"Gönnen können"

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Janie1975
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Janie1975 » 22. Januar 2016 19:27

Ja, das stimmt, die Rollen in der Familie sind ziemlich festgelegt und ich bin die mit dem ständig schlechten Gewissen. ich kann mittlerweile gar nicht beurteilen, wer sich nicht korrekt verhalten hat, wenn es in unserer Familie mal wieder zum Streit gekommen ist - oft kann man ja niemandem "Schuld" geben, weil solche Beziehungen eine Eigendynamik haben. Aber ICH bin immer schuld, den Stempel gebe ich mir mittlerweile immer selber.
Als Kind war ich sehr anstrengend, aufmerksamkeitsfordernd, aber auch sehr kreativ, ich kann mich an schöne Momente erinnern, in denen ich besonders witzig/ ideenreich/ kommunikativ etc. war und auch so ein bisschen den Ton in der Familie angegeben habe - aber auch nicht-dominante Weise. Phasenweise habe ich aber die Erfahrungen gemacht, die wohl viele ADHSler gemacht haben - Pass auf!, Bist du dumm?, Konzentrier dich! etc. Irgendwas war immer, Elternsprechtage waren ein Graus, die Beziehungen zu Gleichaltrigen sehr, sehr schwierig, Versagensängste entwickelten sich, die erste Depression kam mit 17. Es folgte eine lange Beziehung zu einem sehr egoistischen, selbstverliebten Mann (den mein Bruder übrigens nie mochte und mir abriet, mit ihm zusammenzuziehen!), der nur auf mir rumtrampelte und es nicht besser machte.

Höhepunkt des miesen Selbstwertgefühls - jahrelang der Gedanke "In den Nachrichten kam, dass da und da Menschen gestorben sind - eigentlich hätte ich ja an deren Stelle sterben müssen, weil ich so ein schlechter Mensch bin" - jahrelang, ab dem Teenie-Alter bis in die 20er.

Zum schwarzen Schaf wurde ich dann, als ich die Freundin meines Bruder ablehnte (jetzige Schwägerin) - ich habe mich nicht korrekt verhalten, dafür prügelten alle auf mich ein. Das ist auch geblieben und ich bin froh, dass meine Mutter nun keinen Herzinfarkt mehr bekommt, wenn es wieder mal Zoff in der Familie gibt, sie ist nämlich das totale Familientier. Leider sind ihre Geschwister und Eltern früh gestorben und sie hat da wirklich ein Trauma. Für sie ist es das schlimmste gewesen, dass mein Bruder und ich uns nicht verstehen und ich durfte mir immer anhören, dass ich mit meinem Verhalten die Familie kaputt mach.
Nun hat sich das entspannt, weil sie durchaus auch kritisch meiner Schwägerin gegenüber ist und es mir hoch anrechnet, dass ich mich entschuldigt habe. ich habe also endlich ohne schlechtes Gewissen das Recht, mich aktiv von meinem Bruder zu distanzieren, der früher auch sehr, sehr gerne mal meine Mutter instrumentalisiert hat.

Das war die Geschichte meines schlechten Selbstwerts...

Und leider ist es sehr, sehr schwierig, sich zu mehr Selbstwertgefühl zu entwickeln, obwohl ich eine wirklich tolle VT mache, seit 4 Jahren ca.

Und dann diese Impulsivität - ich schaffe es einfach nicht, sie einzudämmen, ich nehme ein AD und regelmäßig Medikinet, und es übermannt mich trotzdem. Meine Mutter ist auch so ... siehe oben.

Daher denke ich, ist es für mich das beste, wirklich diese total oberflächliche Schiene zu fahren. Es ist nun endlich alles ausgesprochen und vielleicht ist das auch ein bisschen viel für alle. Ich habe wirklich massive Probleme, diese oberflächlichen Trteffen durchzustehehn mit dem Wissen, dass sie mir nie verzeihen wird, vor allem weiß ich, dass ich das Kind erst mal nicht berühren darf - sie war wirklich wie eine Raubkatzenmutter, fehlte nur noch das Fauchen. Und das ist für mich keine Basis und auch keine Herausforderung, das kann und will ich nicht und es geht mir gut damit, jeden Tag ein Stück besser.
laetitia
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon laetitia » 23. Januar 2016 02:06

Liebe Janie1975

Es scheint, dass du da einen ganzen Haufen auf dich genommen hast, der dir gar nie gehörte. Dass du als Kind anstrengend gewesen sein sollst, ist vielleicht das, was deine Mutter empfand. Aber du warst ein Kind und hast es nicht besser gewusst. Du hast, wie jedes Kind, dein Bestes gegeben, um ein gutes Kind zu sein. Vielleicht nicht auf eine Weise, die deine Mutter zufrieden stellte, aber dennoch so, wie du es verstanden hast. Wenn deine Mutter damit nicht klar kam, wäre es an ihr gewesen, Hilfe zu suchen.
Ausserdem war das ihre Wahrnehmung...vielleicht warst du ja gar nicht so anstrengend und deine Mutter war einfach überlastet und hat das dann auf dich gespiegelt.

Ich habe mich als Kind immer als Belastung wahr genommen. Ich kam sozusagen als Stolperstein in diese Welt...für meine leibliche Mutter, an dem sie sich ein Leben lang immer wieder stossen würde. Einerseits, weil sie wegen mir so viel Ärger hatte, es schwierig war, mit Ausbildung oder so, andererseits weil sie mich nicht mehr sehen durfte, als ich adoptiert wurde und das für sie schlimm war...und für meine Adoptiveltern, weil sie durch mich eine finanzielle Mehrbelastung hatten, weil ich eine Brille brauchte, weil ich immer wieder krank wurde, weil ich in der Schule mühe hatte, weil ich immer wieder Depressionen hatte (die jedoch nie als solche verstanden wurden und von denen ich erst heute weiss, dass das welche waren...), weil sie sich neben den leiblichen Kindern um mich kümmern mussten...aber vor allem...weil sie mir (wohl unbewusst) dieses Gefühl gegeben haben, meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht unterstützten, mich immer wieder abgewertet hatten, weil Gefühle nichts zählten und ich alleine mit meinem Schmerz klar kommen musste. Weil ich ein Kind war. Und ja...das mit den anderen Kindern, die viel schlimmeres erleiden müssen, hat auch das seine dazu beigetragen. Und eine religiöse Weltsicht...Was kann ich denn einem Kind vorwerfen? Diesem Kind, das ich mal war?

