AD(H)S Verleugnung --- Völlig normal?

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Wasabi
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AD(H)S Verleugnung --- Völlig normal?

Beitrag von Wasabi » 17. Januar 2015 16:46

Nachdem ich den x-ten Schwachsinn bezüglich der nicht existenz von ADHS gelesen hatte,
möchte ich mal eine These formulieren, die ich liebend gerne ausdiskutieren würde.

AD(H)S Verleugnung ---> Völlig normale Reaktion !

Es ist eine statistisch als auch menschlich nachvollziehbare Reaktion bzw. ein Bezug zu einem Standpunkt.
Dies ist unabhängig davon, worum es überhaupt geht. Es ist viel mehr ein kindliches Abwehr- sowie Trotzverhalten als auch der Wunsch nach Individualismus.
Man will einfach nicht das selbe Haben/Denken/Machen wie der Großteil!
Dieses hat wie bei einem Kind gewisse Reifezustände die mit steigendem Wissen die nächste Stufe erreichen, aber nie eine 100% Zustimmung bei allen findet.

Nehmen wir Depression.
1- Bis vor wenigen Jahrzehnten galt es bei vielen Menschen, aber auch Ärzten, als eine reine Persönlichkeitsschwäche.
Ein kleiner Teil hat nicht daran geglaubt und ging von einer Krankheit aus.
2- Später mit der Zeit hielten sich die beiden Parteien im Gleichgewicht, da wiss. Hinweise auf Erkrankung gab,
aber keine Handfeste beweise, sowie das Wissen sich noch nicht verbreitet hat.
3- Jetzt, als es zu 100% bewiesen werden konnte, dass Depression keine Charakterschwäche ist,
glaubt immer noch ein gewisser kleiner Prozentsatz daran. Der Großteil folgt aber dem aktuellen Forschungstand.

Könnte jetzt noch das Beispiel aufführen mit "Erde ist eine Scheibe", daran glaubt bestimmt einer von 10.000.000.

Wenn wir zu ADHS kommen, befinden wir uns beim Reifegrad zwischen 2 und 3. Es gibt keine 100% Beweise, aber
der aktuelle Forschungsstand zeigt eine klare Tendenz -> NICHT ERFUNDEN , es fehlt nur an zuverlässigen Methoden
die Krankheit eindeutig zu diagnostizieren.

Zudem kommt, das manche Betroffene sowie die Allgemeinheit immer noch das Thema psych. Erkrankung stigmatisieren und Betroffene
es selber nicht wahrhaben wollen erkrankt zu sein und im religionsartigem Glauben darauf bestehen, dass sowas nicht gibt
um "das eigene Gesicht zu wahren". Des weiteren ist auch der Drogenkrieg sowie die dazugehörende Propaganda schuld,
dass MPH verteufelt wird und auf eine Ebene gestellt und man einerseits nichts von psychischen Erkrankungen wissen will und schon garnicht es auch nur angucken
will, was die Propaganda verteufelt.
Das viele es mit Drogen gleichsetzen, haben wir es der Regierung zu verdanken, die es explizit als "Betäubungsmittel" deklariert und in gleiche Liste
mit anderen, gefährlichen Substanzen, packt, nur mit dem Zusatz "Verkehrsfähiges BtM".

Abschließend möchte ich den Aspekt mit "die Angst der Unwissenheit" aufführen und das solche Themen
für den Großteil einfach zu abstrakt sind und die differenzierte Denkweise fehlt sowie der Wunsch sich damit auseinander zu setzen.
Es ist viel einfacher Themen in Schubladen zu stecken. Bildzeitung ist ja nicht umsonst so erfolgreich mit dem Rezept "Wetter, Sex, Angst und Pauschalisierung".

Bei den Personen mit etwas erweitertem Blickwinkel besteht meiner Ansicht nach die Angst vor der Pharmakagesellschaft.... Aber das ist ein anderes Gericht, dass
nicht umbedingt mit der Behandlung von Erkrankten zusammen serviert werden soll.
:108:
Zuletzt geändert von Wasabi am 17. Januar 2015 16:48, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: AD(H)S Verleugnung --- Völlig normal?

