Ist "zu viel" Wahrnehmung anstrengend?

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Katinele
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Ist "zu viel" Wahrnehmung anstrengend?

Beitrag von Katinele » 21. Dezember 2013 13:09

Hallo liebes Forum,

eigentlich stelle ich hier einen Beitrag gewissermaßen, (aber auch nur gewissermaßen) doppelt ein. Hier hinterfrage ich ganz allgemein die Wahrnehmung - medikamentenungebunden.

Ich habe eine Frage - vor allem an die erwachsenen AD(H)S-ler.

Wenn mein Sohn bedingt durch eine Umstellung auf ein anderes Medikament (Elvanse seit heute) jetzt aussagt, das er es als anstrengend empfindet...kann es daran liegen, weil er vorher "nur" gedämpft andere Geräusche hörte?
Einerseits ist er völlig begeistert jetzt sowohl das Radio, als auch den Fernseher unten im Wohnzimmer zu hören und dazu registriert er auch mich reden und gibt mir - ohne nochmalige Aufforderung - passende Antwort. Wartet sogar ab, bis ich meine Ansprache beendet habe...das konnte er vorher so gut wie nie. Er hatte absolut keine Wahrnehmung der Kommunikationsregeln.
Aber - andererseits sagt er, dass diese veränderte geschärfte Wahrnehmung auch total anstrengend ist.

Kennt Ihr Erwachsenen das aus Eurer Erfahrung vielleicht auch bzw. ist das "völlig normal", wenn man alles plötzlich wahrnehmen kann, dass es anstrengend ist?

Würde mich beruhigen zu hören: Ja, das ist so..daran gewöhnt man sich... :ja1:

Lieben gruss

Kati
Padla
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Re: Ist "zu viel" Wahrnehmung anstrengend?

Beitrag von Padla » 21. Dezember 2013 13:35

ein "zu viel" ist immer anstrengend, allerdings kenne ich beim Junior dieses  "zu viel" nur ohne Medikamente und vor ganze langer Zeit.
Aber da sein Kopf heute noch genauso funktioniert, geb ich seinen Spruch von damals zum besten.
Nach einer halben Stunde Spaziergang in einer fremden Umgebung fragte ich ihn, ob er noch wüßte, wo der Bäcker wäre. Darauf meinte er:
"Ich habe jetzt so viele Bilder im Kopf und bin so müde, ich sag dir morgen, wo der Bäcker ist." Am nächsten Tag zeichnete er mir einen detailgetreuen Plan des Spaziergangs und konnte mir noch jeden einzelnen Vorgarten beschreiben. Allerdings war er in neuen Umgebungen ziemlich schnell durch und müde.
Er meint, er würde jetzt immer noch das gleiche Abspeicherverfahren haben, kann aber unwichtiges auch sofort löschen, erreicht also das "zu viel" wesentlich später
vielleicht hat dir das jetzt ein wenig weitergeholfen,
Katinele
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Re: Ist "zu viel" Wahrnehmung anstrengend?

Beitrag von Katinele » 21. Dezember 2013 13:58

Bei meinem Sohn war es bisher so, dass er ZWINGEND bei irgendwelchen Aktivitäten den Fernseher laufen haben mußte, weil er "die Ruhe nicht ertragen kann" und sich nicht auf etwas konzentrieren konnte.
Ruhe beim Lernen oder Einschlafen ging gar nicht...Katastrophe.

Am Besten zeitgleich noch die Spongebob -CD.....

Die gesamte Geräuschkulisse störte ihn nicht...er muss diese auch irgendwie nur latent - wofür auch immer? - wahrgenommen haben, allerdings kam lautstarker Protest, wenn ich etwas auf Aus stellte.

Und jetzt hört er alles und es strapaziert ihn....also das verstehe einer....?!?.
Lieben Gruss

Kati
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Sheherazade
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Re: Ist "zu viel" Wahrnehmung anstrengend?