Was kannst du dem Kind denn vorwerfen? Dem Kind das du mal warst? Du warst Kind und hast versucht, zu überleben.

Vielleicht ist es sinnvoll, wenn du um deinem Selbstwert auf die Spur zu kommen, eine Weile Abstand hast zu deiner ganzen Familie, auch deiner Mutter. Auch wenn du bei ihr gerade gut im Kurs stehst, ist vielleicht auch da noch einiges am laufen, das dir nicht so gut tut.

Wenn ich meine Familie sehe, ist es auch nicht so einfach für mich. Eigentlich freue ich mich immer, vor allem meine Brüder zu sehen...und meine Schwägerin. Aber oft kommen schwierige Gefühle, die mich irgendwie lähmen und dann habe ich Panik, dass jemand etwas merken könnte und ich dann abgelehnt werde, weil es mir nicht gut geht und ich nicht sehr kommunikativ bin etc. Früher habe ich das immer zu einem Thema meiner Eltern und Familie gemacht. Durch meine Therapie und die Achtsamkeitsskills die ich sehr hilfreich finde, gelingt es mir aber immer besser, zu differenzieren. Nämlich in: Mir geht es gerade aus welchem Grund auch immer nicht gut, obwohl es mir vorher noch gut ging. Es ist OK. Ich muss mich deshalb nicht ablehnen. Falls jemand damit ein Problem hat, ist das nicht mein Problem, sondern seines. Da ist zum Beispiel Trauer in mir. Sie darf sein. Sie ist gerade sehr stark, aber sie definiert nicht meine Person und sie hat ihre Berechtigung, kommt nicht von ungefähr.

Langsam habe ich verstanden, woher diese Angst vor Ablehnung insbesondere wegen heftigen Emotionen kommt. Diese Emotionen durften nämlich nie sein. Weil meine Mutter die Strategie des Rationalisierens und Schönredens von allem gewählt hat, um mit ihren eigenen Emotionen umzugehen, den Dingen, die sie nicht verarbeitet hatte, hatten auch meine Emotionen nie den Raum, den sie gebraucht hätten. In der Pubertät dann, als diese Emotionen mit voller Kraft hervorkamen, da wurde ich dann von meiner ganzen Schule abgelehnt dafür, dass ich oft losheulte. Diese Dynamik wurde von meinen Eltern und meiner Lehrerin noch unterstützt, indem sie mir die Schuld am Mobbing gaben, weil ich zu empfindlich sei und alles persönlich nehme. Daher blieb mir nicht viel anderes übrig, als meine Emotionen möglichst runter zu kämpfen und zu versuchen, ohne sie auszukommen. Aber das geht nicht...und zeigt sich dann als Depression oder sonstige Störung.

Diese Emotionen die du hast, wenn du mit deiner Familie zusammen bist, deinem Bruder, deiner Schwägerin gegenüber, die haben etwas mit dir zu tun. Aber nicht im Sinne von Schuld oder so. Mehr damit, wie du konditioniert wurdest zu denken. Damit, wie du die Dinge auffasst und verstehst.

Für mich ein Schritt zu mehr Selbstvertrauen war, radikal zu akzeptieren, dass die Dinge sind, wie sie sind und dass sie sich vielleicht nie ändern werden. Ausserdem, als ich mich entschied, mir selber zu vertrauen. Das ist allerdings etwas, das muss ich immer wieder tun...weil ich das so viele Jahre nicht getan habe, auch aus religiösen Gründen. Wichtige Fragen für mich sind immer wieder: Was will ICH? Will ich das wirklich? Zur Zeit habe ich endlich herausgefunden, was ich wirklich wirklich wirklich studieren möchte. Ein echter Herzenswunsch. Doch da kommen dann schnell Gedanken: Was fällt dir ein, sowas studieren zu wollen? Die nehmen dich eh nicht! Das dauert eine halbe Ewigkeit, bis du dann einen Abschluss hast! Mit 38 nochmal eine solche Ausbildung anzufangen...dann bit du gegen 50, wenn du fertig bist...gehst schon bald in Rente...etc.

Das sind so innere Stimmen, die wir internalisiert haben und meistens von Menschen aus unserem Umfeld stammen. Diese als solche zu erkennen ist nicht unbedingt leicht. Aber wenn du eine gute Therapeutin hast, kann sie dir dabei helfen...und diesen inneren Kritiker entlarven. Wir haben das vor ca. drei Monaten mal gemacht mit einer Stuhlsitzung. Da sass ich abwechslungsweise auf zwei Stühlen und sprach einmal mit dem Kritiker und dann wieder mit dem vermeintlich schwachen Ich. So konnte ich erkennen, dass dieser Kritiker gar nicht so stark war, wie ich dachte und das schwache Ich gar nicht so schwach. Ausserdem war ich mir meinem ständigen inneren Dialog viel mehr bewusst.

Ich habe ein paar Mantras, die ich mir immer wieder sage. Zum Beispiel: Ich bin ein guter Mensch und tue mein Bestes. Ich mache auch Fehler und darf auch mal ein A* sein.
Oder: Es ist alles in Ordnung. Ich bin in Sicherheit, es ist alles gut. Ich bin gut. Ich darf sein, meine Angst (Trauer, Scham, was auch immer) darf sein.
Das sage ich dann mehrere Male hintereinander in mich hinein, bis sich mein inneres entspannt.

