen geregelten Tagesablauf trotz therapeutischer Hilfe nicht hinbekommen...etc...für die sind Medikamente ein grosser Segen.

Zu welchen du gehörst, weisst du besser und es ist deine Entscheidung, ob du es mit MPH probieren willst oder nicht. Wenn du das nicht willst und es dir leisten kannst, super. Schön für dich. Das heisst aber nicht, dass du der Präzedenzfall bist, an dem du dann alle ADHS-ler messen kannst und deine Urteile dann allen anderen aufdrängen solltest...
Falschparker
Foruminventar
Beiträge: 5116
Registriert: 28. Mai 2008 13:37
Wohnort: Kleinstadt
Alter: 52

Re: Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von Falschparker » 11. April 2016 22:42

Herzlich willkommen!

Druck dir deinen Text aus und tu mal so beim Lesen als wäre es der Beitrag eines Dritten.

Abstinenz ist für ADHS-ler eventuell möglich. Das ist aber nebensächlich, denn es geht ja um dich und nicht irgendjemand anders. Und für dich scheint es nicht möglich zu sein, das schreibst du ja eindrucksvoll.

Da wäre es doch nicht konstruktiv, dich selbst zu belügen, sondern dann schau dir die gesundheitlichen Folgen nebeneinander an, die es hätte die eine oder andere Substanz zu nehmen. Bei Tabak weißt du sehr sicher, dass die Folgen desaströs sind, bei Alkohol ab einem gewissen Maß auch.

Dass man sich inzwischen Nikotin ohne Tabak zuführen und damit über 90 % der Gesundheitsfolgen ausweichen kann, weißt du sicher. Und dass die unvorhersehbaren Langzeitfolgen von MPH dem Ungeheuer von Loch Ness ähneln- oft von interessierten Kreisen zitiert, nie belegt- weißt du wohl auch.

Also hast du die Möglichkeit, dich zu entscheiden. Oder aber jede Entscheidung zu verweigern und weiter Tabak und Schlimmeres dir zuzuführen, weil du einem theoretischen Idealziel anhängst, was du nicht erreichen wirst.

Ich habe übrigens nie geraucht, gekifft oder viel Alkohol getrunken, aber, bevor ich MPH nahm, mir sehr viel Koffein in Form von schwarzem Tee, stark und kannenweise, zugeführt. Ich glaube nicht mal, dass das schlimme Folgen gehabt hätte wenn ich es weiter so gemacht hätte, nur hat es nicht sehr viel gebracht. :roll:
MPH kommt für mich nicht in Frage, da ich a) mit meiner Art zu Lernen keine Probleme mit mangelnder Konzentration habe und b) das Lernen an sich wie auch das Mitmachen in der Vorlesung irgendwie Spaß bereitet! Das merke ich daran, dass ich manchmal, wenn ich im Lern-Flow bin, mich über das "Wissen aufsauge" freue. Das äußert sich auch dahin, dass ich wie früher als Kind mit den Händen rumhibbel, wie wenn ich mich über etwas freue.
Hier sitzt du einem Vorurteil auf. MPH wirkt nicht primär auf das Lernen, sondern viel umfassender gerade auch auf die Wahrnehmung, die emotionalen Schwankungen und die Impulsivität. Man wird ruhiger und bekommt einen klaren Blick. Ich kenne Nikotin aus eigener Erfahrung wie gesagt nicht, aber die Wirkung soll sehr vergleichbar sein, allerdings mit dem Unterschied dass die Anflutzeit viel länger ist und man keinen "Kick" hat.

Und es gibt selbstverständlich weitere Unterschiede zwischen Substanzkonsum jeder Art und Medikamenteneinnahme nach Verordnung. Falls du allerdings von Vorneherein sagst, dass du es als Suchtmittel ansiehst, kann es tatsächlich sein, dass ein Arzt zu Recht dir kein Stimulans verordnet, wenn er den Eindruck hat dass du dich nicht an die verordnete Menge oder den verordneten Rythmus hältst, das heißt damit wie mit einer Droge umgingest. Das meine ich nicht abwertend, ich kenne dich ja nicht.
Falschparker
Foruminventar
Beiträge: 5116
Registriert: 28. Mai 2008 13:37
Wohnort: Kleinstadt
Alter: 52

Re: Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von Falschparker » 11. April 2016 22:56

Aber vielleicht lässt sich hier die Frage klären, ob komplette Abstinenz generell für uns möglich ist und welche Faktoren es begünstigen können.
Hoffentlich gibt es jemanden unter euch, der da ist, wo bestimmt viele von uns hinwollen...und zwar bei der totalen UNabhängigkeit!
Ist das ein Wert an sich? Ich weigere mich, mich als Abhängigen zu sehen. Aber wenn doch, dann ist es eben so. Unabhängig bin ich wenn ich bei Jesus bin, da freue ich mich schon drauf.