Beitrag von Wölfin » 18. Januar 2015 09:04

Das Problem aus meiner Sicht ist auch, dass man ohne Grund, sich damit zu beschäftigen, nichts oder zu wenig weiß.
Sieht man jemanden mit Brille oder Hörgerät, ist das normal... wobei Hörgeräte bei Leuten unter 60 noch eher selten sind. Aber jeder kennt irgendwen mit einem dieser Probleme.

ADHS und viele andere Probleme sieht man nicht. Man sieht auch nicht, bei wem es diagnostiziert wurde.
Würde man das sehen können, wäre es zwar für die Betroffenen zuerst schwer, aber irgendwann würde allen klar werden, dass die meisten Klischees nicht immer zutreffen.

Bei Asperger scheint ja im Moment ein Umdenken stattzufinden, zumindest bei einigen Firmen. Die suchen ja angeblich mittlerweile gezielt solche Leute, weil sie die Vorteile erkannt haben und nutzen wollen. Ich finde auch das nicht "den richtigen Weg", aber es ist ein Anfang.
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Re: AD(H)S Verleugnung --- Völlig normal?

Beitrag von No User » 18. Januar 2015 10:05

Ich nehme an, das psychologische Reflexe dahinter stehen, die dazu da sind, das eigene Selbswertgefühl zu schützen. Daher die weit verbreitete Neigung, sich selbst aufzuwerten, indem man andere herabsetzt, auf sie herabblickt.

Das gilt auch und gerade in Erziehungsfragen. Jeder will eine "gute Mutter" bzw. ein "guter Vater" sein, und wenn jemand keine Kinder hat, dann will man zumindes klarstellen, man hätte das Zeug dazu, wenn man Kinder hätte.

Und so neigt man dann tendenziell dazu, alles Positive an kindlicher Entwicklung eigener Kinder der eigenen Erziehungskompetenz zuzuschreiben und Problematisches kleinzureden oder zu relativieren, während man weniger liebevoll auf fremde Kinder schaut und dort vor allem jedes Problem ausschließlich als Produkt ihrer Erziehung durch ihre Eltern ansieht.

Alles, kurz gesagt, um sich besser zu fühlen.

Ein Konzept, wonach neben Umweltfaktoren (die auch schon über den elterlichen Einflusshorizont hinausgehen) auch noch Biologie und Genetik mitmischen, wo Krankheiten bzw. Störungen Verhalten beeinflussen, steht oben genanntem "Wohlfühl-Reflex" nur im Weg. Und das, obwohl eigentlich ganz offensichtlich jede Krankheit immer auch Verhalten beeinflusst.

Das ist natürlich zugespitzt erklärt. Ich beneide auch nicht die Menschen, die sich auf diesem Wege besser fühlen. Etwas mehr Fokus auf "das Gute" im Menschen, etwas mehr Vertrauen, Konzentration auf Positives, Schwächen und Fehler mit Humor nehmen usw. fühlt sich am Ende m.E. doch besser an.

Wasabi, aus deinem Erklärungsansatz, an dem sicherlich auch einiges dran ist, greife ich mir -um keinen noch längeren Roman zu schreiben- nur heraus, was ich deutlich anders sehe:

Es fehlt NICHT an zuverlässigen Methoden der Diagnostik. Man muss das aber in Relation sehen, weil in der gesamten medizinischen Diagnostik keine absolute Sicherheit üblich ist, natürlich erst recht, aber nicht nur bei psychischen Störungen.

Medizin beruht auf Erfahrung und Wahrscheinlichkeiten. Zusätzlich muss man noch unterscheiden zwischen zur Verfügung stehenden Diagnosemethoden und deren praktischer Anwendung in einem realen Gesundheitswesen.

Hält man sich an den Goldstandard der Diagnostik und arbeitet die Diagnosekriterien vollständig ab, kann man eine ziemlich zuverlässige Diagnose bekommen. Die Zeit und damit das Geld, was dafür notwendig wäre, sieht aber keine Krankenkasse vor.

Wem das noch immer zu unsicher ist, der kann die Diagnostik durch zweite, dritte usw. Meinungen unabhängig überprüfen lassen. Wie sinnvoll bzw. wichtig das eigentlich ist, steht auf einem anderen Blatt.