Hast du Methoden, um aus negativen Denkspiralen auszusteigen? Zum Beispiel durch Achtsamkeit? Wenn es denkt und denkt ist das nicht so einfach, gerade mit den Denkprozessen die ADHS mit sich bringen. Trotzdem finde ich es sehr hilfreich zu wissen, dass ich meine Gedanken nicht denken muss, dass ich, sobald ich mir dessen bewusst werde, etwas unternehmen kann, um damit aufzuhören. Und wenn es nur für drei Minuten ist...dann mach ich das halt wieder und wieder. Zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit suche ich Dinge, die mir bisher nie aufgefallen sind. Oder ich studiere die Farbe der Sitzpolster, wer die ausgesucht haben mag etc. Dazu gibt es ganz viele Übungen und mit der Zeit kommen einen die Ideen immer mehr von selbst.
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Sheldon » 23. Januar 2016 03:40

Hallo laetitia,

das finde ich gut, dass du mit 38 noch studieren willst. Ist doch auch nicht verkehrt. Ich finde, da ist gar nichts dabei. Man darf echt nicht darauf hören, was viele Leute einem immer einreden wollen. Von wegen, dass es irgendwann zu spät für etwas sei usw. Das ist doch totaler Quatsch! Es ist nie zu spät für etwas, wenn man nur will und kann! Was ist denn dein Traumfach, wenn ich fragen darf?

Liebe Grüße, Sheldon
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon laetitia » 23. Januar 2016 12:39

[quote="Sheldon"]
Hallo laetitia,

das finde ich gut, dass du mit 38 noch studieren willst. Ist doch auch nicht verkehrt. Ich finde, da ist gar nichts dabei. Man darf echt nicht darauf hören, was viele Leute einem immer einreden wollen. Von wegen, dass es irgendwann zu spät für etwas sei usw. Das ist doch totaler Quatsch! Es ist nie zu spät für etwas, wenn man nur will und kann! Was ist denn dein Traumfach, wenn ich fragen darf?

Liebe Grüße, Sheldon
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Hi Sheldon

Danke und ja, das ist eigentlich auch meine Meinung...so vom Kopf her...aber da sind halt diese "Stimmen" in Form von Gedanken, verbunden mit Emotionen, die mir dann etwas anderes einreden wollen. Da meldet sich der innere Kritiker, der viel Übung hat darin...und den zu erkennen und seine Funktion zu verstehen braucht etwas Übung, ist jedoch zentral, wenn man sein Selbstvertrauen stärken will. Deshalb habe ich dieses Beispiel gebracht.

Ich möchte im Forum noch nicht sagen, was ich studieren will. Ich muss mich da erst bewerben und ein Assessment durchlaufen und weiss erst dann ob es klappen wird. Was ich sagen kann ist, dass es ein langer Weg sein wird. Danke aber für dein Interesse :-).
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Sheldon » 23. Januar 2016 14:06

Psychologie? Da müsstest du mind. 5 Jahre studieren und kannst dann noch mal mind. 3 Jahre für die Therapeutenausbildung drauflegen. Oder Medizin... Das ist auch langwierig.
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Janie1975 » 23. Januar 2016 21:02

Oh je, da hast du aber wirklich eine Menge durch! Das ist ja eine Lebensaufgabe, diese Geschichte zu bewältigen!! Und dann auch noch ADHS obendrauf - wahrlich nicht einfach. Das mit dem Studium ist eine gute Idee - ich glaube, du würdest unglücklich, wenn du es nicht tätest!
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Janie1975 » 23. Januar 2016 21:40

Bei mir ist die Sache die, dass ich mittlerweile schon ein bisschen Distanz gewonnen habe und ja - du hast Recht - meine Mutter spielt eine sehr, sehr große Rolle dabei. Sie ist seit Jahre depressiv und wir eigentlich alle co-depressiv, wie mein Mann eben bemerkte - auf unterschiedliche Art und Weise. Aber ich muss mich endlich distanzieren und ja, an meinem Selbstwert arbeiten. Ich habe das mit meiner Psychologin bisher nur in sehr begrenztem Rahmen gemacht - ich habe gelernt, mir eine Stelle unter dem Schlüsselbein zu streicheln und zu sagen "Ich liebe und akzeptiere mich so wie ich bin" - ich mache das aber nicht, weil ich mir dabei lächerlich vorkomme und außerdem kann ich mir manchmal einfach in der Form nichts Gutes tun. Wenn es mir mal gut geht, habe ich immer ein schlechtes Gewissen, weil ich immer denke, ich bin ein schlechter Mensch und es darf mir nicht gut gehen. Wenn ich mir dann vor Augen halte, wie viel ich in meinem Leben bisher geschafft habe und dass ich stolz auf mich sein kann, an mir zu arbeiten, erkläre ich mir das immer rational, also mit "Ich bin halt so veranlagt" - ich bin also unfähig, mich einfach mal selbst zu loben!!

Ich müsste einfach mal anfangen, systematisch daran zu arbeiten - mich selbst bestärken, Selbstachtsamkeit üben - gibt es da vielleicht einen Literaturtipp? Oder sollte ich das mit meiner Therapeutin machen? Ich habe leider nur noch ein paar Stunden übrig:-(
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon laetitia » 23. Januar 2016 22:29

Liebe Janie1975

Ja du, jeder hat sein Paket zu tragen. Ich bin froh, dass meins doch noch immer tragbar ist  :breitgrinse1:, wenn ich an andere Leute denke, dann bin ich trotz allem dankbar. Aber ich habe dennoch das Recht auf Hilfe und dass ich das aufarbeiten kann, so wie du auch.

Wegen der Achtsamkeitsübungen würde ich mal die Therapeutin fragen, die kann dir vielleicht ein gutes Buch oder so empfehlen. Vielleicht etwas, das nicht bloss die spirituelle Achtsamkeit beinhaltet. Die ist zwar auch hilfreich, aber eben nur ein Teil der Achtsamkeit und kann auch mal überfordern, weil da schon auch mal heftige Gefühle kommen können. Das braucht schon auch etwas Übung in der Haltung zu bleiben von: Ich bin nicht das Gefühl, ich habe das Gefühl.

Im DBT-Skills-Manual nach Dr. Marsha Linehan gibt es ein ganzes Kapitel zum Thema Achtsamkeit. Das Manual wurde für Borderline-Patienten konzipiert, hat aber sehr viele Übungen und Ansätze drin, die für jeden hilfreich sein können und gerade in Situationen wie du sie erlebst, anwendbar sind.