Aber es gibt durchaus ADHS-ler, denen kein Medikament und kein Suchtstoff zu nehmen so wichtig ist, dass sie lieber mit viel mehr Stress und Gefahren im Leben (Stichwort Unfälle durch Unaufmerksamkeit) in Kauf nehmen. Im Streit mit sich und der Welt, verbittert mit immer wieder verlorenen Arbeitsstellen und Partnern, verlegten Gegenständen und verpassten Terminen. Muss ich nicht, es ist doch klasse dass MPH (und andere Hilfen für ADHS-ler) erfunden sind. :D
StellaS
Pagemaster
Beiträge: 214
Registriert: 10. März 2009 10:13
Wohnort: BaWü

Re: Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von StellaS » 12. April 2016 08:14

Ich nehme auch keine Medikamente. Abgesehen von einem einmaligen Selbstversuch.
Aber ich rauche, seit ich 13 bin, hatte eine herausragende Drogenkarriere zwischen 20 und 30 Jahren. :roll: Heute rauche ich immer noch, trinke regelmäßig Kaffee und gemäßigt nur am Wochenende Alkohol. Zwei drei Bier, oder zwei drei Gläser Wein, also nichts wildes.
Komplett abstinent war ich nur in den Schwangerschaften und Stillzeit. Das fiel mir überhaupt nicht schwer. Und meinem ADS hat es auch nicht geschadet. Mal abgesehen von der Schwangerschaftshysterie. :lol:
Ich verstehe Deine Gedanken vollkommen. Auch ich scheue mich heute, mir durch Substanzen helfen zu lassen. Kaffee und Kippe ist so ein Kompromiss.
Vor ein paar Wochen habe ich erstmals Methylphenidat genommen, eine 15, retard, Ritalin. Ich war ein neuer Mensch. Ich glaube ich hätte den maximalen Nutzen, es war echt faszinierend, wie ich dachte, mich bewegte, was ich tat (aufräumen), wie ich es tat, wie es funktionierte.
Ich war von jetzt auf gleich das Ideal meiner selbst. :shock:

Mich beunruhigt das aber nur. Ich habe einfach Angst, mich derart zu verändern. Und es kommt mir, für mich selber einfach billig vor und unecht. Ich habe so viele Strategien für mich und mein Leben hart erarbeitet. Mir derart helfen zu lassen kommt mir einfach billig vor.
Deshalb wird es warscheinlich bei diesem faszinierenden Versuch bleiben, obwohl ich dem Ideal schon etwas nachtraure.
ripley
Foruminventar
Beiträge: 1259
Registriert: 23. Oktober 2010 20:06

Re: Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von ripley » 12. April 2016 14:26

StellaS hat geschrieben:Und es kommt mir, für mich selber einfach billig vor und unecht. Ich habe so viele Strategien für mich und mein Leben hart erarbeitet. Mir derart helfen zu lassen kommt mir einfach billig vor.
Ein überaus spannender Gedanke!

Hrmpf, ich bin nie offiziell diagnostiziert worden (zu meiner Zeit gab es ADHS noch nicht). Aber ich schätze schon rein von der Impulsivität würde ich auch als Ü50 noch jederzeit als lupenreine ADHSlerin durchgehen :D , auch wenn ich mir im Laufe der Jahrzehnte sehr effiziente Strategien gegen die eher organisatorischen Schwächen angeeignet habe.

MPH habe ich nie probiert, obwohl wir es wegen des Sohnes (ADHSler - woher HAT er das nur?! :lol: ) im Haus haben. Nikotin und auch Alkohol wirken bei mir sehr prima, indem sie mich zuverlässig runterbringen. Und, ja, ich habe diverse Jahrzehnte viel geraucht. Vor fast anderthalb Jahren damit - von jetzt auf gleich - aufgehört. Den Alkoholkonsum habe ich dann vor wenigen Monaten auch drangegeben. Für mich war beides nicht einfach - das mit dem Nikotinstopp war sogar ziemlich deftig - aber es ging.