Es gibt andere medizinische Fragen, da wirst du an absolute diagnostische Sicherheit glauben wollen und kannst froh sein, wenn du die Hintergründe nicht kennst.

So kann z.B. die Frage nach einer evtl. notwendigen Beinamputation von Prognosen abhängen, in welchem Verhältnis die Chance, dass eine lokale Infektion noch abheilt, zu dem Risiko steht, dass sie ausgeweitet zur systemischen Infektion töten könnte. Bei aller Erfahrung mit vorangegangenen Fällen hat das am individuellen Patienten auch etwas von Kaffeesatzleserei.

Oder Frau liegt auf dem OP-Tisch und Schnitte einer Biopsie aus ihrer Brust liegen in der Histologie unter dem Mikroskop. Da kann die Frage ob gut- oder bösartig und noch konkreter nach dem Gewebetyp des Tumors über Brust ab oder brusterhaltend entscheiden. Dafür gibt es Zellmerkmale, die man quantifizieren und mit Normen abgleichen kann - aus denen sich aber auch wieder nur eine Wahrscheinlichkeit ergibt.

So ähnlich bei fast allen Bluttests, deren Fehlen bei ADHS immer wieder bemängelt wird. Aber natürlich zeigen sich längst nicht alle Krankheiten und Verletzungen ausgerechnet am Blut und selbst wenn, kann man nur die individuellen Laborwerte vergleichen mit Normalverteilungen von Werten, denen man willkürlich Grenzen gezogen hat, wo "normal" aufhört und "krank" anfängt. Auch das wieder "nur" Statistik.

Bei ADHS geht es aber weder um Leben und Tod, noch um irreparable Eingriffe. Das Kind bekommt mit Diagnose vielleicht Verhaltenstherapie und Integrationshilfe, die ihm auch unabhängig von der Diagnose geholfen hätte. Und darf evtl. einen Versuch mit Stimulanzien machen, die man sowieso wieder absetzt, wenn sie nichts bringen oder nicht vertragen werden. Man muss also die Anforderungen an Diagnosesicherheit immer auch mit der Aussagekraft der Diagnose in Bezug setzen. Die Verschreibung von Stimulanzien erfordert schon einige Sicherheit, einen pädagogisch sinnvollen Umgang kann ich aber auch direkt am Verhalten festmachen statt an der Diagnose.

Wie alle Gesetze ist das BtmG in einer Juristensprache geschrieben, die mit der natürlichen Sprache Deutsch nur wenig gemein hat. Während man umgangssprachlich unter einem "Betäubungsmittel" ein Mittel verstehen würde, das betäubt, ist das im BtmG anders:

Dort ist "Betäubungsmittel" quasi rekursiv definiert: Betäubungsmittel ist, was im Anhang des BtmG aufgeführt ist. Und das sind i.d.R. Stoffe, von denen man ein gewisses Missbrauchspotential unterstellen muss. Das ist bei MPH durchaus vorhanden. Und als Psychopharmakon mit Missbrauchspotential passt es dort hinein. Dass Medien daraus machen, Medikation mit MPH würde "betäuben", ist allerdings voll an der Realität vorbei.

Im Zusammenhang mit deinem letzten Absatz: Wenn ich mir den Arbeitsplatz meiner Frau so anschaue, und wie dort reihenweise KollegInnen in den Burnout fallen, dann bekomme ich auch Angst vor einer Arbeitswelt, die man ohne pharmakologische Nachhilfe nicht lange aushält, und mit auch nur solange, bis man entsorgt wird und die Risiken und Nebenwirkungen alleine ausbaden kann.

LG
Steffchen
Zuletzt geändert von No User am 18. Januar 2015 10:13, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: AD(H)S Verleugnung --- Völlig normal?