Achtsamkeit kannst du gut alleine üben, aber wenn du das mit der Psychologin machen kannst, kann sie dir ev. helfen damit. Ich kannte vor der Therapie eigentlich nur die spirituelle Form der Achtsamkeit. In der Skillsgruppe habe ich nun auch andere Formen der Achtsamkeit kennen gelernt und finde das gut, weil ich ja nicht ständig den inneren Zugang zu mir habe und manchmal auch einfach eine Ablenkung brauche. Wenn du mitten in einer Gedankenschlaufe bist, dann kann es gut sein, dass du einfach den Ausstieg finden musst. Wenn es dir gut geht zum Beispiel und dann kommen diese Gedanken, dass du ein schlechter Mensch seist, dann brauchst du etwas, womit du diesen Gedanken begegnen kannst. Entweder indem du versuchst, zu deinen Grundannahmen über dich zu gelangen, oder, indem du bewusst was anderes denkst, dich dann später nochmals dem Gedanken widmest, um in einem klaren Moment etwas über deine Grundannahmen zu erfahren. Und um zu verstehen, wie unsinnig solche Gedanken meistens sind.

Sowas wie mein Schlüsselbein zu streicheln und mir zu sagen, "Ich liebe und akzeptiere mich, so wie ich bin" fände ich auch etwas komisch. Da denke ich, könntest du etwas finden, das dir eher entspricht. Bei mir helfen die erwähnten Mantras sehr. Ich sage mir auch immer wieder, dass ich in Ordnung bin, gerade wenn es mir gut geht. Manchmal schaue ich auch in den Spiegel und betrachte meine Augen, weil ich die wirklich mag. Wenn ich doch mal wieder das Gefühl habe, ein schlechter Mensch zu sein (wobei es mittlerweile eher so ist, dass ich denke, ich sei doof, langweilig, nicht wirklich liebenswert, als schlecht), nimmt es auch viel Druck weg, wenn ich mal sage: Ja gut, ich fühle mich wie ein schlechter (langweiliger/doofer/nicht liebenswerter) Mensch. Das ist jetzt so und wenn ich wirklich ein schlechter Mensch bin, dann ist das auch so.
Ich finde ausserdem den Gedanken hilfreich, dass jeder Mensch gut und schlecht zugleich ist und dass beides sein darf und beides dazugehört. Und...niemand ist dazu verpflichtet, ein guter Mensch zu sein.

Und ja, das mit dem nicht stolz sein können...kenne ich auch. Wenn ich eine Prüfung schreibe mit dem Gefühl, mich zuwenig vorbereitet zu haben und dann ein gutes Resultat erziele, dann ist die Prüfung zu einfach gewesen, die Professoren haben gutmütig korrigiert und den Schnitt gesenkt, habe ich gerade Glück gehabt, sind die richtigen Fragen gekommen...dass ich es aber drauf habe und es davon zeugt, dass ich eine gute Intelligenz habe, da ich trotzdem ich nicht optimal vorbereitet hatte, eine gute Prüfung geschrieben habe, dass ich mich deshalb freuen darf an den guten Resultaten, das ist eher schwierig zu sehen für mich. Wenn ich aber eine Prüfung nicht bestehen oder eine schlechte Note erzielen würde, dann wäre ganz klar: Ich habe mich nicht genug angestrengt, ich habe nicht genug gelernt, ich habe die falschen Prioritäten gesetzt, ich bin selber schuld! Aber die Professoren hätten ja genauso gut die Massstäbe etwas hoch ansetzen können, ich hätte gerade Pech gehabt, weil genau das Thema, für das ich nicht mehr so viel Zeit aufwenden konnte, es zu lernen ausführlich dran kam, ich die letzte Nacht kaum schlafen konnte und daher den Kopf nicht beisammen hatte etc.
Zuletzt geändert von laetitia am 23. Januar 2016 22:30, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Eule » 24. Januar 2016 10:38

Wenn deine Therapeutin dir eine Übung oder Hausaufgabe vorschlägt, bei der du dir irgendwie "albern, komisch, lächerlich" vorkommst, und du sie daher nicht machst oder nicht durchziehst, sollte der erste Schritt doch sein, in der nächsten Therapiestunde zu sagen:

Liebe Thera, letzte Stunde habe ich ja dieunddie Hausaufgabe bekommen. Ich hab damit dasunddas erlebt..." Ereignisse schildern, ggf wenn die Ansage z.B. ist "Mach das mit dem Schlüsselbein jeden Tag einmal, wenn du dich dabei erwischst, dass du dich selbst gerade lieblos und geringschätzend behandelst", dann auch irgendwie Buch darüber führen. Kurze Notiz in einer Memo-App auf dem Handy, einem Kalender, wasauchimmer: Situation schildern, bei der du dich selber erwischt hast, schildern ob du die Übung machen konntest, wie du dich dabei gefühlt hast sie zu machen, bzw wenn du sie nicht machen konntest schildern was dich daran gehindert hat sie zu machen.

schildere an welcher Stelle du das Gefühl hattest das passt nicht für dich, was du unpassend fandest, und versuche mit ihrer Hilfe das ganze so abzuwandeln dass du dich besser damit anfreunden kannst. Und dann eben die nächste Woche als Hausaufgabe die abgewandelte Version testen, wieder besprechen und Rückmeldung, ggf weiter anpassen.

Zu deiner Beruhigung: Auch ich käme mir komisch, besonders in gegenwart anderer auch albern oder lächerlich bei dem vor was sie dir vorgeschlagen hat. Andererseits ist es durchaus sinnvoll, beim erlernen eines solchen Satzes nicht nur Worte und Gedanken zu verwenden, sondern den auch mit einer bestimmten Handlung (dem streicheln) und einer bestimmten Wahrnehmung (du spürst deine eigene Hand am Schlüsselbein) zu koppeln. Du kannst also an mehreren Punkten was verändern.

Du kannst den Satz umbauen, wenn du ihn für dich unpassend findest. Vielleicht ist dir das Wort "lieben" zuviel, und es klappt besser mit "mögen", um mal ein Beispiel zu nennen.

Du kannst überlegen, ob es einen Menschen in deinem Leben gab, der dir mit einer bestimmten Berührung Kraft, Selbstvertrauen, Sicherheit gegeben hat. ein fester aufmunternder Händedruck, eine Hand auf deinen Unterarm gelegt, wasauchimmer, und egal ob von Partner, bester Freundin, Eltern - einfach etwas das du als unterstützend, positiv bestätigend, Sicherheit gebend erlebt hast. Und dann überlegen, wie du die Berührung abwandeln kannst, so dass du selbst dir diese "Streicheleinheit" geben kannst.