Was ich aber stattdesssen brauche, um nicht nach ganz wenigen Tagen zum Hulk zu werden: sehr viel Sport. Mindestens vier-, fünfmal die Woche. Bis die Schwarte kracht und ich pitschenass geschwitzt bin. Dann bin ich auch sozial er- und verträglich. Das ist, wenn man so will, auch eine Sucht. Aber wenigstens keine mehr, die Lunge, Hirn oder Leber schädigt.
Okay, Kaffee trinke ich noch. Den gönne ich mir aber auch.

Im Endeffekt kann ich Dir Deine Frage natürlich auch nicht allgemeingültig beantworten. Für mich persönlich aber gilt: Ja, es geht. Aber es ist nicht einfach.
laetitia
Foruminventar
Beiträge: 1030
Registriert: 18. Februar 2015 20:35

Re: Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von laetitia » 12. April 2016 14:33

StellaS hat geschrieben:Ich nehme auch keine Medikamente. Abgesehen von einem einmaligen Selbstversuch.
Aber ich rauche, seit ich 13 bin, hatte eine herausragende Drogenkarriere zwischen 20 und 30 Jahren. :roll: Heute rauche ich immer noch, trinke regelmäßig Kaffee und gemäßigt nur am Wochenende Alkohol. Zwei drei Bier, oder zwei drei Gläser Wein, also nichts wildes.
Komplett abstinent war ich nur in den Schwangerschaften und Stillzeit. Das fiel mir überhaupt nicht schwer. Und meinem ADS hat es auch nicht geschadet. Mal abgesehen von der Schwangerschaftshysterie. :lol:
Ich verstehe Deine Gedanken vollkommen. Auch ich scheue mich heute, mir durch Substanzen helfen zu lassen. Kaffee und Kippe ist so ein Kompromiss.
Vor ein paar Wochen habe ich erstmals Methylphenidat genommen, eine 15, retard, Ritalin. Ich war ein neuer Mensch. Ich glaube ich hätte den maximalen Nutzen, es war echt faszinierend, wie ich dachte, mich bewegte, was ich tat (aufräumen), wie ich es tat, wie es funktionierte.
Ich war von jetzt auf gleich das Ideal meiner selbst. :shock:

Mich beunruhigt das aber nur. Ich habe einfach Angst, mich derart zu verändern. Und es kommt mir, für mich selber einfach billig vor und unecht. Ich habe so viele Strategien für mich und mein Leben hart erarbeitet. Mir derart helfen zu lassen kommt mir einfach billig vor.
Deshalb wird es warscheinlich bei diesem faszinierenden Versuch bleiben, obwohl ich dem Ideal schon etwas nachtraure.

Hi StellaS

Die Angst vor den Medis kann ich berstehen...geht denke ich den meisten so. Kenne ich auch.

Doch dein Beitrag liest sich ein bisschen so: Einer weigert sich, eine Brille zu tragen, weil er es bisher mit Lupe und Fernglas auch irgendwie geschafft hat. Zwar immer unter Anstrengung und nicht immer mit optimalen Ergebnissen, aber er hat sich so daran gewöhnt, dass es ihm als Verrat an seiner Fähigkeit erscheint, Lupe und Fernglas sowie Tastsinn etc. zu benutzen, dass ihm die Brille zu einfach vorkommt...Er möchte lieber weiter im Dunkeln tappen, Lupe und Fernglas benutzen, ab und zu irgendwo anstossen als eine Brille zu tragen und die Kraft, die seine bisherige Strategie ihn kostet für anderes zur Verfügung zu haben. Und ist ja alles sein gutes Recht...nur ein bisschen seltsam halt...
Benutzeravatar
Menolly
Foruminventar
Beiträge: 4553
Registriert: 15. Dezember 2008 18:34
Alter: 50

Re: Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von Menolly » 12. April 2016 16:58

Genialer Vergleich Laetitia! Bild
Du sollst Deine Freunde nicht trocknen und rauchen.
Wer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterlässt keine eigene Spur.
Wilhelm Busch
Bienchen geschafft 24x für 2016
Hier könnt ihr euch Smileys suchen.
StellaS
Pagemaster
Beiträge: 214
Registriert: 10. März 2009 10:13
Wohnort: BaWü

Re: Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von StellaS » 12. April 2016 17:30

"Die Brille" ist ja die altbekannte Metapher. Nur leider ist diese ein recht oberflächliches Bild und kein richtiger Vergleich. Denn ich denke nicht, dass ein schärferes Bild die Persönlichkeit verändert, mein Handeln, mein Denken und mein Gebaren umwandelt.
laetitia
Foruminventar
Beiträge: 1030
Registriert: 18. Februar 2015 20:35