Beitrag von Sheherazade » 21. Dezember 2013 14:06

[quote="Katinele"]
Würde mich beruhigen zu hören: Ja, das ist so..daran gewöhnt man sich... :ja1:
[/quote]

Wahrnehmungsstörungen sind immer ein Zuviel oder Zuwenig. Und ja, meistens gewöhnt man sich daran und/oder entwickelt Strategien, damit umzugehen. Wobei eine gesteigerte Wahrnehmung besser zu kompensieren ist als eine verminderte.
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Wölfin
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Re: Ist "zu viel" Wahrnehmung anstrengend?

Beitrag von Wölfin » 21. Dezember 2013 14:11

Ja, man gewöhnt sich in gewissen Grenzen daran.

Ich kann dir ein schönes Beispiel aus einem ganz anderen Bereich geben: Ich habe mal mit jemandem gesprochen, der Hörgeräte verkauft. Da war ganz oft die Rede von "Nebengeräuschen". Lange wusste ich nicht, was das wohl sein sollte... bis mir jemand erklärt hat, dass damit Vogelgezwitscher, fahrende Autos oder so gemeint sind. Leise Geräusche, die immer da sind eben. Leute, die lange so etwas nicht hören konnten, weil es eben leise ist, empfinden das plötzlich als störend. :icon_eek:

Ich habe es ähnlich erlebt, als ich meine Brille bekam: Ich sah plötzlich wieder Details. Die Struktur von Baumrinde. Einzelne Blätter statt der wogenden grünen Masse. Die ersten paar Tage ist es faszinierend und erschlägt einen fast. Danach hat man sich daran gewöhnt und kann es auch mal "übersehen".

Ich höre auch sehr viel, was ich eigentlich nicht hören will. Gespräche zwei Büros weiter höre ich mit, besonders wenn der Kollege auf Lautsprecher gestellt hat. Da ist es aber so, dass ich es ausblenden kann, wenn es mich nicht interessiert. Ich höre hin, bewerte das Thema und kann dann weghören.
Da hat dein Sohn mir gegenüber sogar einen Vorteil: Er hört das Radio, den Fernseher und dich UND kann dir antworten. Ich würde auch alles drei hören aber ob ich dir auch folgen kann, wäre fraglich. :icon_rolleyes:
Im Büro hat man es ja oft, dass mehrere Gespräche gleichzeitig stattfinden. Manche Kollegen haben eine so dominante Stimme, dass ich sie nicht ausblenden kann. Dann zu telefonieren fällt mir schwer. Und zum konzentrierten Arbeiten muss ich dann per Kopfhörer Musik hören.

Ich denke, dein Sohn muss sich wirklich erst an alles gewöhnen. Vielleicht hat er bisher auch etwas kompensiert, was er nun nicht mehr kompensieren muss.
Ich brauchte früher auch IMMER Hintergrundgedudel. Inzwischen gibt es immer wieder Phasen, wo ich die Stille genieße. Musik gibt es jetzt nur, wenn ich sie hören will oder wenn ich etwas anderes nicht hören will.
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Re: Ist "zu viel" Wahrnehmung anstrengend?

Beitrag von Katinele » 21. Dezember 2013 14:12

Ich habe auch vorgeschlagen, dass er dieses oder jenes jetzt aus machen soll...aber da "traut" er sich nicht ran...

Mit MPH hatte er dieses Empfinden nicht. Da war und blieb er in seiner Wahrnehmung  - allerdings führte sein Verhalten nun auch zu wirklich sozialen Schwierigkeiten in der Schule.

Momentan habe ich den Eindruck, als ob dieses wache Hören können auch unbequem ist.
So wirklich glücklich wirkt er durch das neue Medi nicht.....eher beunruhigt oder in der Tat sehr angestrengt.

Lieben Gruss

Kati
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Re: Ist "zu viel" Wahrnehmung anstrengend?

Beitrag von Katinele » 21. Dezember 2013 14:19

[quote="Wölfin"]
und erschlägt einen fast.