Der Anfang von sowas ist schwierig - deshalb denke ich dass es sinnvoll ist, dieses Adaptieren zusammen mit der Therapeutin zu machen. Aber das kann nur gelingen, wenn du ihr zurückmeldest, wenn sich etwas was sie vorschlägt für dich nicht richtig oder irgendwie albern anfühlt.
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Janie1975 » 24. Januar 2016 12:02

Dann mache ich direkt mal einen neuen Termin... ich habe mich auch immer gewundert, warum wir so wenig darauf eingegangen sind, aber es gab auch immer 1.000 Baustellen bei mir:-(

Nichtsdestotrotz habe ich gestern mit meinem Mann ausführlich über die familiäre Situation gesprochen. Und ich habe mal wieder gemerkt, dass ich mich im Mittelpunkt dieser Familiengeschichte sehe und das möchte ich ändern. Ich muss mich distanzieren und darf - wie du es so schön geschrieben hast :-) auch mal böse sein. Abgesehen davon sind die anderen ja auch mal böse, ich sehe das nur nicht.
Und ich hab einfach keine Lust mehr, zwischen allem zu stehen. Meine Mutter mag die Familie meines Mannes nicht, also lade ich beide zusammen einfach nicht mehr ein - auf das Gejammer und Geläster meiner Mutter noch Tage danach habe ich keine Lust mehr, so hat sie uns schon die Hochzeit versaut.
Und auf meinen Bruder und seine Frau habe ich auch keine Lust mehr! Zur Taufe des Kleinen werden wir sicher gehen, da kann man sich ja hervorragend aus dem Weg gehen bei so nem großen Event. Aber einladen zu uns? Nee, warum?
Wenn mein Bruder zum Geburtstag meiner Großen im März kommen will, muss ich mir noch was überlegen. Bisher war das so, dass er abends kam, ihr ein Geschenk gab, dazu ne Karte, die von meiner Schwägerin geschrieben wurde, die meine Tochter alle 2 Jahre mal sieht - wer will das?
Mein Mann sagt, ich soll bloß nicht wieder die Welle machen und ihm geradeheraus sagen, dass für mich keine Basis mehr da ist, sondern das Ganze etwas im Sande verlaufen lassen soll. ist sicher besser, aber ich habe keine Lust auf diese dämlichen Besuche. Wie ich das regele, weiß ich noch nicht ... ich will auch nicht beide hier haben, Bruder und Schwägerin - für mich ist die Atmosphäre giftig. Das Wissen, dass sie mir immer nachtragen wird, was Jahre her ist und dass die Verhaltensweisen von ihr, den Kleinen vor mir wie vor einem Monster zu beschützen, machen es für mich unmöglich, eine Basis zu finden. Ich will die nicht hier haben und ich will nicht zu denen. Für die nächsten Jahre mindestens. Punkt!
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon laetitia » 24. Januar 2016 12:22

Liebe Janie1975

Das finde ich ein guter Rat deines Mannes. Wenn die Sache etwas ausgekühlt ist, kannst du vielleicht ganz neue Sichtweisen entwickeln und bist vielleicht froh, dass du nicht noch aktiv den Schuh in den A* gegeben hast, kannst den auch einfach in deinem Kopf geben  :breitgrinse1:.
Bis dahin brauchst du und alle einfach etwas Zeit und die darfst du dir nehmen.

Es gibt in meinem Leben viele Beziehungen, die dramatisch endeten. Wo ich zutiefst verletzt wurde, was auch an mir lag, aber da sind IMMER zwei im Spiel (50/50-Prinzip). Fast alle diese Beziehungen haben sich über die Zeit wieder eingegeben. Mit zweien bin ich heute wieder sehr nah befreundet (so nah wie es für mich geht, da ich mühe habe, wirklich enge Freundschaften zu pflegen, woran ich aber arbeite, ist eine meiner grossen Baustellen). Alte Geschichten spielen höchstens noch in dem Masse eine Rolle, wo es darum geht, über sich selbst zu lachen. Bei den anderen hat es sich einfach nicht mehr gegeben, weil wir uns interessemässig in andere Richtungen entwickelt haben. Es besteht nicht das Bedürfnis, einander zu sehen. Aber es wäre auch kein Problem, wir könnten normal miteinander umgehen.
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Janie1975 » 7. Februar 2016 19:44

Mittlerweile sind ein paar Wochen vergangen und mir geht es gut. ich denke zwar ab und zu über das Thema nach, aber ich habe mich innerlich distanziert. Wenn ich diese ganzen SMS lese, geht es mir nicht mehr so nahe, ein bisschen verstehe ich diese Frau sogar. Es gibt halt unüberwindbare Grenzen zwischen ihr und mir, und die Tatsache, dass mein Bruder sich nicht meldet, zeigt mir, dass auch für die beiden der Weg der "beste"/ "angenehmste" ist. Ich glaube, nur mit einem "fast-Kontaktabbruch" komme ich wieder auf einen grünen Zweig, und ob und inwiefern ich dann wieder Kontakt aufnehme, entscheide ich dann.
Ich werde demnächst einen Termin bei meiner Therapeutin machen und ganz dezidiert um Hilfe bzgl. des Themas "Selbstachtsamkeit" bitten.
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Janie1975 » 16. Februar 2016 12:28

Hallo nochmal,

es gibt nicht wirklich was neues, aber ich muss hier noch mal schreiben und mir Tipps holen. Ich bin zwar gedanklich klar, aber wenn ich in einer akuten Situation bin, handele ich emotional.... Mein Entschluss steht aber fest - Kontakt auf das minimalste begrenzen.

Das hat aber auf jeden Fall zur Folge, dass es eine Reaktion darauf geben wird. Mein Bruder wird sich wundern, denn ich hatte ja angekündigt, den Kontakt intensivieren zu wollen. Ich habe keine Ahnung, ob er von dem SMS-Dialog zwischen mir und meiner Schwägerin weiß. Darin steht ja auch nicht wirklich, dass meine Schwägerin so oberflächlichen Kontakt haben will, wie ICH das nun vorhabe.