Re: Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von laetitia » 12. April 2016 18:23

Natürlich haben Vergleiche ihre Tücken. Aber ich könnte dir viele gute Gründe nennen, wie eine Brille die Persönlichkeit verändern kann. Wer klar sieht, hat einen selbstbewussteren Schritt, insbesondere in schwierigem Gelände oder Menschenmengen...der kann die Schönheit der Natur ganz neu entdecken und sich freuen daran. Ausserdem ermüdet er weniger, was ebenso im persönlichen Erleben des Alltags Auswirkungen hat...

...aber, die Frage mal: Wirkt Nikotin, Koffein und Alkohol sich nicht ebenso auf deine Persönlichkeit aus? Warum da nicht die gleichen Bedenken?
StellaS
Pagemaster
Beiträge: 214
Registriert: 10. März 2009 10:13
Wohnort: BaWü

Re: Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von StellaS » 12. April 2016 18:27

Gute Frage. Ich gehe eh damit schwanger, ein eigenes Thema zu meiner Kopfgeburt aufzumachen. Denn hier geht es ja nicht um mich und ich will nicht als Rampensau in anderer Menschen Thematik herumsauigeln. :oops:
elcotek
Andersweltler
Beiträge: 9
Registriert: 4. Mai 2016 07:16

Re: Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von elcotek » 11. Mai 2016 23:13

Ich sag auch mal was dazu: :cry:

Vom Alkohol lasse ich schon immer meine Figer, da ich damals in meiner Familie schlechet Erfahrungen damit machen durfte.
Ich selbst rauche schon seit über 30 Jahren (leider), das rauchen hat mir bisher immer geholfen einigermaßen ruhig zu bleiben und denken zu können, ich könnte ohne nicht auskommen, das muß ich leider zugeben.
Ich hatte schon oft versucht damit aufzuhören aber dann kam die Angst so richtig wieder hoch leider, das rauchen unterdrückt/hilft einwenig diesen Dauerzustand der Angstgefühle und des Drucks zu mindern. :(

Grüße
Benutzeravatar
Hexe76
Foruminventar
Beiträge: 1229
Registriert: 23. Mai 2009 00:50
Wohnort: Irland
Kontaktdaten:

Re: Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von Hexe76 » 12. Mai 2016 14:30

Ich hab 20 Jahre lang Kette geraucht. Bis zu 40 Zigaretten am Tag war keine Seltenheit. Und ich habe es gehasst.
Also versucht aufzuhören. Gescheitert. Wieder versucht. Wieder gescheitert.
Das ging so für ca 3 Monate. Dann fiel mir das Buch von Alan Carr in die Hände und tadaaaa... Ich konnte ohne Probleme aufhören. Und ich vermisse NICHTS.
Ich hab auch lange gedacht, dass es mir extra schwer fallen muss, weil ich ja ADHS habe, aber das ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, wenn man daran fest hält und hat mit der Realität wenig zu tun.
Es kommt darauf an, was man für sich selber will und nicht, was die Medien und Doktoren einen suggerieren.
Wir haben ein höheres Potential für Süchte, aber das bedeutet nicht, dass wir nicht aufhören können so wie andere Menschen auch.
Benutzeravatar
Inge3
Andersweltler
Beiträge: 24
Registriert: 23. September 2008 14:17
Wohnort: Wiesbaden

Re: Ist Abstinenz für ADHSler möglich oder Wunschvorstellung?

Beitrag von Inge3 » 5. Juni 2016 10:50

ripley hat geschrieben:
StellaS hat geschrieben:Und es kommt mir, für mich selber einfach billig vor und unecht. Ich habe so viele Strategien für mich und mein Leben hart erarbeitet. Mir derart helfen zu lassen kommt mir einfach billig vor.
Ein überaus spannender Gedanke!

Hrmpf, ich bin nie offiziell diagnostiziert worden (zu meiner Zeit gab es ADHS noch nicht). Aber ich schätze schon rein von der Impulsivität würde ich auch als Ü50 noch jederzeit als lupenreine ADHSlerin durchgehen :D , auch wenn ich mir im Laufe der Jahrzehnte sehr effiziente Strategien gegen die eher organisatorischen Schwächen angeeignet habe.