Beitrag von Wasabi » 19. Januar 2015 21:47

steffchen hat geschrieben: Wie alle Gesetze ist das BtmG in einer Juristensprache geschrieben, die mit der natürlichen Sprache Deutsch nur wenig gemein hat. Während man umgangssprachlich unter einem "Betäubungsmittel" ein Mittel verstehen würde, das betäubt, ist das im BtmG anders:

Dort ist "Betäubungsmittel" quasi rekursiv definiert: Betäubungsmittel ist, was im Anhang des BtmG aufgeführt ist. Und das sind i.d.R. Stoffe, von denen man ein gewisses Missbrauchspotential unterstellen muss. Das ist bei MPH durchaus vorhanden. Und als Psychopharmakon mit Missbrauchspotential passt es dort hinein. Dass Medien daraus machen, Medikation mit MPH würde "betäuben", ist allerdings voll an der Realität vorbei.
Hallo Steffchen,
du hast mich überall wohl richtig verstanden, aber nicht in diesem Punkt. Mir ging es nicht um das Wort, wo aber auch schon 50% der Ottonormal Bevölkerung daran scheitern,
sondern um die willkürliche Positionierung der einzelnen Substanzen und das als Gesamteindruck nur die Summe der schlimmsten Nebenwirkungen aus dieser Liste auf alle dort übrig bleibt.
Missbrauchpotential kann nicht allein als Grund angesehen werden zB -> Missbrauchspotential und Suchtgefährdung ist bei Benzodiazepinen extrem hochgradig,
aber fast alle sind nur Verschreibungspflichtig. Andererseits stehen viele Substanzen ohne bleibenden Nebenwirkungen oder Suchtpotential unter "Nicht Verkehrsfähiges BtM"...
Aber darum geht es mir hier wirklich nicht und deshalb ich möchte bitte bitte keine Diskussion über BtmG lostretten.

Wollte nur andeuten, dass es an der Zeit wäre im Sinne aller Patienten sich vom Stempel "Betäubungsmittel-Konsument", durch eine differenziertere Aufteilung, zu lösen.
Im Zusammenhang mit deinem letzten Absatz: Wenn ich mir den Arbeitsplatz meiner Frau so anschaue, und wie dort reihenweise KollegInnen in den Burnout fallen, dann bekomme ich auch Angst vor einer Arbeitswelt, die man ohne pharmakologische Nachhilfe nicht lange aushält, und mit auch nur solange, bis man entsorgt wird und die Risiken und Nebenwirkungen alleine ausbaden kann.
LG
Steffchen
Dahingehend hat sich die Menschheit nunmal in Ihrem kollektiven Größenwahn entwickelt, sich als die höchste Spezies anzusehen und sich gar mit Maschinen gleichzusetzen,
ohne der Evolution auch nur den Hauch einer Chance zu geben. Die Wissenschaft wird aber früher oder später "Gott" spielen müssen und zwar richtig, moralische Bedenken hin oder
her. Der Menschliche Körper ist dafür nicht geschaffen und entweder das System muss sich ändern oder das System muss sich einen kompatiblen Menschen konstruieren.
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Re: AD(H)S Verleugnung --- Völlig normal?

Beitrag von No User » 20. Januar 2015 09:17

Da hast du schon Recht. Ich reagiere allerdings allergisch auf den Begriff "das System". Das muss jetzt gar nichts mit dir zu tun haben, aber dieser Begriff lässt sich herrlich missbrauchen und genau davon wird gerade auch massiv Gebrauch gemacht.

Denn in "das System" kann man wunderbar alles hineinpacken, was einem nicht gefällt, und sich selbst davon ausnehmen. So baut man sich ein Feindbild.

Das ist aber eine ziemliche Heuchelei, denn dieses System wird nicht nur von (irgendwelchen) Menschen gemacht, vielmehr sind wir alle (ob gewollt oder ungewollt) Teil des Systems. Aber dafür entsprechend Verantwortung zu übernehmen, ist -milde gesagt- zu wenig verbreitet, wird aber durch ein solches Feindbild noch mehr ausgebremst.

Zugespitzt und vereinfacht gesagt entscheiden wir alle an der Supermarktkasse über den Kosten- und Effizienzdruck, über den wir uns auf der anderen Seite beklagen.

Das gilt übrigens auch für Medien. Da geht doch der Druck dahin, dass Information möglichst nichts kosten soll. Es ist auch wirklich nicht feststellbar, dass echte journalistische Qualität mit besonders hohen Einschaltquoten bzw. hoher verkaufter Auflage belohnt würde, vielmehr wandert die Nachfrage zunehmend ins Seichte ab oder in Quellen der Bestätigung eigener Vorurteile.

LG
Steffchen
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