Er meldet sich zwar zur Zeit nicht, aber es wird es spätestens zum Geburtstag meiner Großen in ein paar Wochen tun. Und bisher kam er immer abends, brachte ein Karte und ein Geschenk, von meiner Schwägerin geschrieben und eingepackt (die ja seit Jahren keinen Fuß in unser Haus setzt) und machte small talk - und auch das möchte ich nicht mehr.
Ich weiß aktuell aber einfach nicht, wie ich am Telefon reagieren soll, wenn er anruft, um zu fragen, was meine Große sich wünscht und wann er kommen kann.
Ich möchte ihm sagen, dass meine Große nichts braucht. Kerngedanke ist, dass ich dieses "Wir schenken den Kindern was, sehen sie 1x im Jahr" einfach nur schwachsinnig finde. Meine Tochter kann eh schon nichts mit ihrem Onkel und ihrer Tante anfangen.
Darüber will ich aber keine Grundsatzdiskussion führen! Eigentlich denkt mein Bruder ja, ich will wieder mehr Kontakt. Wenn er dann auch noch fragt, wann er kommen kann, und ich sage, dass es zur Zeit schlecht ist und ich mich wegen eines besseren Termins melde, wird er den Braten riechen.
Und wie gesagt - eigentlich möchte ich mit ihm nicht darüber sprechen - ich möchte den Kontakt halt einfach noch minimaler gestalten.
Wenn ich mit ihm darüber rede (und ich denke, er wird nachbohren), muss ich meine Worte sorgfältig wählen - berichte ich von dem SMS-Dialog, muss ich mich erklären. Dann wäre ich ehrlich - mein Wunsch nach Kontaktreduzierung rührt ja eigentlich daher, dass meine Schwägerin mich als Monster betrachtet, wenn ich meinen Neffen auch nur anfasse, sowie ihrer Ansage, dass für sie fürs verzeihen zu viel vorgefallen ist. Und das ist für mich keine Basis.
Aber dann wird er sie darauf ansprechen (falls er nichts von den SMS weiß). Dann wird sie aus der Haut fahren und ich werde es wieder abbekommen - eine böse Mail an mich, Geläster über mich, Aufgehetzte meines Bruders gegen mich.
Das möchte ich vermeiden.
Hat er die SMS gelesen, wird er mir evtl.vorwerfen, dass ich das ja alles selbst schuld sei.
Egal, was ich tue, es wird wieder mit Emotion verbunden sein. Und ich habe einfach keine Lust mehr auf Emotionen bei den beiden, meine Schwägerin wird schnell zur Furie und mein Bruder haut schnell Unverschämtheiten raus. Und mich wird das leider immer noch quälen (aber ich arbeitet daran:-) )

Daher überlege ich so Worte wie "Ich habe nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass es vielleicht besser ist, das Ganze ganz langsam anzugehen, also vielleicht erst mal Geschenke, Treffen etc. sein zu lassen".
Damit halte ich mir ja alle Optionen offen. Wenn er nach einer Begründung fragt, kann ich ja einfach sagen, dass ich es einfach besser fände und dass mir mein Gefühl das so sagt.

Ich arbeite an mir, täglich, Donnerstag habe ich auch eine Sitzung, in der ich über das alles reden werde. Wenn ich mir sicher in meinen Entscheidungen bin, werde ich die richtigen Worte finden, ohne mir hier Rat zu holen. Aber so weit bin ich noch nicht.
Mir ist zur Zeit halt wichtig, dass dieser halbe "Kontaktabbruch" ohne erneutes Drama abläuft.

Habt ihr Tipps, wie ich solche Situationen entschärfen kann? Irgendwann WIRD es zu Kontakt kommen, telefonischem. Und dann habe ich die Fäden in der Hand.
Zuletzt geändert von Janie1975 am 16. Februar 2016 12:29, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Sheherazade » 16. Februar 2016 13:36

Was du möchtest, kann man lesen. Was möchte denn deine Tochter? Es geht ja um ihren Geburtstag.
Sohn *2003 - Autist mit komorbider ADHS
Sohn *2001 - ADS
2 Töchter *1998 und * 1989
Schmerz vergeht, aufgeben ist für immer.
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon laetitia » 16. Februar 2016 13:57

Hey Janie1975

Finde ich gut, wenn du das in der Thera nochmals anschaust und deine Gedanken nochmals formulierst.

Spontan beim lesen dachte ich, wow, du bist wieder voll in einer Gedankenschlaufe drin, stellst dir Antworten zu Fragen zusammen, die gar noch nicht im Raum sind...woher weisst du, wie sich dein Bruder verhält oder ob das überhaupt so geschehen wird?

Also als Therapeut würde ich jetzt sagen: Hey, drück mal die Stopp-Taste  :ja1:, was genau ist jetzt relevant?

Kennst du das Skillsmanual der DBT? Es gibt dort eine Übung, in der es darum geht, die Fakten zu überprüfen. Es geht darum, einmal alles aufzuschreiben, was man befürchtet und zwar im schlimmsten Fall. Das Ganze mal durchspielen. Bis zum Ende. Danach überlegen, wie realistisch dieser Fall eintreten würde. Und was man tun kann, um dem entgegenzuwirken. Meistens aber ist es im Kopf einiges dramatischer als dann in Wirklichkeit...

Wenn dein Bruder anruft und fragt, was sich deine Tochter wünscht, wäre jetzt mein spontaner Vorschlag, dass du sie selber ans Telefon holst, damit sie mit ihm sprechen kann. Du könntest ihm sagen, dass er sie selber fragen soll, da sie langsam aus dem Alter raus ist, wo sie dir ihre Wünsche mitteilt. Vielleicht ist das auch für deine Tochter ein Zeichen, dass du sie ernst nimmst in ihrem Älterwerden. Du kannst sie ja fragen, ob sie mit ihrem Onkel über ihren Geburtstag sprechen möchte. Wenn sie nein sagt, dann ist es dann ihre Entscheidung und du bist fein raus  :ichboss:.