MPH habe ich nie probiert, obwohl wir es wegen des Sohnes (ADHSler - woher HAT er das nur?! :lol: ) im Haus haben. Nikotin und auch Alkohol wirken bei mir sehr prima, indem sie mich zuverlässig runterbringen. Und, ja, ich habe diverse Jahrzehnte viel geraucht. Vor fast anderthalb Jahren damit - von jetzt auf gleich - aufgehört. Den Alkoholkonsum habe ich dann vor wenigen Monaten auch drangegeben. Für mich war beides nicht einfach - das mit dem Nikotinstopp war sogar ziemlich deftig - aber es ging.

Was ich aber stattdesssen brauche, um nicht nach ganz wenigen Tagen zum Hulk zu werden: sehr viel Sport. Mindestens vier-, fünfmal die Woche. Bis die Schwarte kracht und ich pitschenass geschwitzt bin. Dann bin ich auch sozial er- und verträglich. Das ist, wenn man so will, auch eine Sucht. Aber wenigstens keine mehr, die Lunge, Hirn oder Leber schädigt.
Okay, Kaffee trinke ich noch. Den gönne ich mir aber auch.

Im Endeffekt kann ich Dir Deine Frage natürlich auch nicht allgemeingültig beantworten. Für mich persönlich aber gilt: Ja, es geht. Aber es ist nicht einfach.
auch Ü50 macht es noch Sinn, sich diagnostizieren zu lassen, auch wenn man effiziente Stratgien entwickelt hat ;)
Genau so war es nämlich bei mir, ich hatte im Laufe der Jahrzehnte für all meine Probleme Strategien entwickelt
und glaubte wunderbar zurechtzukommen, aaaaaber.....
ich habe seit ich 13 war geraucht, und war am Ende bei mind.2 Schachteln am Tag (eher 3).
Mit 18 kurz aufgehört und wieder angefangen, Unmengen Kaffee getrunken.
Alkohol nicht regelmäßig und auch nicht extreme Mengen, aber ich hatte schon das Gefühl,
dass er mir hilft, den Kopf klarer zu bekommen, also gerade anders rum, wie man eigentlich meinen sollte :D

Mit 32 hörte ich auf zu rauchen, von einer Minute zur anderen, als ich wußte, dass ich zum 2. Mal schwanger war.
schaffte ich problemlos, da ich einen super starken Willen hatte.
Dennoch gab es bis heute (bevor ich Medikamente nahm) immer wieder Situationen,
wo ich in Versuchung kam, aber stark blieb.
Das lag wohl daran, dass ich unbedingt Nichtraucher bleiben wollte und wußte,
dass nur ein Zug an ner Zigarette mich wieder zum Raucher machen würde.
Alkohol war weiterhin ein Thema, aber in Maßen und wenn ich mit dem Auto unterwegs war,
blieb es bei einem Glas Wein oder Bier, was mir aber zugegeben nicht immer leicht viel,
weil ich die für mich positive Wirkung kannte.
Suchtpotential hatte Alkohol für mich trotzdem nie, da ich es innerlich ablehnte, mich davon abhängig zu machen.
Ich konnte immer und zu jeder Zeit z.B. nach einigen Gläsern Wein auf Cola umsteigen.
Es gab nie eine Regelmäßigkeit, Alkohol alleine hab ich nie getrunken, nur in Gesellschaft und da nicht immer.
Mir fällt es auch leicht über Wochen, Monate, Jahre ganz drauf zu verzichten.
Dann sind da noch die Energiedrinks :roll: die hab ich auch eine Zeit lang ziemlich viel und oft getrunken.

Dann bekam ich mit 53 meine Diagnose, wurde auf Medikinet Adult eingestellt und ....
es war für mich eine ganz neue und sehr positive Erfahrung!
Die Versuchungen bzgl. des rauchens: weg!!! mittlerweile kann ichs nicht mal mehr riechen.
Alkohol: kann passieren, dass ich auch in Gesellschaft einfach nur Wasser trinke, ohne dass ich was vermisse :D
Energiedrinks, Cola, Kaffee: ersteres überhaupt nicht, Cola sehr selten, Kaffee 1 - 2 Tassen am Tag.

Abstinenz scheint mir möglich, wenn andere Wege gefunden werden, um die ADHS-Problematik zu kompensieren.
Das geht mit Sport, Arbeit, extremen Hobbys und bestimmt noch anderem,
was meiner Meinung nach, dann aber auch so extrem betrieben wird, dass es Suchtpotential hat ;)
Antworten

Zurück zu „ADHS - Allgemein*“