Ich denke, dein Sohn muss sich wirklich erst an alles gewöhnen. Vielleicht hat er bisher auch etwas kompensiert, was er nun nicht mehr kompensieren muss.
Ich brauchte früher auch IMMER Hintergrundgedudel. Inzwischen gibt es immer wieder Phasen, wo ich die Stille genieße. Musik gibt es jetzt nur, wenn ich sie hören will oder wenn ich etwas anderes nicht hören will.
[/quote]

Hallo Wölfin,

jawoll......das erschlagen sein trifft es voll!!! Das ist die absolut treffende Beschreibung!
.....für mich als Mama ist es nur gerade am ersten Tag eine Gratwanderung und gerade dann noch ohne eigene Betroffenheit.
Ich möchte mir ein BIld machen. Was spiegelt er mir wieder?

Ich gehe davon aus, das er versuchte zu kompensieren. Dann müßte er jetzt so etwas wie neuen Umgang erlernen mit diesen plötzlich offenen Wahrnehmungskanälen?

Ohne diese Beiträge von Euch wäre ich ganz schön auf den Schlauch gestellt...

Danke!

Katinele
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Wölfin
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Re: Ist "zu viel" Wahrnehmung anstrengend?

Beitrag von Wölfin » 21. Dezember 2013 14:30

Ich gehe davon aus, das er versuchte zu kompensieren. Dann müßte er jetzt so etwas wie neuen Umgang erlernen mit diesen plötzlich offenen Wahrnehmungskanälen?
Man kommt nicht von einem Tag auf den anderen damit klar. Ich würde so zwei Wochen lang mal sehen, ob es besser wird. Am besten auch noch mal den Arzt dazu fragen. Immerhin hat er sich den bisherigen Umgang mit solchen Situationen über eine längere Zeit hinweg angewöhnt und erarbeitet.

Vielleicht ist es ja auch tagesformabhängig, so wie bei meinem Freund (der allerdings Aspie ist und gar keine Medis nimmt). Es gibt Tage, wo er keine Probleme mit Störgeräuschen und viel Trubel um ihn herum hat. Er nimmt es wahr, kann es aber ignorieren... an anderen Tagen stresst ihn schon ein Bruchteil dessen gewaltig.

Es scheint auch Geräusche zu geben, die ihn mehr stören als andere. Die Heizung in meiner Wohnung rauscht ziemlich laut und auch die nahe Schnellstraße stört ihn. Actionfilme mit Verfolgungsjagten und Schießereien kann er aber einfach nebenher laufen lassen... das macht mich dann wieder irre. :kk:

Vielleicht kannst du mit deinem Sohn zusammen mal nachstellen, wie es für ihn früher war und wie es jetzt ist. Wenn er früher alles gedämpft wahrgenommen hat, wäre das zum Beispiel alle möglichen Audioquellen ganz leise an machen, so dass man es hört, es aber nicht stört. Oder etwas lauter und sich dann die Ohren zu halten... was erschwerte Gespräche erklären würde. Er scheint noch recht klein zu sein, wenn er Spongebob hört. Aber ich denke, er wird dir schon erklären können, was sich verändert hat. :ja1:

Mich wundert, dass er früher keine Stille mochte. Weißt du warum?
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Re: Ist "zu viel" Wahrnehmung anstrengend?

Beitrag von Katinele » 21. Dezember 2013 14:39

Warum?

Ich denke, das hat mit dem nicht abschalten können zu tun...
Nein! So klein ist er nicht. Er ist 13 1/2, aber fällt absolut ins AD(H)S typische Entwicklungsverzögert im sozio-emotionalen Bereich hinein. Ca. 2 Jahre...Dafür ist er im intellektuellen Bereich "zu alt" für sein Alter.

Ich werde mal Deine Tipps umsetzen.
Wen mir etwas plausibel erscheint, kann ich es ebenfalls ihm plausibel machen - da ist er so weit!

Viel lieben Dank Dir - das war für mich absolut hilfreich!!
tomasxc

Re: Ist "zu viel" Wahrnehmung anstrengend?

Beitrag von tomasxc » 21. Dezember 2013 22:08

Danke für Ihren Beitrag. :)
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