Darüber was dein Bruder dann denkt und was hinter den Kulissen passiert, würde ich möglichst nicht nachdenken. Es ist seine Sache, hat mit ihm und seiner Partnerin zu tun. Schau zu dir, dir muss es gut gehen, du lebst dein Leben und niemand sonst. Wenn er irgendwann wieder Teil davon sein soll, wird das auch passieren. Vielleicht geschieht das schneller, wenn du los lässt und für dich schaust, dein eigenes Selbstbild stärkst und so immer weniger abhängig bist davon, was andere über dich denken.

Meiner Erfahrung nach denken die anderen eh, was sie wollen...und je mehr ich zu mir stehe, wie ich bin und mich annehme, desto mehr erlebe ich, dass andere mir positiv gesinnt sind. Das tönt so einfach, ich weiss...soll natürlich nicht heissen, dass das so ganz ohne Weiteres geht. Doch hey, es ist auch nicht unmöglich :zwink:.

Vielleicht lässt du die Grübelei einfach sein und widmest dich einer Sache, die dir Freude macht  :6094:, das entspannt oft die Sache und bringt neue Gedanken in Fluss, die dann nicht so sehr am Eingemachten zehren, sondern Klarheit schaffen.

Liebe Grüsse
Zuletzt geändert von laetitia am 16. Februar 2016 14:00, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Janie1975 » 16. Februar 2016 19:21

Ja klar nagt das noch an mir, aber ich bin in keiner Gedankenschleife - mir geht es richtig gut zur Zeit, ich habe keine Kopfschmerzen mehr, arbeite viel und mit viel Spaß und kann endlich wieder joggen gehen, weil meine Dauer-Erkältung endlich weg ist:-)

Also, meine Tochter zu involvieren, halte ich für keine gute Idee. Sie ist 6 und hat auch schon mitbekommen, wie ich stundenlang heulend auf der Couch saß, sie weiß auch, dass das Verhältnis zwischen mir und den beiden nicht gut ist. ich will sie da nicht reinziehen. Sie hat meinen Bruder in den letzten Jahren vielleicht 2x im Jahr gesehen - er wird ihr also nicht fehlen.
Außerdem habe ich mich ja entschieden - ich möchte diese oberflächlichen Geburtstagsbesuche einfach nicht mehr!

Leider bin ich mir relativ SICHER, dass mein Bruder sich bzgl. des Geburtstags melden wird. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er nachfragen wird, wenn ich ablehnend reagiere. Ich kenne ihn, und diese Geburtstagsbesuche gibt es, seit meine Tochter auf der Welt ist.

Und da muss ich einfach die richtigen Worte parat haben. Sonst falle ich wieder in eine Verteidigungshaltung, fühle mich schlecht etc. So ist es leider zur Zeit bei mir, ich arbeite dran, aber es geht nicht so schnell und ich will mir jegliches Drama ersparen. So mache ich es mir leichter und das zählt im Moment für mich.
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Roosvelt » 16. Februar 2016 21:35

Hallo Janie,

ich mag meine Geburtstag nicht feiern. Ich habe fest gestellt, dass er mich nicht gut tut. Ich bin immer am Ende des Tages frustriert. Seit ein paar Jahre, mache ich also Folgendes: Am diesem Tag bin ich nicht zu Hause und mein Handy ist ausgeschaltet. Wenn möglich bin ich auch gern das ganze Wochenende aus dem Haus.
So sind die oberflächige Wünsche meiner Schwiegermutter und co. auf AB gesprochen.
Ein paar Tage später hört sich mein Mann freundlicherweise die ganze Reihe von Nachrichten an, und ich schreibe jedem eine Email um mich zu bedanken. Und so bleibt die Welt in Ordnung bei uns.

Vielleicht kannst Du dich so was in der Art als Umgehungsmethode denken?

Wenn du jetzt deinem Bruder erklärst, dass du diese oberflächlichen Kontakte nicht mehr wünschst, wo du gerade vor kurzer Zeit genau das Gegenteil gesagt hast,  hätte es große Chancen komisch an zu kommen.

Liebe Grüße,
Charlie
Zuletzt geändert von Roosvelt am 16. Februar 2016 21:36, insgesamt 1-mal geändert.
Mist! Ich habe mein Einhorn im Raumschiff vergessen :o
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Janie1975 » 4. März 2016 13:44

Ich hatte mittlerweile eine sehr aufreibende, emotionale Sitzung bei meiner Therapeutin. Seitdem bin ich ein Stück distanzierter der Sache gegenüber, die Emotionen werden weniger.

Ich sollte versuchen, die Sichtweise meines Bruder und die meiner Schwägerin einzunehmen.
Das kann ich, und ich kann alles zu 100% nachvollziehen, das Ablehnen, die Distanz, die Kommunikation mit mir etc.
Das war auch eigentlich nie das Problem.

Mir ist mittlerweile aber klar geworden, dass ich nicht mehr die "Reife", "Vernünftige" sein will. Das habe ich jetzt jahrelang getan, aber bisher ist es ja nie auf irgendeine Form von Gegenseitigkeit gestoßen.

Ich glaube, mein Bruder und seine Frau sind Menschen, mit denen ich nie im Leben Kontakt hätte, wenn sie nicht zur Familie gehören würden.

Mir ist es auch nicht mehr wichtig, wieder irgendeine Art von "Familienfrieden" oder "Waffenstillstand" o.ä. herzustellen. Die leben ihr Leben, ich lebe meins, und es ist wirklich Meilen davon entfernt.

In den letzten Wochen kamen zwar immer wieder Erinnerungen an meinen Bruder hoch, wie wir gemeinsam Quatsch gemacht haben als Kinder etc., aber wir haben uns beide seitdem massiv verändert. Die Zeiten kommen nicht wieder ...

Solange ich die beiden (drei) nicht sehen möchte, werde ich das auch nicht tun - Zusammenreißen, Krampf, diese versteinerten Gesichter von den beiden, dazu das an sie gekettete Kind - das wäre wirklich Zeitverschwendung und würde mich wahrscheinlich noch mehr von ihnen distanzieren.

Vielleicht ist sie ja wieder entspannter mit dem Kind, wenn es im Kindergartenalter ist und sie wieder arbeiten geht. Vielleicht wäre es dann Zeit für ein Treffen, vielleicht auf einem Spielplatz oder so.

Die Tatsache, dass sie meinen Eltern gegenüber immer so extrem mit dem Kind ist (meine Mutter ist völlig fertig deshalb) und sie auch nur alle 1-2 Monate mal für eine halbe Stunde da sind, zeigt ja nun auch, dass sie sich distanzieren. Ich weiß zwar nicht, wohin das führt und wie mein Bruder damit klar kommt, aber er scheint es zu tolerieren oder vielleicht sogar mitzuleben.

Aber das ist alles weit weg von mir, auch wenn manchmal noch Emotionen hochkommen.

Ich werde jetzt auf mich zukommen lassen, wie sich der Kontakt gestaltet. Und wir fahren tatsächlich über den Geburtstag meiner Großen weg :-)
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Janie1975 » 16. März 2016 09:00

Mein Bruder hat sich gemeldet, telefonisch. Ein bisschen smalltalk mit meinem Mann, dann hab ich mit ihm gesprochen. Er möchte meiner Tochter etwas zum Geburtstag schenken. Ich habe ihm gesagt, dass sie alles hat und er gerne etwas auf ihr Sparkonto überweisen kann, aber er möchte ihr (auch) etwas Materielles schenken.
Das heißt, er wird auch irgendwann hier vorbeikommen wollen. Und darüber habe ich lange nachgedacht. Ganz objektiv betrachtet könnte ja jemand Außenstehender denken, ich stelle mich an. Nach den letzten Monaten wäre es ja eigentlich logisch, für alles offen zu sein und sich in Toleranz und "Demut" zu üben. Vielleicht würde mir das ja auch gelingen, aber leider spielen meine Emotionen da nicht mit. Ich bin halt stark von Emotionen geprägt und die Geschichte zwischen meinem Bruder und mir ist sehr individuell, so dass eigentlich niemand das Recht hat, ein Urteil zu fällen darüber, wie sich wer wann verhält oder verhalten hat. Es ist so wie es ist.

Ich weiß, dass es mir einfach besser geht, wenn der Kontakt so reduziert und oberflächlich wie möglich ist.

Ich schaffe es nicht, über meinen Schatten zu springen und alles beiseite zu schieben, was war. Wie hier schon jemand schrieb, auch mein Bruder, und auch seine Frau haben sich in den letzten Jahren und Monaten nicht immer korrekt verhalten. Und auch auf die Gefahr hin, als "albern", "zickig" und "nachtragend" bezeichnet zu werden und die Heularien meiner Mutter ertragen zu müssen - mein Entschluss steht fest.

Die nächsten Jahre werde ich sicher erst mal den größtmöglichen Abstand halten. Mein Wohlergehen steht im Vordergrund und ich muss diese Sache mal abhaken. Keine Erwartungen, kein Gefühl von "es muss doch, er ist ja dein Bruder!", kein schlechtes Gewissen meiner Mutter gegenüber.

Nun darf ich mal nachtragend und kompliziert sein und an mich denken! Mein Mann steht voll hinter mir, er ist auch froh, sich nicht weiter ständig zusammenreißen zu müssen. Mein bzw. unser Leben ist so reichhaltig auch ohne diese Verwandschaftsbeziehungen und -dramen und uns geht es einfach viel, viel besser, wenn dieser Bereich erst mal ausgeklammert bleibt - kein Grübeln, Ärgern, kein Gedankenkarussell. Ich glaube generell, dass ich zu meiner Schwägerin nie so etwas wie eine Beziehung aufbauen werde. Und mein Bruder hat sich dermaßen verändert, dass er einfach ein riesiges Stück von mir abgerückt ist. ich frage mich, was ich von ihm erwartet habe - ich glaube, dass er ganz viele Dinge (Empathie, Kommunikation, Selbstreflexion etc) gar nicht kann/ gewohnt ist, oder zumindest auf eine andere Art und Weise als ich versteht.
Sein Leben ist ganz anders als meins und warum sollen wir uns dazu zwingen, sie zwanghaft miteinander zu verbinden o.ä., nur, weil wir verwandt sind? Gegenseitige Toleranz und Akzeptanz, Neutralität und vielleicht sogar Sympathie wäre das Ziel, aber so weit bin ich noch lange nicht.

Wenn ich wieder bereit bin, kann es sein, dass der Kontakt wieder mehr wird, aber das werde ich entscheiden, wenn es so weit ist.

Nun muss ich gucken, wie ich reagiere, wenn ich keine Lust habe, ihn oder alle drei zu sehen. Falls er kommt, um meiner Tochter zu gratulieren oder ihr was zu schenken, kann ich ja vorher entscheiden, ob ich joggen gehe oder zuhause bleibe.
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Re: "Gönnen können"

Beitragvon Janie1975 » 24. März 2016 19:08

Heute hat meine Große Geburtstag und mein Bruder kam unangekündigt vorbei. Wieder alleine, mit der Aussage, der Kleine ließe sich entschuldigen, er habe Verstopfung.
Das gewünschte Geschenk, mit einer Karte von meiner Schwägerin geschrieben, wie immer.

Dann noch Ostersüßigkeiten und Geschenke für Ostern für die Kinder - ich versteh die Welt nicht. Das haben wir nie gemacht und was soll das? Alles von meiner Schwägerin beschriftet.

Ich finde das alles höchst albern, aber zum Glück belastet es mich nicht so sehr, heute wars echt gut, ich konnte sogar nach dem Befinden des Kindes und dem meiner Schwägerin fragen, ohne dass mein Puls in Unermessliche stieg.

Trotzdem denke ich, dass mir Abstand guttut. Kontakt dieser Art ist echt verkrampft, schlimmer wäre es gewesen, wenn meine Schwägerin mitgewesen wäre, daher bin ich eigentlich ganz froh, dass sie unser Haus meidet.

Die Frage ist, kann ich zwischen meinem Bruder und ihr trennen? Und Kontakt zu meinem Bruder haben, während sie ja keinen will? Das wäre eine hohe Kunst und ich weiß zur Zeit nicht, ob ich das aktuell schaffe, die Tendenz ist eher negativ.

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